Darum gehts
- Zoo Zürich euthanasiert Elefantenbaby nach Geburt wegen schwerer Beinprobleme
- Fondation Franz Weber kritisiert wiederholte Todesfälle im Elefantengehege
- Experte nennt häufige Todesarten bei Asiatischen Elefanten in Zoos
Einen Tag nach der Geburt hat der Zoo Zürich ein Elefantenbaby eingeschläfert. Das Jungtier konnte seine Hinterbeine nicht belasten. Aus Gründen des Tierwohls wurde der junge Elefant euthanasiert.
In den vergangenen Jahren erlebte der Zoo eine ganze Reihe von Todesfällen bei seinen Asiatischen Elefanten. Die Fondation Franz Weber nutzt den Tod des kleinen Elefanten und übt Kritik an den Verantwortlichen. Die wiederholten Todesfälle seien «keine bedauerlichen Einzelfälle», so die Tierschutzorganisation in einer Mitteilung.
Severin Dressen (38), Direktor des Zoos, sieht das anders. Blick beantwortet die wichtigsten Fragen zum Tod des Elefantenbabys.
Wie läuft eine Einschläferung ab?
Blick hat beim Zoo nachgefragt. Dressen erklärt dazu: «Eine Tötung erfolgt immer tierschutzkonform. Zuerst wird das Tier betäubt und anschliessend getötet. Im aktuellen Fall erfolgten Betäubung wie Tötung medikamentös.»
Als das Kalb eingeschlafen war, erhielt es eine tödliche Dosis Barbiturate – dabei handelt es sich um Arzneistoffe, die das Nervensystem stark dämpfen – direkt in die Blutbahn verabreicht. Dies führte zum sofortigen Herzstillstand. Mutter Indi erhielt nach dem Tod ihres Jungen die Möglichkeit, sich von ihrem Kind zu verabschieden.
Welche Kriterien gelten für die Einschläferung?
Die Entscheidung zur Euthanasie falle immer erst nach genauer Analyse der Gesamtsituation, erläutert Dressen. «Sie ist von Fall zu Fall unterschiedlich und kann nicht an einheitlichen Kriterien festgemacht werden», sagt der Zoo-Chef. «Wenn keine Hoffnung mehr auf eine positive Entwicklung der Situation besteht und wenn alle Möglichkeiten, noch eine positive Entwicklung herbeizuführen, ausgeschöpft sind, wird mit der Euthanasie einem Tier unnötiges Leiden erspart.» Es werde immer im Sinne des Tierwohls entschieden. «Niemand im Zoo möchte ein Tier unnötig leiden sehen», betont Dressen.
Hanno Würbel, Tierschutz-Experte von der Universität Bern, erläutert dazu: «Es wird eine ethische Abwägung vorgenommen, ob es zumutbar ist, das Tier zu behandeln und lebenserhaltende oder -verlängernde Massnahmen anzuwenden – oder ob die damit verbundenen Belastungen für das Tier so gross wären, dass eine schonende Tötung das mildere Mittel und damit ethisch gerechtfertigt ist.» Er hebt hervor: «Eine solche Entscheidung erfordert grosse Fachkenntnis und Erfahrung von den behandelnden Tierärzten.»
Gab es keine Alternativen?
Im aktuellen Fall habe die Prognose keine Aussicht auf ein komplikationsfreies und lebensfähiges Aufwachsen des Kalbes zugelassen, unterstreicht Dressen. Der Allgemeinzustand des Kalbes hatte sich in der Nacht zu Dienstag weiter verschlechtert. Laut Dressen verlor Mutter Indi das Interesse an dem jungen Bullen, weil sie vermutlich bemerkte, dass etwas mit ihm nicht stimmte.
Verhindern liessen sich die von Tierschützern kritisierten Todesfälle in den vergangenen Jahren nicht, verteidigt er sich und sein Team weiter. «Ein Muster ist nicht erkennbar, welches auf eine immer wiederkehrende Ursache schliessen liesse, die dann bekämpft werden könnte. Somit ist es nicht möglich, konkrete Massnahmen zu ergreifen. Das ist natürlich frustrierend», räumt der promovierte Biologe ein.
Sterben Elefanten in Zoos häufiger?
Für den Tod eines Asiatischen Elefanten kann es laut Hanno Würbel verschiedene Ursachen geben. Bei Jungtieren könnten neben viralen und bakteriellen Infektionen oft auch Probleme bei der Jungenaufzucht verantwortlich sein. «Zum Beispiel, weil die Muttertiere zu jung und unerfahren sind oder aufgrund von sozialen Spannungen in der Gruppe», fügt er hinzu. Bei älteren Elefanten nennt er neben Infektionskrankheiten haltungsbedingte Krankheiten, «ähnlich unseren Zivilisationserkrankungen», wie Übergewicht, Stress und Herzkreislaufkrankheiten als mögliche Risiken. «Wobei es hier grosse Unterschiede zwischen Zoos geben kann, je nach Qualität der Haltungsbedingungen und des Tiermanagements», fügt er an.
Dressen erläutert, dass eine höhere Sterblichkeit bei Erstgebärenden weder etwas Zoospezifisches sei noch gelte dies nur für Elefanten. «Insbesondere soziale Arten lernen sehr viel von ihrem Umfeld und müssen Erfahrungen sammeln. Die ist bei Erstgebärenden logischerweise noch weniger vorhanden. Gerade deshalb ist es beispielsweise wichtig, dass eine Elefantengeburt möglichst im Herdenverband erfolgt. Da helfen dann die erfahrenen Kühe mit, damit alles gut geht», erklärt Dressen. Und auch soziale Spannungen sind nichts Zoospezifisches ebenso wie bakterielle oder virale Infektionen, die auch in der Natur vorkämen.
Was im Zoo im Vergleich zur freien Wildbahn tatsächlich weniger vorhanden sei, sei Stress, so Dressen. «Das mag paradox klingen, aber kurzzeitiger Stress – kein dauerhafter – ist gut für die Gesundheit. Beispielsweise mit Blick auf das für Elefanten tödliche Herpesvirus zeigen neuste wissenschaftliche Erkenntnisse, dass Stress nützlich ist. Durch Stress kann es zur niederschwelligen Aktivierung des Virus kommen, wodurch die Produktion von Antikörpern angeregt wird.»