Darum gehts
- 100-Meter-Limite für WM 2027 auf 10,96 Sekunden gesenkt
- Nur drei Schweizerinnen sind bisher unter 10,96 Sekunden gelaufen
- WM 2025-Limite lag bei 11,07 Sekunden, jetzt deutliche Verschärfung
10,96 Sekunden. So schnell müssen 100-Meter-Sprinterinnen künftig laufen, um sich direkt für die Leichtathletik-WM 2027 in Peking zu qualifizieren. Für die Schweizer Rekord-Staffelläuferin Salomé Kora ist diese Vorgabe zu extrem. Auf Instagram reagiert sie mit einer Instagram-Story und schreibt dazu: «Is this a joke?»
Im Gespräch mit Blick erklärt die 31-Jährige nun ihren Frust. «Sie ist einfach schon sehr, sehr tief. Das ist echt krass», sagt Kora. «Zum ersten Mal an die WM konnte ich 2017, damals war die Limite bei 11,26 Sekunden. Ich verstehe, dass sich das Niveau steigert, aber das ist schon sehr extrem.»
Besonders störe sie der riesige Sprung. Für die WM 2025 in Tokio lag die Limite noch bei 11,07 Sekunden, nun wurde sie für die Titelkämpfe 2027 in Peking auf 10,96 gesenkt.
«Das schaffen wirklich nur megawenige Leute», sagt Kora. «Es ist sehr demotivierend, wenn da eine Zahl steht, bei der man das Gefühl hat, sie sei für die meisten Athletinnen unerreichbar.» Um die 50 Athletinnen starten bei einer WM.
Limite schon mal geschafft
2024 lief Kora in La Chaux-de-Fonds starke 10,95 Sekunden – und wäre damit sogar unter der neuen Limite. Trotzdem kritisiert sie die Vorgabe. «Ich bin seit zehn Jahren an jedem Grossanlass dabei und bin diese Limite nur einmal im Leben gelaufen. Das zeigt doch schon, wie krass sie ist.» Bis jetzt sind in der Schweiz erst drei Frauen unter 10,96 gelaufen. Mujinga Kambundji (33), Ajla Del Ponte (29) und eben Kora. Sie sagt: «Ausserdem braucht es für den 100-Meter-Final einer WM selten eine Zeit unter 11 Sekunden. Das zeigt die Dimension dieser Limite!»
Für Kora ist das Problem grösser als ihre persönliche Situation. Wer die Limite nicht schafft, muss sich über das Ranking qualifizieren. Dort zählen nicht nur die gelaufenen Zeiten und Platzierungen, sondern auch die Wertigkeit des Meetings. Eine starke Leistung bei einem Top-Meeting bringt deutlich mehr Punkte als dieselbe Leistung bei einem kleineren Wettkampf. Genau darin sieht Kora die nächste Schwachstelle. «Das Ranking ist so kompliziert, ausserhalb der Leichtathletik checkt das niemand», sagt sie. «Man rennt die ganze Zeit irgendwelchen Punkten hinterher. Dabei ist Leichtathletik eigentlich der simpelste Sport überhaupt. Es geht um Zeiten und Distanzen.»
Grosser Nachteil für afrikanische Athletinnen
Auch sportlich gehe dadurch etwas verloren. «Früher war es an Meetings immer ein riesiges Highlight, wenn jemand die WM-Limite geschafft hat. Dann wurde gefeiert. Mit so einer hohen Limite fällt das fast weg.» Besonders kritisch sieht Kora die Auswirkungen auf Athletinnen aus Ländern mit wenigen hochklassigen Wettkämpfen.
«Als Athletin in der Schweiz und in Europa habe ich viele Vorteile», sagt sie. «In Afrika beispielsweise gibt es nur ganz wenige Meetings. Diese Athletinnen müssen oft um die halbe Welt reisen, Flüge und Hotels bezahlen, nur um genügend Punkte fürs Ranking zu sammeln.» Dadurch würden nicht immer die Schnellsten belohnt.
«Diese Meetings sind auch eine Art Lobby. Um in gewisse Wettkämpfe reinzukommen, braucht es Connections. Ich habe schon erlebt, dass Läuferinnen, die langsamer waren als ich, einen Startplatz erhalten haben und ich nicht.»
Zuversichtlich für die Quali
Ihre Wunschlösung wäre deutlich moderater ausgefallen. «Ich finde, 11,07 oder 11,08 wäre fair gewesen. Das würden auch nicht viele schaffen. Aber es wäre eine Zeit, bei der man das Gefühl hat: Mit perfekten Bedingungen und in Top-Form kann ich das erreichen.»
An ihren WM-Hoffnungen ändert die Kritik allerdings nichts. Kora ist überzeugt, dass sie sich auch für Peking qualifizieren kann. «Die letzten Weltmeisterschaften und auch Olympia habe ich über das Ranking geschafft. Deshalb bin ich zuversichtlich.» Und Kora bleibt ehrgeizig. Sie lacht. «Auch wenn die Limite weit weg ist und es schwierig sein wird, ist es trotzdem mein Ziel, sie zu knacken!»