FCZ-Präsident Canepa und der Koller-Effekt
«Die Augen muss uns niemand öffnen»

Im exklusiven Blick-Interview redet Zürichs Klubchef Ancillo Canepa über seine Ambitionen, die Bewältigung schwerer Turbulenzen, seine Zukunft im Verein und über den neuen Hoffnungsträger Marcel Koller.
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Zürichs Präsident Ancillo Canepa und der neue Hoffnungsträger Marcel Koller (rechts).
Foto: Nico Ilic/freshfocus
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Sven SchochReporter Sport

Während der WM hat Canepa den Fussball «entspannt und ohne Verantwortung konsumieren können. Es geht für mich nicht jedes Mal um Sein oder Nichtsein.» Nicht wie beim FCZ, der ihm und seiner Frau Heliane Sorgen gemacht hat. Ohne Sportchef, aber mit guten Beratern will der Präsident den Verein stabilisieren.

Blick: Es ist schon fast verdächtig ruhig um den FCZ.
Ancillo Canepa: Aufgrund der letzten Monate haben wir gewisse Anpassungen vorgenommen und in personeller Hinsicht ein paar gute Entscheide gefällt. Es gibt keinen Grund, irgendwo Unruhe zu vermuten. Es wird auf allen Ebenen seriös gearbeitet, und das soll auch so bleiben. 

Vor einem Jahr schwelte einiges, jetzt nicht mehr?
Nein! Für mich hängt das selbstverständlich mit dem Trainerstab um Marcel Koller zusammen. Wir haben enorm viel Qualität, Erfahrung und Kompetenz verpflichtet. Deshalb überrascht mich die aktuelle Ruhe keineswegs. 

Wie haben Sie die schweren Turbulenzen der letzten Saison aufgearbeitet?
Wir haben gegen Saisonende tatsächlich die Tage gezählt und dann sofort wieder nach vorne geschaut. Es bleibt jetzt keine Zeit, alles im Detail besprechen zu wollen. Es gab Frustration, aber nie den einen Moment: «Jetzt hören wir auf.» Das widerspricht unserem Charakter. 

Das ist Ancillo Canepa

Ancillo Canepa (73) arbeitete als Betriebsökonom und Wirtschaftsprüfer in leitender Funktion bei Ernst & Young. Seit Dezember 2006 ist er vollamtlicher Präsident des FCZ. In seine Amtszeit fallen die Meistertitel 2006, 2007, 2009 und 2022, die Cupsiege 2014, 2016 und 2018, sowie die Champions-League-Teilnahme 2009. 2016 stieg der FCZ unter seiner Führung ab, schaffte aber den direkten Wiederaufstieg.

Ancillo Canepa (73) arbeitete als Betriebsökonom und Wirtschaftsprüfer in leitender Funktion bei Ernst & Young. Seit Dezember 2006 ist er vollamtlicher Präsident des FCZ. In seine Amtszeit fallen die Meistertitel 2006, 2007, 2009 und 2022, die Cupsiege 2014, 2016 und 2018, sowie die Champions-League-Teilnahme 2009. 2016 stieg der FCZ unter seiner Führung ab, schaffte aber den direkten Wiederaufstieg.

Was macht eine Spielzeit mit so vielen negativen Nachrichten mit einem Präsidenten-Paar? Bleibt da nichts haften?
Es war eine sehr schwierige Saison, aber körperlich oder psychisch setzte sie uns nicht zu. Wir behielten die Ruhe und auch die Energie, das Ganze auszuhalten. Aber klar, Heliane und ich waren froh, das Ende hinter uns zu bringen. Zweimal in Folge haben wir den Europacup verpasst, zwei Jahre lang spielten wir in der Relegation Round. Das macht keinen Spass, das entspricht nicht unserer Ambition. 

Wie schwierig war es, sich von Sportchef Milos Malenovic zu trennen und damit ein Projekt zu beenden, von dem Sie sich sehr viel erhofft haben?
Als uns auch aus dem Business-Umfeld äusserst kritische Feedbacks erreicht haben, war klar: Wir laufen in eine Sackgasse und müssen handeln. Immerhin haben wir im sportlichen Bereich während der letzten beiden Jahre auch positive Entwicklungen wahrnehmen können. Dass wir mit der U19 den Cup und die Meisterschaft gewonnen haben und uns mit der U21 souverän in der Promotions League halten konnten, ist kein Zufall. Die Pipeline mit jungen Talenten ist gefüllt. Die 1. Mannschaft hingegen performte nicht wie gewünscht. Auch bei der Rekrutierung der Coaches ist einiges unglücklich gelaufen, da haben wir leider immer wieder korrigieren müssen. Es artete deswegen dennoch nie in eine Hysterie aus, im Gegenteil: Wir haben konsequent gehandelt. 

Wenn es nicht läuft, müssen Sie und Ihre Frau tief in die eigene Schatulle greifen. Die sportliche Schieflage verursachte ein Minus in Millionenhöhe.
Wir sind ja nicht angestellte und bezahlte Funktionäre. Wir engagieren uns als patronales Präsidenten-Ehepaar, das die gesamte Verantwortung trägt. Notabene auch für Dinge, die wir nicht verursachen. Wir sind uns dessen bewusst. 

Sie haben in ziemlich stürmischen Zeiten im letzten November mit Claudio Cisullo einen befreundeten Top-Shot aus der Wirtschaft an Bord geholt. Hat er Ihnen die Augen geöffnet?
Die Augen muss uns niemand öffnen. Es geht darum, die Nachfolgeplanung vorzubereiten. Dieser Prozess passiert nicht innerhalb von ein paar Monaten. Wir haben immer gesagt, dass wir für die nächsten drei bis fünf Jahre Präsidenten bleiben – aber wir wollen Klarheit schaffen. Ich will schrittweise einen klaren Weg sehen. In diesem Prozess befinden wir uns aktuell. 

In welch konkreter Form soll denn Cisullo am Übernahmekandidaten FCZ mitwirken?
Er ist ein durch und durch unabhängiger Businessman. Er kann einbringen, was er sieht, ohne auf irgendjemanden Rücksicht nehmen zu müssen. Deshalb hat Claudio bei uns die offizielle Funktion als «unabhängiger Verwaltungsrat» übernommen. Für uns ist wichtig, dass wir das Thema Nachfolge mit einem Gesprächspartner besprechen können, der selber sehr viel Erfahrung auf Management-Ebene und auch beim Kauf und Verkauf von Unternehmungen besitzt.

Wie sehr ist Cisullo im Sport eingebunden?
Als Verwaltungsrat ist er nicht operativ involviert. Aber klar besprechen wir wichtige Entscheidungen im sportlichen Bereich auch mit ihm.

Sehen wir im wirtschaftlichen Bereich einen Abnabelungsprozess? Ziehen Sie sich schrittweise zurück?
Es ist ein schrittweiser Übergang. Wir wollen in den nächsten Monaten Klarheit haben, wie diese Schritte konkret gestaltet werden. Während diesem Übergangsprozess bleiben wir als Präsidenten-Ehepaar auf jeden Fall im Amt. Wie die Führungsstruktur danach aussehen wird, ist derzeit noch völlig offen. 

Sollte ein unmoralisch hohes Übernahme-Angebot kommen, würden Sie dann per sofort aussteigen?
Dass eine solche Offerte kommen könnte, schliesse ich nicht per se aus. Es wäre nicht das erste Mal. Um aber klarzustellen: Wir streben keinen persönlichen Gewinn an, sondern möchten bestenfalls unsere Investitionen der letzten zwanzig Jahre decken. Ziel Nummer 1 ist die Übergabe in gute Hände. Wir suchen keine Investoren, die mit Transfers schnell Geld machen wollen. Es müssen im Idealfall Personen mit FCZ-Herzblut sein. Uns geht es nicht nur um sportliche und wirtschaftliche Nachhaltigkeit, sondern auch um Identifikation mit der Region. 

Schlange stehen die Kandidaten vermutlich nicht?
Es gibt seriöse und potente Interessenten aus dem In- und Ausland. Ich will allerdings keine Details veröffentlichen. Ich versichere Ihnen, der FCZ ist nicht unattraktiv. 

Der FCZ wird wie die meisten anderen Super-League-Vereine dazu verdammt sein, immer wieder die besten Spieler zu verkaufen.
Es gibt für den FCZ zwei relevante betriebswirtschaftliche Einnahmequellen: Europacup und Transfers. Alle übrigen Einnahmen reichen bei weitem nicht aus, um in der Schweiz finanziell solid Profi-Fussball zu betreiben. So einfach ist es. 

Zürich musste mit Cheveyo Tsawa auch in diesem Sommer Tafelsilber verkaufen. Das wird einem Teil der Fans nicht gefallen. Wie schwierig ist es unter diesen Umständen, Identifikation zu schaffen?
Wir verkaufen nicht wahllos Spieler! Es gilt, alle Interessen zu berücksichtigen. Man kann es auch so sehen: Transfers schaffen Platz für Talente. Deshalb rückt die Arbeit im Nachwuchs ins Zentrum. Die Spieler müssen so gefördert und gefordert werden, um nahtlos den nächsten Schritt vollziehen zu können. Das setzen wir ja bereits nachweislich um. 

Irgendwann kommt der Alltag, eine mögliche Serie von Niederlagen, Druck. Sind die Jungen dann den Ansprüchen gewachsen?
Wir sind nicht die Einzigen, die damit konfrontiert sind. Dann ist halt noch mehr Arbeit gefordert. Es gibt genügend Beispiele von Teams, die mit Jungen viel erreicht haben. Ich kann die Zukunft nicht vorhersagen, aber diesen Weg werden wir gehen. Deshalb haben wir in den Trainerstab investiert. Das gilt übrigens für alle Stufen beim FCZ. 

Wer soll denn künftig das Gesicht des FCZ sein?
Ich habe sicherlich einige Spieler im Kopf, die das Gesicht des FCZ prägen werden. Aber das will ich hier nicht öffentlich kommunizieren. 

Welches Credo haben Sie entworfen, welchen Leitfaden haben Sie für den FCZ im Kopf?
Wir sind und bleiben ambitioniert. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen. 

Reichten diese Argumente, um Marcel Koller nach Zürich zu lotsen?
Er ist sicher nicht naiv. Natürlich hat er die Spiele der letzten Saison studiert, selbstverständlich hat er die aktuelle Mannschaft unter die Lupe genommen. Koller schaut jeden Junior selber an. Er achtet auf jedes Detail, er entdeckt jene Kleinigkeiten, die entscheidend sein könnten für den Durchbruch. 

Können Sie uns ein Detail verraten?
Ganz banal: die Fusshaltung beim Pass, die Stellung des Oberkörpers. Ähnliches habe ich mal bei Arsène Wenger erlebt. Da ging es auch um Details, mit denen man den Unterschied erzwingen kann. Mich fasziniert, wie akribisch gewisse Coaches arbeiten. Es geht letztlich um die entscheidenden Feinheiten. 

Steckt Koller seinen Kompetenzbereich konsequenter ab als seine Vorgänger?
Kraft seiner natürlichen Autorität ruht er in sich selber. Das strahlt aus. Die Spieler realisieren und akzeptieren seine Aura sofort zu 100 Prozent. Sein Palmarès lässt keine Fragen offen – er hat mehrere Meistertitel vorzuweisen. Die Nati von Österreich hat er an die EM gebracht. Seine Erfolge sprechen für sich. Harry Gämperle (Assistent) ist eine sehr gute Ergänzung! Das ist ein extrem gutes Duo. 

Ist Koller zuzutrauen, die Lage zu stabilisieren und etwas Nachhaltiges aufzubauen?
Ohne in die Details zu gehen und irgendwelche Ziele zu nennen, wiederhole ich mich: Wir bleiben ambitioniert. Unsere Coaching-Crew wird den Spielraum an Ausreden einschränken. 

Kollers langjähriger Agent Dino Lamberti ist Berater des Präsidiums. Wie ist ein möglicher Konflikt der Interessen zu vermeiden?
Dino verfügt über ein riesiges Know-how und Netzwerk. Er hat uns letztlich geholfen, dass Marcel bei uns einen Vertrag unterschrieben hat. Wir haben keine Interessenkonflikte, weil wir transparent handeln. Dino übt keine Agenten-Tätigkeit aus, die den FCZ beeinflussen könnte. Und wenn einer damit ein Problem haben müsste, bin ich es ja. Ich weiss gar nicht, weshalb sich die Leute immer so viel Sorgen machen. Wir haben es im Griff. 

Er ist in Tat und Wahrheit der Sportchef.
Einen Sportchef im eigentlichen Sinn, der für alles zuständig ist, will ich nicht mehr. In meinem engsten Umfeld brauche ich genau solche Partner wie Dino. Also erfahrene und integre Experten, die ihre Meinung einbringen. Mit ihm oder Marcel kann ich auf einer ganz anderen Ebene diskutieren. Ich will eine klare Trennung zwischen dem Technischen Leiter, der primär für den gesamten Nachwuchsbereich zuständig ist (Alessandro Mangiarratti) und dem Gremium, das für den Profi-Bereich zuständig ist. 

Für wie lange ist die Zusammenarbeit definiert?
Initial war das Mandat bis Ende der ersten Transferperiode angedacht. Weil wir realisiert haben, dass es sehr gut funktioniert, haben wir die Zusammenarbeit auf unbefristete Zeit verlängert. 

In schwierigen Phasen wirkt ein Sportchef wie ein Aussenminister, der den Trainer etwas abschirmt.
Beim FCZ ist und bleibt der vollamtliche Präsident Aussenminister. Ausserdem lässt sich Marcel Koller sicher nicht so schnell nervös machen. Er war lange genug erfolgreich unterwegs im Ausland. Es war in der Vergangenheit bei uns auch nie so, dass wir den Trainer den Wölfen zum Frass vorgesetzt hätten. Marcel benötigt niemanden, der ihm das Händchen hält. 

Die Zeit der Trainer-Experimente ist demzufolge vorbei beim FCZ?
Richtig, wir wollen nicht mehr experimentieren. In die Top 6 will jeder, das muss ich eigentlich gar nicht erwähnen. Dass wir mit unserem komplett neu zusammengestellten Trainerstab gut positioniert sind, gibt mir Zuversicht und Ruhe. Der Chef-Trainer und seine Assistenten arbeiten in jeglicher Beziehung hochprofessionell. Marcel Koller hat an der Pressekonferenz auf die Frage, weshalb er ausgerechnet zum FCZ wechselt, u. a. gesagt: «Ich habe das Gefühl bekommen, dass ich mit dem Präsidenten-Ehepaar vertrauensvoll zusammenarbeiten kann und wir die gleichen Werte teilen.» Das sehen wir umgekehrt genau auch so! 

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