Darum gehts
Frau Frieden, Sie wurden am 17. Februar 2006 Olympiasiegerin im Snowboardcross. Doch war der 14. Januar 2006 nicht ein viel wichtigeres Datum für Sie?
Tanja Frieden: Da bin ich überfragt. Was war damals?
Stichwort Weltcup im italienischen Kronplatz.
Das war wirklich ein sehr wichtiger Wettkampf für den Fortlauf meiner Karriere. Damals kämpften noch sechs Schweizerinnen für einen Olympia-Startplatz. Ich musste in Kronplatz ein Topresultat herausfahren, um mich zu qualifizieren, doch die beiden Wochen zuvor lag ich krank im Bett. Und auch der Renntag selbst war schwierig. Da die Schnürung meiner Schuhe kaputt war, musste ich die behelfsmässig flicken. Ausserdem war noch eine Bindung gebrochen und der Reissverschluss meines «Jäcklis», mit dem ich fuhr, defekt. Doch ich überwand all die Widerstände, wurde Vierte und danach für Olympia nominiert. Hätte ich in Kronplatz nicht geliefert, sässen wir jetzt hier wohl nicht zusammen.
Dass Sie es überhaupt an die Olympischen Spiele geschafft hatten, war keine Selbstverständlichkeit. Als Teenager sagten Ihnen die Ärzte, Sie sollten das mit dem Sport besser sein lassen.
Mit 17 hatte ich beim Verlassen des Hauses aus dem Nichts einen schweren epileptischen Anfall. Ich fing an, heftig zu zittern, und fiel dann einfach um. Heute weiss ich aber: Ohne die Epilepsie wäre ich vielleicht nicht Olympiasiegerin geworden.
Das müssen Sie jetzt erklären.
Die Ärzte diagnostizierten damals einen Grand-mal-Epilepsie-Anfall, eine sehr starke Form dieser Krankheit. Deshalb hiess es, es sei viel zu gefährlich, damit eine Karriere als Profisportlerin anzustreben und um die Welt zu reisen. Die Experten konnten nicht herausfinden, woher diese Epilepsie kam. Deshalb machte ich mich selbst auf die Suche. Ich wusste, dass ich den Grund nicht auf der körperlichen Ebene finden würde, sondern in meinem Innern. Ich musste lernen, meinen Körper besser wahrzunehmen und meine innere Stimme kennenzulernen. Ich habe mich nicht gefragt, warum das passiert ist, sondern wozu, das ist ein Riesenunterschied. Dieser Reise habe ich viel zu verdanken, weil ich dadurch viel über mich gelernt habe. Damals und heute. Für andere wäre diese Diagnose ein Karrierekiller gewesen, für mich aber der Schlüssel zum Erfolg. Deshalb sage ich rückblickend: Meine Epilepsie war für mich ein Riesengeschenk.
Die ersten Jahre fuhr die Berner Oberländerin noch für Norwegen, die Heimat ihrer Mutter Kari. 2006 wurde sie für die Schweiz Olympiasiegerin im Snowboardcross. Im Weltcup fuhr sie insgesamt zehnmal aufs Podest. 2010 beendete sie nach ihrem schweren Unfall in Stoneham ihre Karriere. Frieden ist Mutter von Sohn Luam, der 2016 zur Welt kam. Sie ist Gründerin der Friedens Academy (www.tanjafrieden.com).
Die ersten Jahre fuhr die Berner Oberländerin noch für Norwegen, die Heimat ihrer Mutter Kari. 2006 wurde sie für die Schweiz Olympiasiegerin im Snowboardcross. Im Weltcup fuhr sie insgesamt zehnmal aufs Podest. 2010 beendete sie nach ihrem schweren Unfall in Stoneham ihre Karriere. Frieden ist Mutter von Sohn Luam, der 2016 zur Welt kam. Sie ist Gründerin der Friedens Academy (www.tanjafrieden.com).
Schon 2002 sagten Sie sich: Ich werde Olympiasiegerin. Warum waren Sie sich so sicher?
Einen grossen Anteil daran hatte mein damaliger Freund und Snowboardcrosser Seth Wescott. Er war meine Muse (lacht) und meinte eines Tages: «Komm wir gewinnen zusammen Olympia-Gold.»
Glaubten Sie daran?
Zu Beginn natürlich nicht. Der Mensch findet immer selbst genügend Einwände, warum etwas nicht klappen wird.
Im September 2004 war plötzlich alles anders: Ihre Freundin und Snowboarderin Line Oestvold verunglückte tödlich.
Das war sehr heftig. Damals fand in Chile der Weltcup statt. Line war zuvor eigentlich schon zurückgetreten. Als aber klar war, dass das Snowboardcross olympisch werden würde, plante sie ein Comeback. Ich freute mich so sehr für sie. Wir sprachen in jenen Tagen oft darüber und sagten uns, dass wir es gemeinsam nach Turin schaffen würden.
Stimmt es, dass Sie die Letzte waren, die mit Oestvold sprach?
Ja, das war so. Kurz vor ihrem Tod redeten wir noch miteinander. Als sie dann während ihres Trainingslaufs tödlich verunglückte, war ich auf dem Lift. Nach fünf Tagen im Koma starb Line. Damals schwor ich mir, dass ich auch für sie bei Olympia starten werde. Ich trug ab da jeweils stets farbige Trauerbänder im Hosensack, auch in Turin.
Lassen Sie uns zurück in den Olympia-Winter 2006 springen. Sie sprachen vorhin über den gemeinsamen Traum mit Ihrem Freund Seth Wescott. Doch zwei Monate vor den Spielen trennten Sie sich.
Das war eine verrückte Zeit, wir kamen erst wieder kurz vor den Spielen zusammen. Während Olympia verbrachten wir dann sehr viel Zeit miteinander, und als er am 16. Februar Olympiasieger wurde, war die Freude natürlich gross.
Der 17. Februar 2006 sollte dann Ihr grosser Tag werden. Wie war die Nacht zuvor?
Ich habe kaum geschlafen. Als ich am Morgen aufstand, war mir grottenschlecht. Obwohl ich absolut keinen Hunger hatte, war ich mir bewusst, dass ich unbedingt etwas essen musste. Also stopfte ich lustlos das Frühstück in mich rein, wie eine Mastgans. Doch ich wusste schon damals: Am Tag X haben alle Probleme. Der, der am besten mit diesen Störungen umgehen kann, der gewinnt. Irgendwie spürte ich: Ohne Medaille gehe ich hier nicht weg.
Was dann im Final passierte, war legendär. Die Amerikanerin Lindsey Jacobellis führte souverän, bis sie beim letzten Sprung stürzte, und Sie sie noch überholen konnten.
Das war halt typisch Snowboardcross. Ich als ältere Kuh im Stall hatte schon vorher die Erfahrung machen dürfen, dass bis zum Schluss alles passieren kann und man deshalb fokussiert bleiben muss.
Und plötzlich waren Sie Olympiasiegerin. Realisierten Sie das überhaupt?
Ich spürte ein absolutes Glücksgefühl, die ganze Anspannung war weg. Ich bin nur noch gehüpft und konnte keine Sekunde mehr still stehen. Offenbar machte ich dann auch noch einen Handstand. Und ich erinnere mich noch daran, wie die Familie und alle Freunde da waren und sich freuten. Ein magischer Moment.
Mussten Sie während der Siegerehrung an Ihre Freundin Line Oestvold denken?
Ja, dieser Moment der Siegerehrung gehörte ihr und ihren Eltern.
Seit Ihrem Olympiasieg ist der «Plämpu» ein geflügeltes Wort. Wie kam es dazu?
Wenn man sich die Medaille um den Hals hängt, «plampet» die so hin und her. Deshalb der Begriff «Plämpu».
Ihre Freude hielt aber nicht sehr lange an. Warum?
Wegen der Trennung von Seth. Plötzlich waren wir beide Olympiasieger. Dass unsere Beziehung noch in Turin in die Brüche ging, hat bestimmt auch mit Olympia zu tun, denn der Erfolg hat sehr viele Nebenwirkungen. Wenn man sich ein Ziel steckt, sollte man auch hinter die Ziellinie schauen. Doch ich habe mich vorher nicht gefragt: Was mache ich mit meiner Beziehung und meinem Leben, wenn ich Olympiasiegerin bin? Deshalb war ich in jenen Tagen die traurigste Olympiasiegerin der Welt.
Sie standen danach von heute auf morgen im Rampenlicht. Wie schwierig war es, damit umzugehen?
Es hat wie so vieles im Leben zwei Seiten. Auf der einen Seite konnte ich den Leuten meine Mission, gross zu denken und zu träumen, weitergeben. Auf der anderen Seite stand ich plötzlich komplett im Rampenlicht, und es wurde nur noch meine Identität als Olympiasiegerin wahrgenommen. Alles wurde kommentiert und beurteilt. Einmal ging ich ins Restaurant und bestellte Pommes frites. Da wurde ich doof angeschaut, im Sinn von: «Schau mal die Spitzensportlerin an, die isst einfach Pommes frites. Gesund ist das für eine Athletin aber nicht.»
Ihr Olympiasieg soll auch eine Herausforderung für die Beziehung zu Ihrer älteren Schwester Bettina gewesen sein.
Was das mit deinen engsten Leuten macht, kann man sich gar nicht vorstellen. Zuvor dachte ich immer: Wenn du Gold holst, freuen sich alle für dich. Doch für meine Schwester war das nicht immer nur lustig. Obwohl sie meine grössere Schwester ist, wurde sie reduziert, weil sich alles nur um mich drehte. Heute kann ich das verstehen. Bereits kurz nach meinem Olympiasieg wurde meine Schwester von einem Journalisten angerufen und gefragt, wie es sei, die Schwester einer Olympiasiegerin zu sein. Wie es ihr ging, interessierte niemanden. Sie war nur noch ein Anhängsel. Für das Bewusstsein der Familienmitglieder ist ein solcher Erfolg nicht nur das Beste.
Stimmt es, dass Sie aus Rücksicht auf Ihre Schwester einmal eine SM-Medaille zu Hause gar nicht zeigten?
Ja, das ist wahr. Heute können wir aber beide darüber lachen. Und ich habe ihr auch ein Stück weit meinen Sohn zu verdanken. Sie hatte schon früh Kinder und weckte dadurch auch in mir die Lust aufs Mamisein.
Gab es nach Ihrem Olympiasieg auch innerhalb der Snowboardszene Neid und Missgunst?
Ich war eine der ersten Schweizer Sportlerinnen, die sich in den Medien auch privat gezeigt haben. Dadurch habe ich bestimmt den Sport auch weitergebracht und Sponsoren angelockt, gleichzeitig fanden das aber nicht alle cool. Ein Olympia-Triumph hat halt auch Schattenseiten.
2010 träumten Sie von einer erneuten Olympia-Teilnahme. Doch dann kam der 28. Januar 2010.
Damals riss ich mir bei einem Unfall in Stoneham beide Achillessehnen und verletzte mich an einer Schulter schwer. Dieser Crash war kein Zufall.
Wie meinen Sie das?
Schon Jahre vorher signalisierte mein Körper, dass es so nicht weitergehen kann. Doch ich hatte halt noch dieses Kopf-Ziel Olympia 2 in meinem sturen Kopf. Deshalb habe ich all die Warnsignale unterdrückt. Es gab im Vorfeld von Stoneham so viele Zeichen, die ich ignoriert habe. Ich wollte damals eigentlich gar nicht dorthin reisen und in der Nacht vor dem Unfall träumte ich davon, mir das Bein zu brechen. Ich hätte einfach die Ausfahrt nehmen sollen, doch ich liess meinen Fuss auf dem Gaspedal und blochte einfach weiter.
Wenige Stunden später lagen Sie in Québec im Spital.
Diese Zeit dort war unglaublich emotional. Ich lag in diesem Spital irgendwo in einem Gang in einem Notbett neben der Kaffeemaschine. Man kümmerte sich kaum um mich, weil ich körperlich zu wenig kaputt war. Gleichzeitig war mein Traum geplatzt und meine Seele verletzt. Das war eine unglaublich schlimme Erfahrung. Es war wie im Gladiatorentum. Ich habe nicht erfüllt und wurde deshalb wie ein Stück Abfall einfach weggeschmissen. Vom Team hat sich damals niemand um mich gekümmert. Die waren sogar froh, dass ich weg war, weil es dadurch einen freien Platz für Olympia hatte. Es gab aber auch noch eine komplett andere Seite.
Welche?
Als ich am Boden lag, gab es einfach nur Entspannung im System. Ich war fast ein bisschen froh, dass ich nicht mehr liefern musste, dass ich gestoppt wurde. Ich habe in jener Zeit unglaublich viel über mich und das Leben gelernt. Und das Coaching, das ich heute betreibe, ist indirekt damals entstanden.
Was machen Sie heute konkret?
Ich bin die Gründerin der Friedens Academy, die es nun schon seit 17 Jahren gibt. Ich habe acht Mitarbeitende und bin international tätig. Mittlerweile arbeite ich als Energie- und Transformationscoach und helfe meinen Klienten auf dem Weg zu mehr Leichtigkeit und Gelassenheit, Freude im Leben und dem Erreichen ihrer Herzensziele und im Ausleben ihrer Geniezone.
Sie werden am 6. Februar 50. Was macht diese Zahl mit Ihnen?
Das ist übrigens der Tag der Olympia-Eröffnungsfeier. 50 ist zwar noch eine krasse Zahl, aber ich bin gelassen und spüre, dass etwas passieren wird.
Wie meinen Sie das?
Bei mir geschieht alle zehn Jahre etwas Aussergewöhnliches. Mit 20 startete ich im Snowboard so richtig durch, mit 30 wurde ich Olympiasiegerin und mit 40 kam mein Sohn Luam zur Welt. Ich spüre, dass nun wieder etwas passieren wird. Darauf freue ich mich sehr.