Darum gehts
- Jason Joseph gewinnt mit 13,12 Sekunden Gold bei EM in Birmingham
- Schweizer Rekord knapp verpasst, beste Saisonzeit gelaufen
- Erste Schweizer Goldmedaille dieser Europameisterschaft 2026
«Gold kann er holen. Als Mutter glaube ich bedingungslos an ihn.» Das sagte Susan Gross (58) kurz vor der EM zu Blick. Ihr Sohn Jason Joseph (27) sass daneben und blieb vorsichtiger. «Ich will das Bestmögliche aus meinem Körper herausholen. Wenn ich das schaffe, ist vieles möglich.» Jetzt wissen wir: Die Mutter hatte recht.
Der Baselbieter haut in Birmingham einen raus – und rast in 13,12 Sekunden in grandioser Manier zum grössten Erfolg der Karriere. Der Knopf ist aufgegangen. Und zwar genau dann, als es darauf ankam.
Eine holprige Saison
Denn vor diesem Coup war Josephs Saison alles andere als eine goldene Saison. «This season is rocky», schrieb er selbst auf Instagram. Rang 8 in China, danach Platz 4 und 6. Als es langsam besser lief, stoppte ihn eine Oberschenkelverletzung.
Und grosse Finals waren für Joseph bisher ohnehin eher eine Geschichte der verpassten Chancen. EM-Final 2022: Platz 4. WM-Final 2023: Enttäuschung. WM-Final 2025 in Tokio: der wohl bitterste Moment. Joseph schiesst aus dem Startblock – und bleibt wie blockiert nach wenigen Metern stehen. Jetzt hat er dafür gesorgt, dass man sich an Tokio nicht mehr erinnern muss.
Lieber Fussballer oder Basketballer
Vielleicht passt diese Geschichte sogar ziemlich gut zu Jason Joseph. Denn dieser Mann hat in seiner Karriere schon öfters Entscheidungen getroffen, die nicht unbedingt auf der Hand lagen.
Eigentlich wollte er gar kein Leichtathlet werden. Fussball- oder Basketballprofi war sein Traum. Dann kam ein Sporttag an seiner Schule. Joseph war elf, als er dort entdeckt wurde. Er qualifizierte sich fürs UBS-Kids-Final, wo er einem Coach des LC Therwil auffiel. Die Hürden waren zunächst sogar seine «am wenigsten gemochte Disziplin».
Mit 17 Jahren platzt der Knoten. Aus der ungeliebten Disziplin wurde seine Lebensaufgabe. Heute ist Joseph zweifacher Schweizer Rekordhalter, Hallen-Europameister, EM-Bronzemedaillengewinner – und nun Europameister über 110 Meter Hürden.
Private Beziehung zu Beachvolleyball-Spielerin
Auch seine Herkunft gehört zu dieser Geschichte. Sein Vater stammt von der karibischen Insel Saint Lucia. Die Verbindung zur Insel ist bis heute eng. Alle paar Jahre reist Joseph dorthin, um Verwandte zu besuchen.
Privat ist Joseph mit der Beachvolleyballerin Zoé Vergé-Dépré (28) liiert. Die beiden halten ihre Beziehung aus der Öffentlichkeit raus. Während Joseph in Birmingham gerade nach Gold griff, muss Vergé-Dépré an der Beachvolleyball-EM an der Seite ihrer Schwester Anouk ihrerseits gerade die Auftaktniederlage verarbeiten.
Keinen Abschluss
Auch ausbildungsmässig musste Joseph irgendwann eine Entscheidung treffen. Nach der obligatorischen Sekundarschule begann der Baselbieter die Wirtschaftsmittelschule in Reinach, brach diese aber ab. «Ich bin nie gerne in die Schule gegangen.»
Seine Mutter bemerkte damals, wie sehr ihn die Doppelbelastung beanspruchte. «In den Sommerferien war er jeweils wieder der Alte. Danach wieder nicht.» Als ihr Sohn irgendwann zu ihr sagte, er wolle sich ganz auf den Sport konzentrieren, unterstützte sie ihn. «Ich hätte ihm dasselbe vorgeschlagen. Im Leben musst du die Dinge richtig und nicht halbpatzig machen.»
«Werde weitermachen, bis ich umfalle»
Joseph setzte alles auf den Sport. Ohne Garantie, dass es funktioniert. Einen fehlenden Abschluss sieht er heute trotzdem nicht als Weltuntergang. «Es gibt genug Leute, die auch so etwas erreicht haben.» Und jetzt ist da diese Goldmedaille.
Vielleicht ist sie auch das Resultat davon, dass Joseph ziemlich konsequent seinen eigenen Weg geht. Er definiert sich stark über den Sport. So stark, dass er sich kaum vorstellen kann, dass irgendwann Schluss sein soll.
«Ich werde weitermachen, bis ich umfalle», sagt er lachend. Eigentlich sei ja mit 30 meistens Schluss. Joseph erzählt: Der Südafrikaner Antonio Alkana sei auch noch mit 34 eine PB gelaufen: «Dann kann ich das auch!», fügt er schmunzelnd hinzu.
Am liebsten würde er seine Karriere etwa mit 36 beenden. Danach? Den nächsten Profisport ausprobieren. Er lacht. Europameister ist er jetzt schon. Und seine Mutter? Die hat es offenbar schon Ende Juli gewusst.