Vor einer Woche dachte Verbandspräsident Urs Kessler (64) wohl noch, es könne ja eigentlich gar nicht mehr dicker kommen. Dabei hatte die wohl turbulenteste Phase in der Geschichte des Schweizer Eishockeyverbands eben erst begonnen. Zu Beginn dieser monumentalen Krise hatte Kessler in der Abstimmung um die Nachfolge von Nati-Direktor Lars Weibel (51) eine Niederlage einstecken müssen und dabei Bekanntschaft mit den eigenwilligen Gepflogenheiten der Sportfunktionäre gemacht. Eine Volte der Geschäftsführung hatte schon vor der eigentlichen Wahl verhindert, dass Kesslers Wunschkandidat Paolo Duca (44) den Zuschlag erhält. Der Wahlprozess im Verwaltungsrat des Verbands muss Kessler dann endgültig die Augen geöffnet haben: Er ist wohl Präsident des Verbands, aber als solcher ein König ohne Macht, wie in einer konstitutionellen Monarchie. Vom Balkon winken und Hände schütteln – aber die Entscheidungen treffen andere.
Vor der Absetzung von Kesslers Vorgänger zog man am gleichen Strick
Gewählt wurde dann Patrick von Gunten (41), den die Geschäftsleitung unter dem Vorsitz von Martin Baumann (57) zuvor in einem Auswahl- und Beurteilungsprozess auserkoren hatte. Von Gunten, so hiess es hinterher, passe besser ins Profil eines Berufsfunktionärs als Duca, der erfahrene und ausdrucksstarke ehemalige Sportchef des HC Ambrì-Piotta. Im Verwaltungsrat vertritt Kessler zudem die Abteilung Leistungssport und so auch die National League, und die ist den Funktionären ein Dorn im Auge. Seit der Abspaltung der National League vom Eishockeyverband im Jahr 2021 herrscht Krach, man begegnet sich nur mit Widerwillen und vor allem mit Misstrauen. Am selben Strick zogen die Liga und der Verband, der auch die Geschäfte der Swiss League führt, zuletzt nur einmal: Als es vor Jahresfrist um die Absetzung von Kesslers Vorgänger Stefan Schärer ging, einigte man sich kurzfristig auf einen Waffenstillstand.
Die Volte der Funktionäre gegen Liga und Präsident in der Causa Duca war ein politischer Crosscheck, ein Wirkungstreffer für die Liga, die sich geschlossen hinter Duca versammelt hatte. Die Liga schnürte danach ein (vorerst) virtuelles Massnahmenpaket mit dem Ziel, den Bleistiftspitzern in Glattbrugg den Gummi zu schleifen: Die Zuwendungen für den Verband sollen um die Hälfte reduziert (die Liga alimentiert den Verband mit fast 5 Millionen Franken pro Jahr) und das eigene U23-Nachwuchs-Hybrid-Projekt eiligst vorangetrieben werden. Eine Drohkulisse, die in Glattbrugg für existenzielle Ängste sorgt und die Spannungen zwischen den Parteien in die Höhe treibt, dabei hatte Kessler sein Amt im September 2025 mit der Motivation angetreten, Liga und Verband an einen Tisch zu bringen. Im Dezember 2025 hatte er betont, dass er sich im Schweizer Eishockey einen Teamgeist wünsche, wie er in Fischers Nationalmannschaft gepflegt wird, stattdessen herrsche im Business ein «Jeder gegen jeden». Ein Wunsch, der denkbar schlecht gealtert ist, wie man seit dem letzten Montag weiss.
Vertraulich oder nicht – das ist Gegenstand von Ermittlungen
An diesem schwarzen Montag, dem 13. April 2026, stürzten die Enthüllungen eines SRF-Journalisten den populären Nati-Trainer Patrick Fischer (50) vom Sockel. Fischer hatte sich 2022 mit einem falschen Covid-Zertifikat Zugang zu den Olympischen Spielen von Peking verschafft, eine Urkundenfälschung, für die er 2023 zu einer Busse von fast 40’000 Franken verknurrt wurde. Vom Betrug mit dem Zertifikat hatte Fischer dem SRF-Journalisten während eines Mittagessens anlässlich einer Zusammenarbeit erzählt, ob es sich bei diesem Essen um einen privaten und deshalb vertraulichen Rahmen oder um ein handelsübliches Arbeitsumfeld gehandelt hatte, ist derzeit Gegenstand von Ermittlungen.
Scherbenhaufen statt Risse
Am Montagabend um 20.17 Uhr hatte der Eishockeyverband dann mit einer Medienmitteilung die Öffentlichkeit informiert und darin die Affäre voreilig für beendet erklärt, kurze Zeit später ging der SRF-Artikel ins Netz. Und in Glattbrugg wackelten die Wände. 48 Stunden später wurde Fischer entlassen, rund einen Monat vor Beginn der Heimweltmeisterschaft in Zürich und Fribourg. Statt Risse zu kitten, muss Präsident Urs Kessler jetzt erst mal einen Scherbenhaufen zusammenkehren, zwischen den Parteien ist der Streit eskaliert, der Nati-Trainer musste gefeuert werden, und die Aussichten sind düster, weil sich der Pulverdampf wohl erst mit dem Ergebnis einer externen (und wohl kostenintensiven) Untersuchung der Anwaltskanzlei Niederer Kraft Frey verziehen wird. Kessler betonte bei der Video-Pressekonferenz am Freitag das seit Montag fast in Endlosschleife wiederholte Mantra, man wolle jetzt nach vorne schauen und die Aufmerksamkeit auf die Heimweltmeisterschaft richten. Immerhin sieht man die nächste Woche schon mal klar vor Augen, dann wird die Nationalmannschaft in Biel die nächsten Testspiele vor der WM absolvieren. Den Verbandsvertretern dürfte dabei aber blümerant zumute sein: Wie die Öffentlichkeit den Verband in Biel empfangen wird, lässt sich nur schwer abschätzen. Weite Teile der Bevölkerung teilen die Ansicht offenbar nicht, dass Fischer unbedingt hätte gefeuert werden müssen. Der Verband muss sich im Vorfeld der Weltmeisterschaft auch noch mit den Kollateralschäden der Fischer-Affäre beschäftigen und sämtliche Promo-Aktionen auf Fischer-Inhalte (inklusive Tor-Song der Nati) überprüfen.
Nicht zu vergessen: Die Swiss League
War es das an Problemen für den Verband? Weit gefehlt. Die Swiss League – das Unterhaus des Profibetriebs im Schweizer Eishockey – ist eine Dauerbaustelle. Bei der Abspaltung der National League vom Verband im Jahr 2021 hatte sich die Swiss League mit der Einschätzung vertan, diesen Schritt ebenfalls gehen zu können. Mittlerweile ist die ehemalige Nationalliga B zwar wieder unter dem Dach der Swiss Ice Hockey Federation (SIHF) angesiedelt, aber die Liga wird weiterhin durch Partikularinteressen sabotiert, ausserdem werden Vorschläge und Lösungsansätze meist schon im Ansatz abgewiegelt. Im November 2025 hatte die SIHF in einem Pamphlet «strategische Lösungsszenarien» für die Swiss League präsentiert, nachdem eine Beratungsfirma eine Analyse erstellt hatte, die 75’000 Franken gekostet hatte. Diese sogenannten Lösungsansätze waren allerdings nicht viel mehr als eine Auflistung altbekannter Tatsachen, schöngefärbt mit ein paar Durchhalteparolen. Von der Einführung eines direkten Auf- und Abstiegssystems zum Zweck der engeren Verzahnung mit der National League wurde darin genauso fabuliert wie über die Integration von zwei Klubs aus der National League. Als ob zu diesem Zeitpunkt nicht bereits alle Welt seit längerer Zeit wusste, dass die National League nie und nimmer zwei Klubs rausrücken wird und den direkten Auf- und Abstieg schon vor Jahren auf den Index gesetzt hat.
Ein Vorschlag von Präsident Urs Kessler, die Swiss League durch eine Aufstockung von unten breiter abzustützen und durch eine gleichzeitige Regionalisierung für den lokalen Markt spannender zu machen, wurde von der Regio-Abteilung (den Amateuren) glattweg abgewiegelt. Der NAFS-Bereich (Nachwuchs, Amateure und Frauensport) wird von Marc-Anthony Anner (57) kontrolliert, der seinen Bereich als SIHF-Vize auch im Verwaltungsrat des Verbands vertritt und dort vor allem seine Interessen durchsetzt. Anner hält eisern an seinem System mit zwei praktisch gleichwertigen Ligen im Amateurbereich fest, eine absurde Strategie, weil sich die MyHockey League und die 1. Liga auf diesem Niveau kannibalisieren. Was kann Kessler da ausrichten? Der Berner Oberländer aus Gsteigwiler war bei den Jungfraubahnen im Verlauf von 38 Jahren vom Leiter der Verkaufsförderung zum Geschäftsführer und Visionär aufgestiegen – mit grösstmöglichem Erfolg. Beim Schweizer Eishockeyverband hat er ganz oben begonnen – aber die Luft in der Verbandszentrale in Glattbrugg ist offenbar doch dünner als auf dem Jungfraujoch. Kessler ist es sich gewohnt, die Dinge in die Hand zu nehmen. In einem Interview mit der «Handelszeitung» sagte er über das Projekt V-Bahn: «Das war eine Investition von 510 Millionen Franken, 2908 Tage von der Ankündigung bis zur Realisation, 908 Tage reine Bauzeit.» In Glattbrugg geht es wohl auch etwas günstiger, aber es dauert alles länger. Da muss er sich mit Berufsfunktionären, Gremien, Komitees und einer Bürokraten-Mentalität herumschlagen, und sollte er mal eine Hürde gemeistert haben, lauert schon die nächste.
Frauen-Eishockey: Kein Schwung nach Edelmetall
Das Frauen-Eishockey hatte zuletzt für einen Höhepunkt gesorgt, als die Mannschaft von Trainer Colin Muller (62) in Mailand das Bronze-Spiel gegen Schweden gewann. Ein Coup. Die erste Olympiamedaille seit Sotschi 2014 (damals gewannen die Frauen ebenfalls Bronze gegen die Schwedinnen) war für den Schweizer Eishockey-Verband eine Erfolgsmeldung. Und ein Teilchenbeschleuniger für das Fraueneishockey in der Schweiz? Zumindest innerhalb der Verbandsmauern nicht unbedingt. Der Abgang von Trainer Muller stand schon vor dem Turnier fest, Muller war zu Ohren gekommen, dass ihn Anja Stiefel (35) – Senior Manager Women’s Hockey bei der SIHF – offenbar schon im letzten Spätherbst abservieren wollte. Muller gab nach dem Turnier seinen Rücktritt bekannt, am letzten Donnerstag trennte sich der Verband zudem von Anja Stiefel. Stiefel war mit der Suche nach einem Nachfolger für Muller betraut, mindestens in einem Fall wurde sie dabei vom NTC (Komitee für die Nationalmannschaften, unterbreitet dem VR Vorschläge für die Posten der Nati-Trainer) ausgebremst, deswegen soll es zu Diskussionen mit dem abtretenden Nati-Direktor Lars Weibel gekommen sein. Wer sucht nach dem angekündigten Abgang Stiefels den neuen Frauen-Trainer? Immer noch Stiefel? Lars Weibel? Oder lauert diese Aufgabe auf Weibels Nachfolger Patrick von Gunten, der allerdings erst im Juni eingreifen kann? Anfang April war zudem publik geworden, dass sich der Verband trotz Vertrag bis 2027 per Ende Mai von Melanie Häfliger (43) trennt. Die U18-Nati-Trainerin war eine mögliche Kandidatin für Mullers Nachfolge. Muller wird nächste Woche beim Prospect-Turnier trotz erfolgtem Rücktritt aushelfen und hat verlauten lassen, sein Engagement allenfalls zu verlängern, um die Mannschaft nicht im Stich zu lassen, falls nicht fristgerecht ein neuer Trainer gefunden werden kann. Schwung dank Edelmetall? Kommt beim Verband nicht so richtig auf, wie es scheint. In Glattbrugg hat der Scherbenhaufen vor der Heimweltmeisterschaft weltmeisterliche Züge angenommen.
Und der Präsident Urs Kessler? Der sagte vor einiger Zeit im Interview mit der «Handelszeitung», Eishockey habe ihn immer begeistert. «Ich habe für diesen Sport eine grosse Leidenschaft.» Mal schauen, wie strapazierfähig die Leidenschaft des Präsidenten nach dieser Kavalkade von negativen Ereignissen noch ist.
Mannschaft | SP | TD | PT | ||
|---|---|---|---|---|---|
1 | Österreich | 0 | 0 | 0 | |
1 | Finnland | 0 | 0 | 0 | |
1 | Deutschland | 0 | 0 | 0 | |
1 | Großbritannien | 0 | 0 | 0 | |
1 | Ungarn | 0 | 0 | 0 | |
1 | Lettland | 0 | 0 | 0 | |
1 | Schweiz | 0 | 0 | 0 | |
1 | USA | 0 | 0 | 0 |
Mannschaft | SP | TD | PT | ||
|---|---|---|---|---|---|
1 | Kanada | 0 | 0 | 0 | |
1 | Tschechische Republik | 0 | 0 | 0 | |
1 | Dänemark | 0 | 0 | 0 | |
1 | Italien | 0 | 0 | 0 | |
1 | Norwegen | 0 | 0 | 0 | |
1 | Slowakei | 0 | 0 | 0 | |
1 | Slowenien | 0 | 0 | 0 | |
1 | Schweden | 0 | 0 | 0 |

