Wie steht es um den Frauenfussball 15 Monate nach der Heim-EM?
«Die Sponsoren rennen uns nicht die Türen ein»

15 Monate sind seit dem Sommermärchen der Heim-EM vergangen. Was hat sich seither getan? Wie sieht es um das Vermächtnis des Turniers aus? Ist der Boom bereits vorbei? Und wo steht der Schweizer Frauenfussball im Herbst 2026?
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Christian FinkbeinerStv. Fussballchef

Ein Mittwochabend im September auf dem Heerenschürli in Schwamendingen. Ein paar Hundert Fans sind zugegen, als die FCZ Frauen YB empfangen. Es ist das Top-Duell der AXA Women’s Super League (AWSL), der Leader trifft auf den Meister von 2025, doch die Ambiance in der Zürcher Peripherie entspricht nicht der Affiche. Der Letzigrund ist als Spielstätte an diesem Abend nicht verfügbar.

Ein paar Tage zuvor wird bekannt, dass die Berner Zeitung, die regelmässige Berichterstattung über die Spiele der YB-Frauen einstellt. «Alles in allem war das Interesse an den Beiträgen über die YB-Frauen zu gering, als dass es angemessen wäre, weiterhin jede einzelne Partie abzudecken», erklärt sich die Zeitung, nachdem es vor einem Jahr bei der Ankündigung, dies zu tun, noch geheissen hat, dass die YB-Frauen nun jene Plattform erhielten, «die sie verdient haben».

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Lia Kamber ist das einzige Talent, das seit der EM 2025 in der Hierarchie aufgestiegen ist.
Foto: Zamir Loshi/freshfocus

Vor wenigen Tagen zieht die Nati in Sion gegen Israel in die 2. Runde des WM-Playoffs ein. Nur gut 3500 Fans verfolgen die Partie, auch weil es der Verband aufgrund der politischen Brisanz unterlassen hat, gross Werbung zu machen. Es ist die kleinste Kulisse an einem Frauen-Heimspiel seit Juli 2024 gegen Aserbaidschan. Die SRG zeigt den Film «Nati-Sommer ‘25 – Ein Turner begeistert die Schweiz.» Doch 15 Monate danach stellt sich die Frage: Ist der Boom schon vorbei? Konnte der Schwung nicht genutzt werden? Und wo steht der Schweizer Frauenfussball im Herbst 2026?

Zahlen und Fakten

Als der Schweizer Fussballverband (SFV) Ende Mai 2024 sein Legacy-Programm «Here to stay – gekommen, um zu bleiben» vorstellte, stach vor allem ein Ziel heraus: Innerhalb von vier Jahren wollte der Verband die Anzahl an lizenzierten Frauen und Mädchen auf 80’000 verdoppeln, ebenso die Anzahl Schiedsrichterinnen und Trainerinnen. Auch wenn das Ziel nicht erreicht werden dürfte, die Zahlen lassen sich sehen. Die Marke von 50’000 lizenzierten Spielerinnen würde kürzlich übertroffen, in der Saison 2025/26 lösten erstmals mehr Mädchen und Frauen beim SFV eine Lizenz als Buben und Männer.

Auch bei den Trainerinnen, Schiedsrichterinnen und Funktionärinnen verzeichnet der Verband eine erfreuliche Entwicklung. Die Anzahl Trainerinnen stieg um 26 Prozent auf 2951, die Anzahl Schiedsrichterinnen um 45 Prozent auf 172 und die Anzahl Funktionärinnen um 30 Prozent auf 468. «Die Verdoppelung bleibt ein ambitioniertes Ziel. Wichtig ist aber, dass wir auch die Qualität der Angebote, den Nachwuchs an Trainerinnen und die längerfristige Bindung an den Fussball betrachten», sagt Marion Daube (50), Direktorin Frauenfussball im SFV.

Die Women’s Super League

Erfreulich sind auch die Zuschauerzahlen in der AWSL. Letzte Saison strömten mehr als 126’000 Fans in die Stadien, wobei YB mit einem Schnitt von 3500 Fans der Krösus ist. Damit wären die YB Frauen in der englischen Liga, die als beste der Welt gilt, die Nummer 8 gewesen. Die Liga wird 2027 in eine AG ausgegliedert, wobei die Klubs mit einem Drittel der Anteile partizipieren, der SFV mit zwei Dritteln. «Wir müssen den Spitzenfussball weiter konsequent professionalisieren; sportlich, organisatorisch und wirtschaftlich», so Daube.

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Nur YB-Trainerin poltert:Tolle Stimmung bei AWSL-Auftakt in St. Gallen

Die Ausgliederung bringt viele Vorteile: bessere Vermarktung, mehr Sichtbarkeit, kürzere Wege oder ein eigenes Wettspielreglement (bisher Amateurfussball-Reglement). Alle begrüssen den Schritt, noch sind aber viele Fragen offen. Neben juristischen Details müssen auch noch Stellen besetzt und der Modus für die neue Saison definiert werden. Gibt es eine Beschränkung an Ausländerinnen? Oder wird das Einsetzen von jungen Schweizer Spielerinnen gefördert bzw. belohnt?

Professionalisierung

Mit der Ausgliederung der Liga soll ein grosser Schritt nach vorne gemacht werden. «Man spürt, dass viele noch immer einem anderen Beruf nachgehen müssen, damit sie ihre Kosten decken können. Das wirkt sich natürlich auf die Qualität, die Regeneration und Verletzungen aus», sagt Nati-Spielerin Coumba Sow (32), die bei Basel spielt. Das mittelfristige Ziel der Liga ist, dass alle AWSL-Spielerinnen zumindest einen Halbprofi-Vertrag haben, womit diese auch für Schweizer Talente attraktiver werden würde und diese nicht beim erstbesten Angebot aus dem Ausland abspringen müssten.

Die Realität ist aber noch eine andere: Beim FC St. Gallen haben noch immer nicht alle einen Nicht-Amateur-Vertrag, was auch versicherungstechnisch ein Problem ist. Bricht sich eine Spielerin die Nase und muss sie im nächsten Spiel mit einer Maske spielen, zahlt diese die Versicherung des Klubs, falls diese einen Profi-Vertrag hat. Sonst muss die Spielerin selbst dafür aufkommen, da ihre private Krankenkasse die Kosten nicht übernimmt.

Trotz der Rückkehr von Ramona Bachmann und der Verpflichtung von FCZ-Trainerin Martina Voss-Tecklenburg bäckt die AWSL noch immer kleine Brötchen. In St. Gallen ist das Budget seit der EM zwar leicht erhöht worden, bei YB spricht man von einem «organischen» Wachstum. «Von allein passiert aber nichts. Die Sponsoren rennen uns nicht die Türen ein», sagt Franziska Schild (49), General Manager der YB Frauen. Seit diesem Frühjahr kümmert sich bei den Bernerinnen jemand explizit um das Sponsoring der Frauen.

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Wie weiter nach dem EM-Märchen?«Brauchen jetzt die ganze Schweiz»

Infrastruktur

Neben dem Mangel an qualifizierten Betreuungsspersonen fehlt es sowohl im Breiten- als auch im Spitzenfussball weiter an Plätzen, Garderoben und der nötigen Gym- oder Behandlungs-Räume. Zwar wird in der AWSL immer mehr in den grossen Männer-Stadien gespielt (Anstieg von 33 auf 47 Spielen in der letzten Saison), vielen Klubs fehlt aber eine Heimstätte.

St. Gallen spielt derzeit im 25 Kilometer entfernten Wil, weil im Espenmoos gegen den Einbau eines Kunstrasens ein Einspruch läuft. «Gewisse Klubs haben bis zu drei verschiedene Spielstätten, was für die Eventisierung eines Spiels, für Sponsoren, aber auch Fans alles andere als ideal ist», sagt Patricia Willi (34), die Co-Sportchefin des FC St. Gallen. «In diesem Bereich sind wir innerhalb der Liga nicht überall gleich weiter gekommen.»

Sichtbarkeit

Mit der neuen Liga-Struktur erhofft man sich mehr Sichtbarkeit. Der wichtigste Treiber ist das Fernsehen. Die SRG hat den Vertrag mit dem SFV verlängert und die Berichterstattung zur AWSL in der Saison 2026/27 ausgebaut. Neben der Übertragung von weiterhin mindestens zehn Spielen live im TV werden zusätzlich mindestens zehn kommentierte Spiele im Livestream angeboten. Zudem wurde ein fixer TV-Slot am Freitag um 19.00 Uhr etabliert.

Die Einschaltquoten lägen bei Nati-Spielen wie auch in der AWSL auf einem ähnlichen Niveau wie vor dem Turnier, schreibt das SRF auf Anfrage. «Die Erfahrung zeigt, dass sich Nutzungs- und Sehverhalten nicht kurzfristig verändern.» Das Turnier selber sorgte für Rekordquoten. Die Gruppenspiele der Schweiz verfolgten durchschnittlich 689’000 Personen, beim Hinspiel Isreal - Schweiz (Anpfiff 15.30 Uhr) schauten 66'000 zu. Laut Coumba Sow hat die Visibilität und das Interesse am Frauenfussball generell zwar zugenommen, «die Aufmerksamkeit für die Liga aber wieder etwas nachgelassen».

Die Nati

Die Nati ist das Zugpferd. Und verpflichtet, an grossen Turnieren dabei zu sein. «Die WM-Teilnahme wäre ein nächster grosser Boost», sagt Daube. Noch hat sich seit der Ernennung von Rafel Navarro vor einem Jahr aber im A-Team nicht viel getan. Mit Ausnahme von Lia Kamber sind keine neuen Talente nachgerückt. Und mit Noémie Potier hat man eines dieser Talente verloren, die Offensivspielerin stürmt neu für Panama. Zwar gibt es das Projekt «NextGen», bei dem die SFV-Talente zu Beginn der Nati-Zusammenzüge mit dem Nati-Staff trainieren und sich zeigen können, es fehlt aber ein Gefäss, wie eine U23, wo diese Spielerinnen internationale Erfahrungen sammeln können.

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Neuer SFV-Boss Knäbel:«Thema Frauenfussball ist ganz weit oben auf der Liste»

Legacy-Projekte

Als Vermächtnis dieser EM wurden mehr als 20 Legacy-Projekte ins Leben gerufen, welche die Themen Gesellschaft, Breiten- und Spitzenfussball abdecken. ​​An der ersten, im Januar 2025 lancierten Legacy Challenge beteiligten sich mehr als 260 Klubs mit rund 1’200 Massnahmen. Besonders bewährt haben sich laut Alice Holzer (33), der Legacy-Verantwortlichen im SFV, sofort umsetzbare Angebote, «die direkt bei Schulen, Vereinen und Regionalverbänden ansetzen und einen konkreten und einfach umsetzbaren Mehrwert bieten.»

Die Zwischenbilanz sei positiv, sagt Holzer. «Wir konnten den Mädchen- und Frauenfussball nachhaltig stärken. Wir haben wichtige Impulse ausgelöst und viele Vereine konkret erreicht. Besonders erfreulich ist, dass der Mädchen- und Frauenfussball in zahlreichen Klubs stärker verankert wurde und unsere Angebote tatsächlich genutzt werden.» Einige der Legacy-Projekte, die nur bis 2027 finanziert sind, werden weitergeführt und in der Gesamtstrategie des SFV verankert.

Bilanzierend kann man sagen: Die EM hat auch nachhaltig einiges bewirkt. Vieles wurde angestossen, muss aber weitergeführt werden. Das Turnier habe für viel Sichtbarkeit gesorgt und viele in der Schweiz seien dadurch erstmals mit Frauenfussball in Berührung gekommen, sagt Franziska Schild. «Vor allem bei Klubs im Breitenfussball ist heute eine hohe Bereitschaft da, mehr zu machen.» Aus Sicht von Patricia Willi hat der Frauenfussball in der Gesellschaft «mehr Wert» bekommen, noch liege aber viel ungenutztes Potenzial brach. «Es gibt Verbände in Europa, die mindestens so viel Gas geben – ohne dass sie eine Heim-EM hatten.»

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Holzer des Legacy-Projekts:«Versuchen Vereine auf den Mädchen-Boom vorzubereiten»
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