Darum gehts
- «Solange ich Energie habe, mache ich weiter»
- «17'000 an einem kalten Mittwochabend: Wo gibts das?»
- «Wünsche Vogt, dass er gut beraten ist»
Matthias Hüppi, sind Sie ein guter Schwimmer?
Kein brillanter. Ich bin eigentlich sehr gerne im Wasser, aber kein Spezialist. Beim Triathlon würde ich am Freistilschwimmen scheitern. Und zwar jämmerlich (lacht).
Ihr Freund Bernhard Russi riet Ihnen vor acht Jahren davon ab, FCSG-Präsident zu werden. Zitat: «Du wirst im Haifischbecken untergehen.» Nun reiten Sie mit bald 68 Jahren noch immer auf der Welle. Was ist Ihr Geheimnis?
Ich versuche, in der persönlichen Balance zu sein. Gewisse Dinge nicht zu nahe an mich rankommen zu lassen, mir selber treu zu bleiben, das Positive in den Vordergrund zu stellen. Es ist ja nicht so, dass alles immer nur rund läuft, auch bei mir nicht. Aber mit dem Alter kommt die Erfahrung, und dazu durfte und darf ich mich immer auf ein grosses Urvertrauen verlassen. So gelingt es recht gut, auf der Achterbahn, die ich in den letzten Jahren und auch heute noch im vordersten Wagen mitmache, ohne Panik zurechtzukommen. Obwohl ich sonst als nicht besonders mutig gelte, was richtige Achterbahnen anbelangt.
Wie viele Lebensjahre haben Sie in den 90 Minuten gegen den FCB eingebüsst?
Hoffentlich nicht allzu viele (lacht). Es war ein toller Abend, also müsste sich das positiv auf meine Verfassung auswirken. 17’000 Fans an einem kalten Mittwochabend. Wo gibts das? Es zeigt, wie grossartig die Unterstützung ist. Und wie sehr die Mannschaft die Zuschauerinnen und Zuschauer abgeholt und sich die Unterstützung verdient hat.
Wie viele Kilometer absolvieren Sie an einem solchen Abend?
Es kommen schon ein paar Treppenstufen zusammen. Ich bewege mich während der Spiele ziemlich oft. Gegen Ende bin ich aber immer in der Nähe der Trainerbank, um dort präsent zu sein. Egal, ob wir 3:0 führen oder 0:5 im Rückstand liegen. Das ist für mich auch ein Teil der Führungsarbeit. Einfach da zu sein, zu danken und, wenn nötig, zuzuhören, sich miteinander zu freuen oder jemanden zu trösten. Es geht im Präsidentenjob nie um Macht, sondern darum, Verantwortung zu übernehmen. Für die Leute, die deine Unterstützung brauchen, in guten und vor allem auch weniger guten Phasen.
Die Türe zum Cupsieg ist sperrangelweit offen. Träumen Sie davon, im Mai auf dem Marktplatz zu stehen?
Primär würden dann die Spieler auf dem Marktplatz stehen. Aber klar, selbstverständlich ist es eine Sehnsucht, dass wir dieser Stadt und der ganzen Region ein richtig grosses Fussballfest schenken können. Das ist etwas, was uns schon lange umtreibt. Bis jetzt hat das noch nicht geklappt mit dem Titel, und der Weg ist weit und mit hohen Hürden gespickt. Wir wissen um unsere gute Position. Wir wissen aber auch, dass wir erst gut in der Mitte der Saison und im Cup-Halbfinal stehen.
Die Sehnsucht nach einem Titel ist riesig. Gleichwohl dürften sich viele FCSG-Fans mit Schrecken an die letzte Saison erinnern, als man gegen Halbfinalgegner Yverdon im Stade Municipal kein einziges Tor geschossen hat. Haben Sie Bammel vor einer Blamage?
Wir wissen, dass ein Auswärtsspiel in Yverdon eine tückische Sache ist, aber Angst und Bammel: nein! Allen ist klar, dass wir den Gegner nicht unterschätzen werden. Aber ich bin kein abergläubischer Mensch und befasse mich selten mit Dingen, die in der Vergangenheit liegen. Wir wissen, was auf uns zukommt. Darauf müssen wir den Fokus legen. Und nicht auf das, was passé ist.
Beim letzten Cupfinal haben Sie sich den Fans entgegengestellt, die aus Frust den Platz entern wollten. Befürchten Sie ein ähnliches Szenario, sollte es wieder nicht klappen mit einem Pokal?
Nein, das wird sich in dieser Form nicht wiederholen. Damals, nach dem verlorenen Cup-Final, ging es für mich darum, Verantwortung zu übernehmen. Auch in schwierigen Situationen.
Aktuell gibts keinen Grund für Fan-Frust. Der FCSG liegt auf Platz 3. Und das, obwohl Basel und YB massiv mehr Mittel zur Verfügung haben. Wäre St. Gallen mit denselben Mitteln Serienmeister?
Wir beurteilen nicht, was andere Vereine für Mittel haben. Vergleiche interessieren mich nicht, und wir tun gut daran, uns um das zu kümmern, was wir selbst beeinflussen können. Wir leben von dem, was wir einnehmen, ohne Schuldenwirtschaft und Zuschüsse von irgendwoher. Wir investieren gezielt, nicht nur in das Kader, sondern auch nachhaltig in den Nachwuchs und die Infrastruktur. Das heisst natürlich nicht, dass wir perfekt wären und immer die richtigen Entscheide fällen würden.
Warum haben Sie vorzeitig mit Enrico Maassen verlängert? Sein Vertrag wäre noch bis Juni 2027 gelaufen.
Wir sind überzeugt davon, dass Enno genau der Richtige ist. Und wir haben in den letzten Jahren bewiesen, dass wir kein Klub sind, der den Trainer ständig wechselt. Das ist unsere Philosophie. Und dass wir rund um den Cheftrainer ein starkes Trainerteam wollen, ebenfalls.
Seit Maassen da ist, ist oft von deutscher Mentalität die Rede. War das ein bewusster Entscheid? Vermehrt auf deutschsprachige Spieler zu setzen?
Es kommt immer auf die Persönlichkeiten an, wo sie herkommen, ist nicht entscheidend. Die Transfers haben dazu beigetragen, dass Verantwortung und Last in der Mannschaft auf mehrere Schultern verteilt sind. Darauf haben wir nach der Analyse der letzten Saison bewusst abgezielt.
Der FCSG liegt mit an der Spitze der Nachwuchstrophy. In der letzten Saison lag man noch auf dem zweitletzten Platz. Wie ist das zu erklären?
Für mich kommt das nicht so überraschend, wie es den Anschein machen mag. Dass Spieler nachkommen, das hat man letzte Saison schon gesehen. Die sind ja nicht vom Himmel gefallen. Wir freuen uns über diese Entwicklung. Sie zeigt, dass im Nachwuchs nicht erst seit heute gut gearbeitet wird und dass wir mit Enno Maassen und seinen Kollegen ein Trainerteam haben, das den jungen Spielern Vertrauen schenkt und sie fördert. Und zwar so behutsam, wie dies sein muss. Der Sprung in die erste Mannschaft ist ein grosser und in vielerlei Hinsicht sehr komplex.
Mit Alessandro Vogt hat der FCSG den Shootingstar der Liga in seinen Reihen. Der soll sich mit Hoffenheim über einen Sommer-Wechsel einig sein. Enrico Maassen rät ihm davon ab. Ihre Meinung?
Da schliesse ich mich unserem Cheftrainer an. Mehr Geduld würde dem Fussball generell guttun. Aber wer hat schon Geduld in diesem Geschäft, bei dem sich so vieles immer nach Momentaufnahmen richtet? Ich bin aber sicher, dass uns Alessandro in den kommenden Wochen noch viel Freude bereiten wird, und wünsche ihm so oder so das Allerbeste.
Es heisst, es habe Challenge-League-Teams gegeben, die Vogt nicht haben wollten.
Tatsache ist, dass ihm viele Experten diese Entwicklung schlicht nicht zugetraut haben. Es ging nun aber blitzschnell, so quasi vom Erstligaspieler bis zum riesigen Stürmertalent mit entsprechender Begleitmusik. Und auch hier gilt: Trainerteam und Klub haben ihm die Chance gegeben – er hat sie gepackt. Dann macht es wusch und plötzlich hieven dich alle in andere Sphären. Ich wünsche ihm einfach, dass er gut beraten ist, bodenständig bleibt und nicht in erster Linie auf das schnelle Geld hofft. Das wäre unter Umständen nicht schlau für seine Entwicklung.
Ist es richtig, dass Vogt eine Ausstiegsklausel von 2,5 Millionen in seinem Vertrag hat?
Über vertragliche Details geben wir beim FCSG nichts bekannt. Und dabei wird es auch in Zukunft bleiben.
Wie nah sind Sie an der Mannschaft dran? Haben Sie vor dem Cup-Viertelfinal eine Motivationsrede in der Garderobe gehalten?
Vor dem Spiel nicht, nach dem Spiel habe ich mich bei der Mannschaft und beim Staff kurz bedankt. Ich rede eher selten vor der ganzen Mannschaft, sondern nur punktuell, aus besonderem Anlass und wenn es der Trainer wünscht – und nach dem letzten Spiel des Jahres oder vor dem Start in eine neue Phase. Aber ich muss keine Schlachtrufe loswerden oder nach den Spielen emotionsgefärbte Zensuren verteilen. Das ist nicht meine Aufgabe. Wenn, dann möchte ich Gedanken einbringen, die nicht mit einem einzelnen Spiel, sondern vielmehr mit unserer Grundeinstellung, unseren Werten und dem grossen gegenseitigen Respekt zu tun haben. Sicher nehme ich Anteil am Geschehen und bin schon relativ nah an der Mannschaft und dem Trainerteam. Aber nicht, um zu belehren, sondern um zu stützen. Ich bin, wenn immer möglich, auch regelmässig im Training, um aufzunehmen, was dort passiert. Es ist eine Frage der Präsenz und der Erreichbarkeit. Manchmal ist es aus der Situation heraus einfach wichtig, zu helfen oder ein paar persönliche Worte zu wechseln.
Während der Spiele sitzen Sie oft inmitten der Fans. In der letzten Saison forderte jemand die Entlassung von Enrico Maassen. Was haben Sie ihm etwas entgegnet?
Auf so etwas reagiere ich natürlich gar nicht. Aber es gehört dazu, und es ist auch halb so schlimm.
An die FCSG-Spiele kommen im Schnitt fast 20’000 Menschen. In etwa gleich viele Personen haben Aktien des Klubs gezeichnet. Trotzdem haben die Grossaktionäre die Mehrheit und bestimmen letzten Endes, was läuft. Ist das Ihrer Meinung nach richtig?
Das ist alles korrekt, natürlich. Es sind ja zwei Gesellschaften, die eine ist die FCSG Event AG mit den Hauptaktionären, und die wiederum haben 49,6 Prozent Anteil an der FC St. Gallen AG. Das heisst de facto die Mehrheit. Auch wenn es nicht 50 Prozent sind oder schon gar nicht darüber hinaus, aber de facto schon. Und darum ist die Zusammenarbeit mit den Hauptaktionären eine enge und unabdingbar. Wichtig ist, dass wir mit einem Höchstmass an Unabhängigkeit und regional gut verankert agieren können. Noch wichtiger: Der Klub steht über allem und allen. Die Einhaltung einer klaren Governancestruktur ist in diesem Geschäft, das sehr oft von Emotionen gesteuert wird, extrem wichtig. Das Beste für diesen Klub ist, dass er regional stark verankert ist und dass die Menschen, die ihn unterstützen, auch richtig ernst genommen werden. Also nicht nur die Hauptaktionäre, die zweifellos eine besonders wichtige Rolle innehaben, sondern das Gesamte. Das ist der Weg, den wir weitergehen möchten. Mindestens in der Zeit, in der uns die Verantwortung anvertraut ist. Es gibt ja bekanntlich auch andere Geschäftsmodelle und Möglichkeiten.
Mit Patrick Thoma wurde zum ersten Mal einer aus dem Grossaktionariat in den VR gewählt. Wie ist der Austausch mit ihm?
Sehr gut. Er steht genauso in der Pflicht und Verantwortung, wie alle anderen Verwaltungsräte auch.
Sie werden im März 68 Jahre alt. Wie lange bleiben Sie noch FCSG-Präsident?
Solange ich die Kraft und Energie habe und der Verantwortung gewachsen bin, den Klub so zu führen und zu unterstützen, wie er und die Menschen, die ihn tragen, es verdienen. Es ist bei aller Belastung ein Privileg und eine grosse Freude, gemeinsam mit all den motivierten und inspirierenden Menschen um mich herum etwas zu bewegen. Und ich bin sehr dankbar dafür, dass mein persönliches und für mich so wichtiges nahes Umfeld mich ebenfalls trägt. Ich bin und bleibe kein Sololäufer.
Sie standen für SRF fast Ihr halbes Leben lang vor der Kamera. Vermissen Sie Ihren Job als TV-Moderator?
Nein, keineswegs. Ich trage aber viele gute Erinnerungen im Kopf und im Herzen, habe mich aber von der ersten Sekunde an voll und mit dem gleichen Elan in das Abenteuer FCSG gestürzt. Allerdings träume ich manchmal noch davon, und es ist köstlich. Ich träume zum Beispiel, dass ich noch ein Skirennen kommentieren müsse, obwohl ich natürlich überhaupt nicht vorbereitet bin. Dann gerate ich in Stress, wache dann aber auf und stelle erleichtert fest, dass es eben nur ein Traum war. Und ausserdem machen es Stefan Hofmänner und Co. heute tipptopp. Also alles gut, so wie es ist.
Mannschaft | SP | TD | PT | ||
|---|---|---|---|---|---|
1 | FC Thun | 22 | 22 | 49 | |
2 | FC Lugano | 23 | 11 | 41 | |
3 | FC St. Gallen | 21 | 14 | 38 | |
4 | FC Basel | 22 | 8 | 36 | |
5 | FC Sion | 23 | 6 | 34 | |
6 | BSC Young Boys | 23 | -2 | 33 | |
7 | FC Lausanne-Sport | 22 | 2 | 28 | |
8 | Servette FC | 22 | -5 | 25 | |
9 | FC Zürich | 22 | -11 | 25 | |
10 | FC Luzern | 23 | -3 | 24 | |
11 | Grasshopper Club Zürich | 23 | -11 | 20 | |
12 | FC Winterthur | 22 | -31 | 14 |
