Darum gehts
- Schweizer 4x100-Meter-Frauen holen EM-Silber in Birmingham nach zwölf Jahren
- Entscheidender Wechsel misslingt, doch Salomé Kora rettet sensationell den zweiten Platz
- 42,38 Sekunden im Vorlauf, Ajla Del Ponte verzichtet zugunsten von Fabienne Hoenke
Zwölf Jahre lang haben sie auf diesen Moment gewartet. Zwölf Jahre lang trainiert, gehofft, gekämpft – und immer wieder erlebt, wie ihnen das Staffel-Glück im entscheidenden Moment aus den Händen glitt. Nun, in Birmingham, ist es endlich passiert: Die Schweizer 4x100-Meter-Frauen holen EM-Silber. Und schreiben damit das schönste Kapitel eines Staffelprojekts, das 2014 an der Heim-EM in Zürich seinen Anfang nahm.
Rückblick auf die Stationen, die das Staffel-Projekt in diesen zwölf Jahren prägten. Und jetzt mit der ersten Grossanlass-Medaille versilbert wurden.
2014 stehen Mujinga Kambundji, Marisa Lavanchy sowie Ellen und Léa Sprunger im Final. Dann passiert das, was sich später wie ein schlechtes Omen anfühlen wird: Nach zwei Schritten gleitet Kambundji der Stab aus der Hand, die Schweiz scheidet aus.
Immer wieder auf dem vierten Rang
Zwei Jahre später in Amsterdam ist die Schweiz plötzlich ganz nah dran. EM-Rang vier. 2018 an der EM in Berlin? Wieder Rang vier. 0,07 Sekunden fehlen auf Bronze. 2019 in Doha? Wieder Rang vier. Diesmal auf WM-Level, diesmal sind es lumpige 0,08 Sekunden.
Und dann Tokio 2021. Die Sternstunde. Im Olympia-Final laufen Kambundji, Salomé Kora, Ajla Del Ponte und Riccarda Dietsche Schweizer Rekord: 42,05 Sekunden im Vorlauf. Es ist bis heute die schnellste Zeit der Schweizer Geschichte. Und trotzdem: Rang vier im Final.
Immer wieder Rang vier. Es ist beinahe absurd. Dazwischen gibt es weitere Kapitel, die sich wie eine Sammlung von Staffel-Flüchen lesen. 2022 scheidet das Team bereits im EM-Halbfinal aus. 2024 dann wieder Drama: In Rom verliert Sarah Atcho-Jaquier im Kampf um Bronze kurz vor dem Ziel den Stab. Bei Olympia 2024 in Paris wird die Schweiz nach einem zu späten letzten Wechsel disqualifiziert.
Und auch 2025 in Tokio an der WM ist schon im Vorlauf Schluss – nach einem Wechselfehler von Léonie Pointet auf Ajla Del Ponte.
Nicht schon wieder Vierte
Es ist eine Geschichte voller «fast», «knapp» und «nicht schon wieder». Bis jetzt. Aber auch im EM-Final von Birmingham sieht es plötzlich wieder nach dem alten Drehbuch aus. Der letzte Wechsel von Pointet auf Kora misslingt. Kora muss abbremsen, verliert Tempo und wertvolle Meter. Die Konkurrentinnen ziehen davon. Was nach einem weiteren Staffel-Drama aussieht, verwandelt Kora in eine der spektakulärsten Zielgeraden des Abends. Später sagt sie zu Blick: «Ich konnte nicht dafür verantwortlich sein, noch einmal Vierte zu werden!»
Kora spricht von einer «unglaublichen Energie» in der Gruppe. Von den vier Final-Läuferinnen, aber auch von den Athletinnen, die am Morgen oder als Ersatzläuferinnen Teil des Teams waren. «Wir sind wirklich ein unglaubliches Team», sagt sie. «Und wir haben so viel gearbeitet.»
Verzicht fürs Team
Und dann gibt es da noch eine Frau, deren Anteil an dieser Medaille kaum grösser sein könnte – obwohl sie gestern gar nicht im Final lief. Ajla Del Ponte. Die Tessinerin lief am Morgen im Vorlauf noch die zweite Ablösung. Die Schweizerinnen gewannen in 42,38 Sekunden (Saisonbestzeit) und zogen souverän in den Final ein. Wenige Stunden später dann die Überraschung: Del Ponte würde nicht mehr laufen. Für sie rückte Hoenke ins Team.
Es war Del Pontes eigene Entscheidung. Sie selbst ging auf Staffeltrainer Kim Beytrison zu und sagte, Hoenke habe es verdient. Sie sei schnell. Sie solle ihre Chance bekommen. «Natürlich war es keine leichte Entscheidung», sagt Del Ponte. «Aber es geht um mehr als nur persönliche Gefühle.»
Ausgerechnet Del Ponte, die dieses Projekt seit Jahren mitträgt. Die in Tokio Olympia-Vierte wurde. Die selbst so oft erlebt hat, wie wenig zum Podest fehlte. Die gestern allen Grund gehabt hätte zu sagen: Jetzt bin ich dran. Doch sie stellte sich hinten an. «Ich bin nur ein Teil des Puzzles», sagt sie.
Del Ponte wird mit ihnen auf dem Podest stehen. Und irgendwie stehen dort auch all jene, die dieses Projekt über zwölf Jahre mitgetragen haben: Mujinga Kambundji, Sarah Atcho-Jaquier, die Sprunger-Schwestern, Marisa Lavanchy und viele mehr. Del Ponte dachte gestern genau an sie. «Ich habe an all die Mädchen gedacht, die mit uns trainiert haben», sagt sie. «Sie haben es verdient, an dieser Feier teilzuhaben.»
Zwölf Jahre nach Zürich ist es endlich geschafft. «Es gibt keine Verfluchung mehr. Das wars!», bringt es Pointet auf den Punkt.