Darum gehts
Jason Joseph (27) kommt 10 Minuten zu früh zu seinem Termin mit Blick. Seine Mutter Susan Gross (58) lacht. «Er ist pünktlich wie die SBB! Das ist das Schweizerische an ihm. Aber die Lockerheit hat er aus der Karibik.»
Tatsächlich passt diese Aussage erstaunlich gut zu einem Mann, der auf den ersten Blick schwer zu fassen ist. Joseph gehört seit Jahren zu den besten Hürdenläufern Europas, hält zwei Schweizer Rekorde und hat EM-Bronze sowie Hallen-EM-Gold gewonnen. Trotzdem weiss man über den Basler erstaunlich wenig. Er gibt selten Interviews, hält sein Privatleben konsequent aus der Öffentlichkeit heraus und lässt lieber seine Leistungen sprechen.
Umso ungewöhnlicher ist dieser Nachmittag auf der Schützenmatte in Basel. Dort, wo Joseph fast täglich trainiert, nimmt er sich kurz vor der EM in Birmingham ungewöhnlich viel Zeit. Er erzählt über seine schwierige Saison, seine Familie – und über einen Moment, der ihn bis heute verfolgt.
Kurioser Final-Moment
Die Rede ist vom WM-Final in Tokio im vergangenen September. Der Startschuss fällt. Joseph schiesst aus dem Block – und bleibt plötzlich stehen. Während die Konkurrenz über die Hürden jagt, ist sein Rennen nach wenigen Metern vorbei. Ein Moment, den damals kaum jemand verstand.
«Ich bin so gut aus dem Startblock gekommen, dass ich selber irritiert war», sagt der Basler an diesem Nachmittag. Besonders bitter: Auf dem WM-Podest standen danach Athleten, die er die ganze Saison über geschlagen hatte. «Wenn ich zurückdenke, scheisst es mich mega an. Ich werde nie wissen, wie es gewesen wäre, in diesem Stadion im Final zu laufen. Oder eine Medaille zu gewinnen.»
Nach dem Rennen ging er beim Abschlusstraining nochmals auf die Bahn. «Ich musste Abschied nehmen von dieser Bahn. Ich war einfach blockiert.» Heute ist er überzeugt: «Das ist etwas, was mir nie wieder passieren wird.»
Jetzt wartet Birmingham.
Die EM ist eine neue Chance – aber auch eine mit Fragezeichen. «This season is rocky», schrieb Joseph selbst auf Instagram. Rang 8 in China, danach Rang 4 und Rang 6. Als es endlich klickte, stoppte ihn eine Oberschenkelverletzung. «Ich bin nicht unzufrieden mit meiner Saison. Aber ich weiss selber nicht genau, wo ich stehe.»
Wer verstehen will, warum Joseph so konsequent seine Privatsphäre schützt, muss seine Mutter treffen. Susan Gross ist nicht nur seine engste Bezugsperson, sondern auch Teil seines Managements. Sie organisiert Medientermine, unterstützt ihn administrativ und sorgt dafür, dass ihr Sohn neben dem Spitzensport noch ein normales Leben führen kann. Funfact: Beide sind am 11. Oktober geboren, beide im Sternzeichen Waage. Ausgeglichen also, sagt man.
Mutter schützt Privatleben
Die beiden hatten schon immer eine sehr enge Beziehung, und Gross begleitet Joseph bis heute an möglichst viele Wettkämpfe. Dafür hat sie sogar den Job gewechselt, um flexibler zu sein. «Bei seinen Läufen sterbe ich tausend Tode. Ich bin nervöser als er», sagt sie. Am meisten stolz sei sie aber nicht auf Medaillen oder Rekorde, sondern auf den Menschen, der aus ihrem Sohn geworden sei: «Er ist unglaublich liebevoll und fürsorglich.»
Dass sie sein Privatleben schützt, hat einen Grund. «Es tut mir weh, was manchmal über Jason oder auch Sportler geschrieben oder kommentiert wird», sagt sie. «Viele Menschen sehen nur das Resultat und vergessen, wie viel Herzblut dahintersteckt.» Deshalb achte sie darauf, dass Jason einen Raum habe, der nur ihm gehöre.
Auch über seine Beziehung mit Beachvolleyballerin Zoé Vergé-Dépré (28) verliert Joseph kaum ein Wort. Nur so viel lässt er sich entlocken: So nervös, wie seine Mutter bei seinen Rennen sei, sei er jeweils bei den Wettkämpfen seiner Freundin.
Viel vom Vater abgeschaut
Zu seiner Geschichte gehört auch sein Vater, der von der karibischen Insel St. Lucia stammt. Auch die Beziehung zu seinem Vater ist eng. «Er ist ein richtiger Mann, hat einen mega starken Charakter», sagt er. «Zwei, drei Sachen habe ich sicher von ihm übernommen.» Der Vater hat vor kurzem in der Nähe der Schützenmatte ein Restaurant eröffnet, die beiden sehen sich regelmässig. Nach St. Lucia reist Joseph immer wieder, dort lebt ein grosser Teil seiner Familie.
Vielleicht ist genau diese Mischung sein grösster Trumpf: Schweizer Disziplin und karibische Gelassenheit. «Ich bewundere ihn für diese Lockerheit. Nichts bringt ihn aus der Ruhe!», sagt auch seine Mutter. Sie reist in ein paar Tagen mit ihrem Sohn nach Birmingham. Für sie ist die Sache klar: «Er hat es drauf. Gold kann er holen. Als Mutter glaube ich bedingungslos an ihn.» Joseph selbst bleibt vorsichtiger. «Ich will das Bestmögliche aus meinem Körper herausholen. Wenn ich das schaffe, ist vieles möglich.» Mehr will er vor der EM nicht versprechen.