Darum gehts
Geschickt nutzt er es, dass die Aufmerksamkeit gerade ganz woanders liegt. Im Rücken von Freund und Feind sprintet er die Linie entlang. Und so steht Trainer Mattia Croci-Torti als Überraschungsgast bereits an der Eckfahne bereit, als seine Spieler Albian Ajeti und Renato Steffen freudestrahlend dort eintreffen.
Ja, der Jubel des FC Lugano über den späten Siegtreffer gegen Servette versprüht schon Schwingungen von einem Team, das sich im Meisterrennen sieht.
Die Tessiner haben zwar erst fünf Partien bestritten. Aber auch alle gewonnen. Dazu die gelungene Qualifikation über drei Runden für die Conference League: Lugano fliegt gerade.
Welch ein Unterschied zum letzten Jahr. Damals standen die Luganesi nach fünf Spielen mit vier Punkten da. Und mit vielen unzufriedenen Spielern, die den Klub in eine grössere Liga verlassen wollten.
Es ist offensichtlich, dass das neue Stadion dem ganzen Klub einen neuen Schub gegeben hat. Aber es gibt mehr Gründe, warum es gerade so gut läuft. Das sind die drei Geheimnisse hinter dem aktuellen Erfolg des FC Lugano:
Pass, Pass, Pass – Lugano hat ein System
Eine verrückte These: Vielleicht hilft es manchmal, wenn man an einem Trainer festhält, obwohl er nach fünf Spielen nur vier Punkte auf dem Konto hat?
Croci-Torti ist seit fast fünf Jahren Coach der Luganesi. Und das sieht man diesem Team an: Es hat einen klar definierten Charakter. Es hat ein eingespieltes System: Pass, Pass, Pass. 572 Pässe spielen die Tessiner im Schnitt pro Spiel – Liga-Höchstwert. Und dann kommen davon auch noch 85 Prozent an – ebenfalls Rang 1 in der Super League.
Das macht es so schwierig, diese Mannschaft zu stressen: Die Luganesi lassen den Ball zirkulieren – und kontrollieren damit das Geschehen. Liegen sie erst einmal in Führung, ist ihr Spiel noch mehr auf Ballhalten ausgerichtet.
Die Problemzonen im Kader sind repariert
Es ist nicht so, dass Lugano seine Gegner von A bis Z dominiert (die Zürcher Vertreter mal ausgenommen). Wer auf die Chancenqualität schaut, sieht ausgeglichene Zahlen. Die erwartbaren Tore (xG) und die erwartbaren Gegentore (xGA) halten sich knapp die Waage.
Das könnte bedeuten, dass die Tessiner derzeit etwas zu gut bezahlt sind für ihre effektiven Leistungen. Und dass ihre Punkteausbeute irgendwann sinken wird. Oder es heisst, dass die Qualität der Spieler einfach besser ist als der Schweizer Durchschnitt, weil die Kaderplanung Problemzonen der Vergangenheit repariert hat.
Zu diesem Zeitpunkt vor einem Jahr hatte der FC Lugano ein einziges Stürmertor auf dem Konto, geschossen durch Georgios Koutsias. Kevin Behrens war zwar schon im Tessin, brauchte aber lange, bis er seinen Rhythmus fand.
In dieser Saison sind die Tessiner Stürmer von Anfang an in Torlaune. Sieben Treffer haben Behrens, Dereck Moncada, Elias Pihlström und der Basler Überraschungsgast Ajeti zusammen schon erzielt. Vor allem Moncada scheint ein Qualitätskauf zu sein.
Ähnliches ist ganz hinten zu beobachten. Dort erlebte Amir Saipi einen ganz fiesen Sommer 2025 im Goal. Laut Datenmodell kassierte er in den ersten fünf Spielen 3,3 Tore mehr, als sie bei einem durchschnittlichen Torwart erwartet würden. David von Ballmoos dagegen hat in den ersten fünf Partien dieser Saison laut Modell 1,6 Tore mehr verhindert, als zu erwarten war.
Hinten ein sicherer Rückhalt, vorne Qualität im Abschluss. Das hilft im Fussball.
Das Anfangsprogramm hilft mit
Ein Geheimnis des guten Starts hat allerdings weniger mit der Stärke der Luganesi zu tun. Und mehr mit der Schwäche ihrer Gegner.
2025 hiessen die ersten fünf Gegner des FC Lugano: Thun, Basel, Sion, YB und St. Gallen. Alles Teams, die am Ende unter den Top 6 gelandet sind. In dieser Saison hiess die bisherige Konkurrenz Vaduz, GC, Zürich, Sion und Servette. Drei potenzielle Abstiegskandidaten und ein Genfer Team, dessen Sturm gerade komplett umgebaut wird.
Die wirklichen Tests kommen also erst noch für den FC Lugano. Sein Vorteil: Siege bringen Selbstvertrauen. Und fast nichts ist im Fussball so wertvoll wie eine breite Brust.
Mannschaft | SP | TD | PT | ||
|---|---|---|---|---|---|
1 | FC Lugano | 5 | 11 | 15 | |
2 | BSC Young Boys | 6 | 12 | 14 | |
3 | FC Basel | 6 | 2 | 10 | |
4 | FC Sion | 5 | 2 | 9 | |
5 | FC Luzern | 6 | -3 | 8 | |
6 | FC St. Gallen | 5 | -1 | 7 | |
7 | FC Thun | 5 | -5 | 7 | |
8 | FC Lausanne-Sport | 6 | -1 | 6 | |
9 | FC Zürich | 6 | -7 | 6 | |
10 | Servette FC | 5 | -2 | 4 | |
11 | Grasshopper Club Zürich | 5 | -5 | 4 | |
12 | FC Vaduz | 6 | -3 | 3 |

