«Ich hatte einen Plan B für Arbeitsleben»
Goalie Zurkirchen stand vor Karriereende – jetzt ist er SCB-Rettungsengel

Im letzten Frühling musste sich Sandro Zurkirchen mit dem Karriereende befassen, ehe er doch noch einen Job bekam. Und jetzt lässt der routinierte Goalie beim SCB die Skeptiker schlecht aussehen.
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Die Skepsis war gross, als der SC Bern Ende Mai Sandro Zurkirchen (35) verpflichtete. Viele fragten sich: Was wollen die mit dem? Der SCB braucht einen Nummer-1-Goalie, der das Ausländerkontingent nicht mehr belastet.

«Ich weiss, dass ich keine klassische Nummer 2 bin. Ich bin mehr als das», sagt Zurkirchen. «Ich finde auch, heutzutage gibt es nicht mehr eine Nummer 1 und eine Nummer 2. Mich hat das nicht gestört, weil ich wusste, was ich kann, was ich will und woher ich komme.» Er habe die kritischen Stimmen nicht persönlich genommen. «Ich denke, es ging mehr darum, dass man schon die zwei Jungen unter Vertrag hatte.» Christof von Burg (25) und Andri Henauer (23) haben in dieser Saison denn auch noch keine Minute beim SCB gespielt, sammeln derweil bei Thurgau beziehungsweise Basel Spielpraxis.

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Sandro Zurkirchen musste sich lange gedulden, bis er beim SC Bern zum Zug kam.
Foto: Pius Koller

Der Schwyzer, den man als Mentor für das Duo verpflichtet hatte, musste lange auf einen Einsatz warten. Das habe ihn überrascht, sagt Zurkirchen, räumt aber ein, dass sein schwedischer Konkurrent Adam Reideborn (34) «sehr gute Leistungen gebracht» habe.

Unter Ehlers «ein viel besseres Gefühl»

Erst am 28. September durfte «Zuri» beim 3:6 in Lausanne erstmals ran. Drei Tage später wurde Trainer Jussi Tapola nach einer 1:5-Pleite gegen Fribourg gefeuert. «Unter Jussi war die Situation für mich persönlich schwierig», so Zurkirchen. Unter Nachfolger Heinz Ehlers habe er «ein viel besseres Gefühl» gehabt. Beim Einstand des Dänen gegen Zug gelang ihm gleich ein Shutout und der SCB zeigte eines seiner besten Spiele. Auch weil man erstmals mit vier ausländischen Stürmern antreten konnte.

«Das SCB-Märchen von Sandro Zurkirchen», titelte Blick. Schliesslich war der Routinier in Kloten abserviert worden. «Das hat schon sehr wehgetan.» Ricardo Schödler, der Sportchef der Flieger, sagt: «Wir wollen unsere eigene Goalie-Pipeline aufbauen mit jungen Torhütern und haben uns daher entschieden, Fadani und Huet die Chance zu geben, neben Waeber und dann Berra zu wachsen.» Dazu, dass Kloten mit Reto Berra einen 39-Jährigen für die nächsten zwei Saisons verpflichtet hat, sagt Zurkirchen unaufgeregt: «Die Begründung, dass sie zwei Junge aufbauen wollen, geht aus meiner Sicht so nicht ganz auf. Denn wenn man einen Reto Berra im Team hat, setzt man logischerweise auch auf ihn.»

Er stand so im letzten Frühling auf der Strasse. «Wir haben einen Plan B aufgestellt, dass ich, falls es nichts gibt, ins Arbeitsleben einsteige», sagt er. «Ich habe aber schon daran geglaubt, dass sich noch ein Türchen öffnet, vor allem nach dieser Saison.» Mit dem SCB und Langnau hätten sich dann zwei Optionen ergeben.

In Bern hat er inzwischen viele überrascht. Wenn er spielt, ist der SCB erfolgreicher. Mit Reideborn im Tor holten die Berner 1,28 Punkte pro Spiel, mit Zurkirchen 1,54.

Mehr geschossene Tore mit Zurkirchen

Obwohl mit ihm im Tor vier ausländische Stürmer spielen können, begann Zurkirchen nur 13 von 45 Spielen. Am Freitag, als er den SCB in Davos (1:2) im Spiel hielt, spielte er erstmals zwei Partien in Folge. Dabei sind die Statistiken der beiden Keeper auf Augenhöhe. Zurkirchen hat 92 Prozent der Schüsse auf sein Tor abgewehrt und Schnitt 2,2 Treffer pro Spiel kassiert, während es bei Reideborn 91,64 % und 2,13 sind.

Baumgartner schiesst den SCB wunderbar zum Overtime-Sieg
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SCL Tigers – SC Bern 3:4 n.V.Baumgartner schiesst den SCB wunderbar zum Overtime-Sieg

In seiner Karriere hat der Vater der Söhne Henrik (7) und Lionel (3) schon viel gesehen. Er spielte bei Zug, Thurgau, Ambri, Lausanne, Lugano, Kloten und half kurz bei Servette aus. Sein Debüt gab er vor 17 Jahren beim EVZ. Weil der in der Not ausgeliehene Berra noch nicht spielberechtigt war und Lars Weibel erkrankte, wurde er gegen Rappi ins kalte Wasser geworfen. Der Einstand gelang mit einem 4:1-Sieg perfekt und Blick titelte: «Küken geschlüpft».

In der Zeit mit 437 NL- und 86 SL-Spielen hat Zurkirchen viel durchgemacht. So setzte man ihm in den Playoffs 2022 bei Kloten Ajoie-Leihgabe Tim Wolf vor die Nase. «Das hat geschmerzt. Ich hatte die ganze Saison als Nummer 1 gespielt und die Liga mehr oder weniger dominiert», erinnert er sich. «Man hat dann Wolf geholt für den Fall, dass etwas passiert. Ich hatte einen schlechten Match im ersten Halbfinal. Dann spielte ich nicht mehr. Dennoch gab es ein Ziel: den Aufstieg. Da musst du dein Ego zurückstecken. Und wir sind dann auch aufgestiegen.»

«Bin nicht mehr bereit, bis im Sommer zu warten»

Zurkirchen musste schon in Zug (Jussi Markkanen) und Kloten (Juha Metsola) mit einem ausländischen Konkurrenten klarkommen. Er und Reideborn seien auf der gleichen Wellenlänge. «Wir haben darüber gesprochen, dass wir der Mannschaft helfen müssen, aus diesem Sumpf rauszukommen. Dass wir beide bereit sind, den Weg für die Mannschaft zu gehen und einander zu unterstützen. Und menschlich verstehen wir uns sehr gut.»

Ende Saison laufen die Verträge des Goalie-Duos aus. Wie weiter? Kommt jetzt der Plan B zum Zug? «Ich hoffe noch nicht. Mir geht es körperlich sehr gut. Ich fühle mich besser jetzt mit 35 als mit 25.» Gespräche über seine Zukunft seien im Gange. Es gehe ihm ums Gesamtpaket, «mit der Aussicht aufs Spielen, mit dem Lohn, mit der Team-Zusammenstellung.» Und er macht klar: «Ich bin nicht mehr bereit, bis im Sommer zu warten.» Wenn man im April arbeitslos sei und zwei Wohnungen (eine in Schwyz und eine in Münchenbuchsee) finanzieren und eine Familie ernähren müsse, gehe das nicht. Zudem müsse er auch ein Commitment abgeben, was seine Backup-Pläne betreffe. «Ich habe zwei Optionen. Beides ist im Verkauf. Das eine ist in der Autobranche, das andere in der Medizintechnik.»

Mit oder ohne Zurkirchen. Die Goalie-Frage dürfte den SCB noch länger beschäftigen.

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Mannschaft
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TD
PT
1
HC Davos
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45
58
99
2
HC Fribourg-Gottéron
HC Fribourg-Gottéron
46
45
88
3
ZSC Lions
ZSC Lions
45
29
80
4
HC Lugano
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45
30
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5
Genève-Servette HC
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45
7
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6
Lausanne HC
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46
21
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7
SC Rapperswil-Jona Lakers
SC Rapperswil-Jona Lakers
46
-14
67
8
EV Zug
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SC Bern
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SCL Tigers
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EHC Biel
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45
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12
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13
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45
-24
51
14
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-64
39
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