Cup Tales by Bänz Friedli
Weshalb die Aarauerinnen vor 50 Jahren «im Schilf» standen

Vor 50 Jahren fand der ersten Cupfinal der Frauen statt. Zwei Legenden erinnern sich.
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Madeleine Boll gewann vor 49 Jahren mit Sion den ersten Frauen-Cupfinal.
Foto: Sven Thomann
Bänz Friedli

Der 50. Schweizer Cupfinal der Frauen ist ein Wiedersehen. Auf der Winterthurer «Schützenwiese» – die diesmal «Schützinnenwiese» heissen müsste – treffen YB und Servette aufeinander, und seit dem umstrittenen Endspiel vor zwei Jahren haben die Bernerinnen eine Rechnung offen. Auf der Tribüne und am Empfang der Ehrengäste begegnen sich eine Pionierin und ein Pionier des Frauenfussballs, Madeleine Boll und Ueli Bayer. Beide mit lebhaften Erinnerungen an einen heissen Montag im Juni 1976 … 

Natürlich wird sie am Sonntag dabei sein, wenn in Winterthur das Jubiläum «50 Jahre Schweizer Cup der Frauen» gefeiert wird. Und sie wird auffallen auf der Tribüne mit ihrem blonden Haarschopf, der gerundeten Brille und der ewig jugendlichen Ausstrahlung – die Frau, die von allen schlicht «Mado» gerufen wird und die am Pfingstmontag des Jahres 1976 entscheidend dazu beitrug, dass die
Spielerinnen des DFC Sion das erste Endspiel gewannen: Madeleine Boll, die Legende schlechthin im Fussball der Frauen.

Die goldenen Jahre des DFC Sion

Es waren die goldenen Jahre der Sittener Fussballerinnen, zweimal holten sie 1976 und 1977 das Double von Meisterschaft und Cup. Und dies, weil «Mado» nach fünf Saisons in Italien zurückgekehrt war. «Es mag schon sein, dass mein Mittun ein bisschen etwas gebracht hat», sagt sie. Und es ist nicht Koketterie, Spielerinnen ihrer Generation treten wirklich so bescheiden auf. Selbst sie, die grösste unter ihnen. «Sicher habe ich meinen Beitrag geleistet, ja. Denn eine junge Frau mehr im schmalen Kader, das hat geholfen.» Und sie sagt tatsächlich: «Bien sûr qu’une fille en plus, ça a aidé.» Als ob sie irgendeine Spielerin gewesen wäre! «Nun gut», räumt sie ein, «vielleicht eine talentierte.»

Und wie talentiert sie war! Spätestens seit der Women’s Euro ist Madeleine Bolls Geschichte allgemein bekannt: Als erste Fussballerin im Land erhielt sie 1965 eine Lizenz. Allerdings irrtümlich. Als sie vor einer Begegnung des FC Sion mit Galatasaray Istanbul im Europacup der Cupsieger mit männlichen Junioren im «Parc des Sports» das Vorspiel bestritt und darin brillierte, fiel es auf, dass sie ein Mädchen war. Worauf der Verband ihr die Lizenz aufgrund des damals geltenden Fussballverbots für Mädchen und Frauen sogleich wieder entzog. Zeitgeist und Verbandspolitik standen also im Weg – und nicht, wie für so viele Mädchen zu jener Zeit, die eigene Familie. Madeleines Vater hatte die Tochter nämlich stets ermuntert und darin unterstützt, Fussball zu spielen.

Nach dem Schock, den sie als 12-Jährige erlitt, spielte Madeleine noch vereinzelt Schülerturniere, für die es keine Lizenz brauchte – daneben betrieb sie aber Leichtathletik. Und ging dann mit siebzehn als Fussballerin in die italienische Top-Liga.

«Mado» kehrt aus Italien in die heimische Liga zurück

Und nun also, nach ihrer Rückkehr, der Cupsieg im allerersten Final. Gleich mit 5:1 triumphierten die Sittenerinnen über den DFC Aarau. «Wir waren unglaublich stolz – umso mehr, als wir die einzigen Romandes waren», sagt Boll. «Aarau, Bern, Bad Ragaz und Seebach dominierten den Frauenfussball. Heute ist die Westschweiz ja auch untervertreten.» Es gebe zwar Yverdon Féminin. «Und es gibt Servette Chênois – aber dort hat es leider fast nur ausländische Spielerinnen. Und wohin gingen die talentiertesten Walliserinnen, Naomi Luyet und Iman Beney? Nach Bern zu YB.»

Damals, 1976, spielten fast nur Walliserinnen für den FC Sion. «Darunter mit unserer Torhüterin Mirella Cina, Viviane Rössli und mir drei Nationalspielerinnen», erinnert sich Boll. «Wir gewannen. Obwohl wir nicht die Favoritinnen gewesen waren.»

Im Vorteil schienen nämlich die Aarauerinnen zu sein, hatten sie doch die ersten vier Meisterschaften der jungen Schweizer Liga gewonnen und im Halbfinal des Cups die Zürcherinnen des SV Seebach bezwungen.

Das «Landesmuseum» Ueli traut seinen Augen nicht

Aber da ging etwas schief im DFC Aarau: «Unsere Abwehr stand so im Schilf, ich konnte es kaum fassen», sagt der Aarauer Coach von damals, Ueli Bayer. Und muss noch fünfzig Jahre danach den Kopf schütteln. «Die Teams waren mindestens ebenbürtig, und ‹Mado› hat recht, wir waren sogar favorisiert. Jedenfalls war ich frohen Mutes gewesen. Das Finalspiel um die Meisterschaft hatten wir knapp verpasst, nun wollten wir zumindest diesen Cupfinal gewinnen.» Aber, hoppla: «Wir wurden an die Wand gespielt, kassierten in der ersten Halbzeit Tor um Tor! Ich wusste nicht, was los war.»

Was den Legendenstatus im Schweizer Frauenfussball betrifft, ist Bayer so etwas wie das männliche Pendant zu Madeleine Boll. «Ich bin das Landesmuseum des Frauenfussballs», sagt er und lacht. Resultate, Tabellen, Kaderlisten, Spielberichte – seit bald sechzig Jahren hält Bayer alles fest, was sich im Frauenfussball tut, und wer etwas wissen will, ist bei ihm an der richtigen Adresse. «Du hast einen Elefanten im Kopf», pflege seine Frau zu sagen. Ueli Bayer ist Chronist, Buchhalter und lebendes Gedächtnis. «‹Damenfussball›, wie er damals noch hiess, ist mein Leben.»

Und das begann so: «Ich wollte eigentlich gar nicht Fussball schauen gehen, aber die Cousine eines Freundes ‹tschuuttete› an einem Grümpelturnier in Schwamendingen, und weil ich als Einziger in unserer Clique ein Auto hatte, opferte ich mich … Dort habe ich dann meine Frau kennengelernt.» Sie, Antoinette, brachte es bis zur Nationalspielerin. Er war «kein super Fussballer», wie er selbst sagt. «Es reichte mehr oder weniger für die 3. Liga.»

Dank der Liebe zu Antoinette war Ueli Bayer hingegen an der Entwicklung des Frauenfussballs von Anfang an massgeblich beteiligt. Er rutschte zuerst ins Traineramt der Frauen von YF Zürich, war technischer Direktor der Liga – und wurde 1973 Trainer des DFC Aarau, weil Nationalcoach Libero Taddei nicht mehr Vereins- und Nationaltrainer gleichzeitig sein konnte. Antoinette Bayer wechselte gemeinsam mit ihrem Liebsten nach Aarau.

«Muesch öppis mache!», sagt sich der quirlige Senior

Bayer, der demnächst 80 wird, ist quirlig wie eh und je. «Muesch öppis mache!», sagt er. «Wenn du nur im Sessel hockst, wirst du steinalt.» Doch wie er zunächst als Bauführer und später als Leiter Verkehrssicherheit der Zürcher Polizei alles habe vereinen können, Beruf, Sport, Hobbys und Familie, «das frage ich mich manchmal schon». Noch dazu spielte er als begeisterter Schlagzeuger die ganze Zeit über in verschiedenen Bands.

Und was trug sich nun genau zu am ersten Cupfinal? «Ich bin sonst nicht derjenige, der ausruft – aber in der Pause gabs ein Donnerwetter», erzählt Bayer. «Und auf meine Frage, was eigentlich los sei, stellte sich heraus: Unsere Goalie-Frau und drei Verteidigerinnen, eine davon Bauerntochter, hatten am Morgen beim Heuen ausgeholfen und bei der sengenden Hitze, die am 7. Juni 1976 herrschte, bis zum Umfallen geschuftet.»

Die Spielerinnen kamen bereits fix und fertig auf dem «Schlossfeld» in Willisau an. «Sie hatten sich schlicht einen Sonnenstich eingefangen.» Das ohnehin schmale Kader liess kaum Auswechslungen zu. Immerhin gelang es, die zweite Hälfte ausgeglichen zu gestalten, die Aarauerinnen erzielten ein Tor und kassierten nur ein weiteres. Doch es blieb beim bitteren Endstand von 1:5.

«Es ist wichtig zu erwähnen, dass Christine das allererste Tor der Cup-Geschichte erzielt hat», mahnt Madeleine Boll. Und es ist typisch für sie, dass sie die Mitspielerin Christine Laffely hervorhebt, welcher in der elften Minute das 1:0 gelang – statt sich selbst als Doppeltorschützin in den Vordergrund zu rücken. «Man sagt mir, ich hätte viele Tore erzielt in den Cupfinals 1976 und 1977 … Aber das weiss ich gar nicht mehr so genau.»

Ähnlich selbstlos berichtet Madeleine Boll über die Jahre in Italien. Mit Gommagomma Meda FC, einer Firmen-Équipe, holte sie 1970 auf Anhieb den «Scudetto», die italienische Meisterschaft. «Die Spielerinnen stammten aus ganz Italien, dazu kamen wenige Ausländerinnen, darunter Cathy Moser und ich. Wir waren sicher beide spielbestimmend, aber Cathy war eine der besten Stürmerinnen der Liga.»

… und am Wochenende nach Italien ans Spiel

Weitere Stationen für «Mado» im Calcio femminile waren Juventus, Falchi Astro und Falchi Crescentinese in Turin. Unter der Woche besuchte sie in Sion die Handelsschule, am Wochenende fuhr sie nach Italien zu den Spielen. «Es wurde schwierig, immer diese Reisen zu machen, und ich habe einiges verpasst, weil ich immer ins Ausland musste. So hat etwa mein Bruder geheiratet …» Und sie verpasste die Hochzeit? «Nein, er heiratete zum Glück eine Tessinerin, das Fest fand an einem Samstag in Locarno statt – das Spiel war am Sonntagmorgen in Bergamo, das reichte. Ich habe dann halt einfach nicht bis in alle Nacht gefeiert.»

Wieder daheim, beendete sie nach zwei erfolgreichen Saisons schon mit knapp 25 Jahren ihre Aktivkarriere. «Das Niveau in Italien war schon wesentlich höher», resümiert sie. «Dann komme ich heim nach Sion, wo die Juniorinnenarbeit noch nicht entwickelt ist und alle Mitspielerinnen viel jünger sind als ich …»

Späte Anerkennung erfährt die erste Fussballerin der Schweiz dank der EM im eigenen Land. An ihrem Geburtsort Granges benennt der lokale FC den Sportplatz nach ihr, an der EM trägt das Bernhardiner-Maskottchen zu ihren Ehren den Namen «Maddli». Vor dem ausverkauften Viertelfinal der Schweizerinnen in Bern begeben sich «Mado» und «Maddli» auf Ehrenrunde. «Magnifique, eine wunderbare Überraschung! Das habe ich natürlich sehr gern getan.» Dass «Maddli» nach ihr benannt werden würde, hätte sie sich allerdings nie träumen lassen. «Eher hätte ich erwartet, dass es den Namen von Lara Dickenmann tragen würde, die jünger ist als ich.»

Ganz aus dem Nichts kam es dann aber doch nicht. «Ich verfolge die ‹filles› ja überall, war auf eigene Kosten an der WM in Kanada, den EM-Endrunden in England und den Niederlanden, ich besuche jedes Heimspiel, sei es in Winterthur, Basel, Biel, Zürich … Die Leute vom Verband haben mich also oft gesehen, und an einem dieser Spiele kommt Turnierdirektorin Doris Keller auf mich zu und sagt: ‹Peut-être on pense à toi …› Sie haben sich wohl so entschieden, weil ich oft vor Ort war.»

Anzumerken bliebe, dass die EM-Verantwortlichen wohl ohnehin nicht um sie herumgekommen wären, weil sie schlicht die grösste Legende ist.

Der erste Cupfinal mit Sion? Ein Happy End für die Familie Boll. «Der Cup war von meinem Vater ins Leben gerufen worden», erzählt Madeleine. «Er hatte zusammen mit dem Vater von Trudy Streit die Frauen-Liga gegründet und war Präsident von Sion. Die erste Meisterschale war von ihm gestiftet und trug seinen Namen, es war die Trophäe Jean Boll – und dann überreicht dieser Jean, mein Papa, sie mir, weil ich Capitaine war. Dieses schöne Bild ist mir am meisten geblieben.»

Die Capitaine wird am Jubiläumssonntag in Winterthur nicht allein sein, die allerersten Cupsiegerinnen sind gut vertreten. «Drei sind verhindert, zwei sind leider gestorben – aber alle neun anderen werden da sein.»

Der Autor und Kabarettist Bänz Friedli befasst sich seit vielen Jahren mit dem Fussball der Frauen, unter anderem in seinem aktuellen Bühnenprogramm «Bänz Friedli räumt auf». Der legendären Madel eine Boll ist er schon oft begegnet: in Sheffield, im niederländischen Doetinchem und überall sonst, wo die Schweizerinnen spielten. Welches Team sie am Sonntag unterstützen, behalten
beide für sich. 

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