Es ist die grösste Revolution im Fussball in der jüngeren Vergangenheit: Die Einführung des Video Assistant Referees (VAR), der im September 2016 erstmals im Rahmen eines niederländischen Cupspiels auf höchster Ebene getestet worden ist. Auch zehn Jahre nach der Premiere sorgt der VAR für Diskussionen und rote Köpfe. Die jüngsten Ereignisse rund um die WM in Nordamerika haben das Wirr-VAR noch verstärkt. Kommt hinzu, dass der Videoschiedsrichter immer mehr Kompetenzen erhält; seit dieser Saison dürfen unter anderem auch zweite Gelbe Karten, die zu Platzverweisen führen, oder falsch gegebene Corner überprüft und zurückgenommen werden.
Blick-Experte Urs Meier (67) sieht die Entwicklung kritisch. «Die Fifa will Fehlentscheide möglichst eliminieren und die Technik auch mit Hilfe von KI vorantreiben.» Dadurch hätten die Schiedsrichter immer weniger Einfluss auf das Spiel. «Ob das der richtige Weg ist? Ich glaube nicht, denn nur ein Mensch mit Fussballsachverstand und Menschenkenntnis kann ein Spiel leiten», so Meier. Er ist überzeugt, dass das Ende der Fahnenstange noch nicht erreicht ist, schliesslich wird auch finanziell viel in die Technik investiert. Der DFB verlegt sein VAR-Zentrum vom «Keller» in Köln auf den DFB-Campus nach Frankfurt in ein sechsmal grösseres Büro. Dies geschieht nicht ohne Absicht. «Irgendwann wird auch ein Freistoss vor dem Strafraum am Bildschirm gecheckt werden», ist sich Meier sicher.
«Der Videobeweis bedeutet nicht Perfektion. Aber wir kommen der Perfektion mit diesem Hilfsmittel sehr nahe«, sagte der Italiener Pierluigi Collina, der Fifa-Boss der Schiedsrichter, nach der WM-Premiere des VAR 2018 in Russland. Nach dem guten Start hat sich das Ganze aber in die falsche Richtung entwickelt. «Der VAR ist quasi als Airbag für die Schiedsrichter eingeführt worden», sagt Meier. «Aber dann muss er zu 100 Prozent funktionieren und nicht nur sechs von zehn Malen.» Deswegen ist für den ehemaligen Top-Schiri klar: «Der VAR ist nicht der Heilsbringer des Fussballs. Dieser ist nicht gerechter geworden. Was es während der WM und im Nachgang für Diskussionen gegeben hat – unglaublich.»
Unterschiedliche Regelauslegungen
Dass sich das International Football Association Board (Ifab), die Regelhüter des Fussballs, eine Woche nach dem Ende einer WM bemüssigt gefühlt hat, wegen einer falschen Regelauslegung im Fall Embolo – Punkt 3 des VAR-Protokolls: Verwechslung eines Spielers – korrigierend einzugreifen, hat Meier so noch nie erlebt. «Generell wurden die Regeln an dieser WM nicht sauber umgesetzt. Man brauchte 100 Spiele, bis man merkte, was in Sachen Argentinien an diesem Turnier falsch läuft», so Meier, der an der WM 1998 und 2002 (u.a. einen Halbfinal) pfiff. «Für ein Zurückreissen, das normalerweise Gelb gibt, wurde noch nicht mal eine Ermahnung ausgesprochen. Man liess zu vieles durchgehen.»
Eine Folge davon ist, dass von den Ligen nicht alle neuen Regeln (und diese auch nicht identisch) übernommen worden sind. Für Meier sehr gewöhnungsbedürftig: «Die Stärke des Fussballs war immer, dass er eine universelle Regelauslegung hatte.» Für Junioren, Amateurfussballer aber auch TV-Konsumenten sei es verwirrend, wenn in Italien einer vom Platz fliege, weil er beim Sprechen die Hand vor den Mund halte, in der Schweiz aber nicht. Zu Meiers Aktivzeit gab es auch schon minimale Unterschiede. So war es in gewissen Ligen gestattet, beim Verlust eines Schuhs weiterzuspielen. Oder die englische Liga war bekannt dafür, dass etwas körperbetonter gespielt wurde. Solche massiven Unterschiede gab es aber nie.
SFV: Rückbesinnung auf «klare und offensichtliche Fehler»
Der Schweizer Fussballverband (SFV) hält sich an die Richtlinien der Uefa. «Diese strebt eine möglichst konsistente Umsetzung der Regeln in allen europäischen Wettbewerben an, was wir unterstützen», sagt Dani Wermelinger (55), Leiter des Ressorts Spitzenschiedsrichter im SFV. «Wir haben immer wieder betont, dass wir in der Schweiz die Vorgaben der Uefa umsetzen.» Die Regeländerungen werden den Klubs der SFL jeweils vor Beginn der Saison und der Rückrunde anlässlich von Besuchen und Online-Calls weitergegeben. In diesem Jahr hatte es bereits Ende April einen ersten Austausch zwischen Liga, Schiedsrichter-Vertretern und den Sportchefs der SFL-Vereine gegeben.
Der SFV ist zudem mit Kommunikationsmassnahmen stark bestrebt, dass für Medien, die Fans in den Stadien sowie die TV-Zuschauer bei VAR-Entscheiden mehr Transparenz geschaffen wird. Und: Der Videoschiedsrichter soll in dieser Saison wieder weniger zum Einsatz kommen als in der Vergangenheit, als in der Super League der VAR teilweise zu detektivisch unterwegs gewesen ist. «Wir arbeiten dahingehend, dass der VAR aufgrund der guten Leistungen auf dem Platz möglichst wenig und nur dann interveniert, wenn mit einer Intervention klare und offensichtliche Fehler verhindert werden können», so Wermelinger. Was dies betrifft, ist der Start in die neue Saison geglückt.
Schiedsrichter müssen wieder gefördert werden
Offensichtlich hat bei der Uefa und beim SFV eine Rückbesinnung stattgefunden – womöglich auch aufgrund der Ereignisse an der WM. Denn ursprünglich wurde der VAR eingeführt, um klare Fehlentscheide, die noch Wochen oder sogar Jahre für Diskussionen sorgten, zu verhindern. Das Wembley-Tor 1966 im WM-Final zwischen England und Deutschland oder der Treffer von Diego Maradona durch die «Hand Gottes» 1986 im WM-Viertelfinal zwischen Argentinien und England sind heute jedem Fussball-Fan ein Begriff.
Meier begrüsst die neue Zurückhaltung, «denn der VAR ist sonst dauernd auf der Suche nach einem Fehler oder hat Angst, etwas zu verpassen». Für ihn ist klar: «Man muss nicht zurück auf Feld 1. Die Torlinientechnologie zum Beispiel funktioniert hervorragend.» Auch die Diskussionen um Offside-Tore sind auf ein Minimum reduziert worden. «Alles, was schwarz oder weiss ist, funktioniert», sagt Meier. «Aber dort, wo es darum geht, bei Fouls oder Handspielen die Absicht eines Teams oder eines Spielers zu erkennen, und Spielführung gefragt ist, muss wieder vermehrt der Fussballsachverstand und die Menschenkenntnis bei den Schiedsrichtern gefördert werden. Das ist zuletzt vernachlässigt worden.» Meier vergleicht es mit einer Alltagssituation: «Wir sind es uns mittlerweile auch gewohnt, dass es beim Einparken piepst. Aber wenn die Technik einmal versagt und dies nicht der Fall ist, sind wir verloren.»
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