«Dorf des Jahres»
Gersau: Dieses Dorf spinnt – und gewinnt

Die SI-Leserinnen und -Leser haben entschieden: Gersau ist das «Dorf des Jahres»! Am Vierwaldstättersee treffen Riviera-Feeling, prächtige Häuser, 300 Jahre Seidenverarbeitung und Menschen mit Herzblut aufeinander.
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Die Riviera des Vierwaldstättersees: Gersau liegt am Fuss von Rigi Hochflue und hat ein mediterranes Klima.
Foto: Marco Schnyder
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Monique Ryser
Schweizer Illustrierte

Gersau ist kein Dorf, es ist eine kleine Welt. Wer hier ankommt, sieht zuerst den See, den Gersauerstock und die Rigi Hochflue. Herrschaftliche Häuser, die Uferpromenade mit ihren Palmen und die vielen privaten Gärten mit Feigen, Kiwis, Zitrusfrüchten und sogar Kaki.

Wer länger bleibt, merkt schnell, dass Gersau von zwei Dingen lebt: von seiner Geschichte – und von den Menschen, die sie weitertragen. «Gerade für all diese Persönlichkeiten, die sich im Tourismus, in Sport und Kultur sowie in der Wirtschaft Tag für Tag einsetzen, macht mich dieser Sieg stolz und überglücklich», sagt Sandra Häusler, 59, die Gemeindepräsidentin, die hier Frau Bezirksammann heisst. «Und ja, ich weiss es zu schätzen, dass ich in solch einem tollen Dorf leben und politische Verantwortung übernehmen darf!»

Üppig geschmückte Häuser geben dem Schwyzer Dorf seine unverwechselbare Identität.
Foto: Marco Schnyder


Das Alte Rathaus mitten im Dorfzentrum, heute Ortsmuseum, erzählt von der altfryen Republik Gersau, einst kleinster Freistaat Europas. Ein paar Schritte weiter öffnet sich der Park der Villa Flora, die grüne Visitenkarte des Dorfes. Die Villa selbst beherbergt die Gemeindeverwaltung, der Park wird mit wechselnden Skulpturenausstellungen zur Open-Air-Galerie. «Ich habe einige Lieblingsplätze», sagt Denise Gerth, 56, Leiterin des Infocenters. «Aber einer ist besonders, denn er ist auch mein Arbeitsplatz: die Schiffstation, wo das Infocenter untergebracht ist. Von meinem Platz aus sehe ich direkt auf den See. Leute und Schiffe kommen und gehen. Hier erlebt man unglaublich viel.»

Das Alte Rathaus aus dem Jahr 1745 mit dem Ratssaal der alten Republik Gersau ist heute ein Museum.
Foto: Marco Schnyder

Wen wunderts, dass die «Riviera der Zentralschweiz» viele bekannte Köpfe anzieht. Entertainerin, Schauspielerin und Moderatorin Monika Kaelin wohnt direkt am Wasser. ESC-Teilnehmerin Gunvor hat sich ebenso hier niedergelassen wie Singer-Songwriter Shem Thomas oder der Schweizer Meister im Trailrunning, Tobias Baggenstos. Verliebt in Gersau hat sich auch die international renommierte Ikebana-Künstlerin Ursula Altenbach, die hier arbeitet und ausstellt.

Artikel aus der «Schweizer Illustrierten»

Dieser Artikel wurde erstmals in der «Schweizer Illustrierten» publiziert. Näher dran – an Stars, Royals und Menschen mit Geschichten. Hier gehts zum Abo!

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Auch Radweltmeister Oscar «Ösi» Camenzind lebt hier. «Jetzt habe ich zwei, drei Gänge zurückgeschaltet», sagt der 55-Jährige. Seit 20 Jahren arbeitet er in Gersau als Pöstler: «Ich kenne jeden – und jede Ecke.» Noch immer strampelt der Gümmeler rund 5000 Kilometer im Jahr. «Aber gemütlich», betont er. Aufgewachsen ist er auf einem Bauernhof im Aufstieg zum Gersauerstock. «Schon als Kind fuhr ich mehrmals täglich den Stutz hinauf – das hat wohl eine gewisse Grundkondition gegeben», verrät er sein Erfolgsgeheimnis. Er war viel in der Welt unterwegs, als Profi an der Tour de France und am Giro d’Italia. «Aber dieser Flecken hier am Vierwaldstättersee ist etwas ganz Besonderes.»

Früher sprintete er um Sekunden, heute kurvt er als Pöstler durchs Dorf Gersau. Ösi Camenzind, Radweltmeister von 1998: «Bei dieser Hitze ist eine Glace das Richtige!»
Foto: Kurt Reichenbach

Die Pracht von Gersau beruht auf der goldenen Ära der Seidenproduktion. Anno 1730 kam die wertvolle Fracht erstmals über den Seeweg nach Italien und danach nach Gersau. Das Dorf wurde zum Hotspot der Schweizer Seidenindustrie. Hier wurde Schappe- und Florettseide zu feinen Garnen verarbeitet. Drei Handelshäuser dominierten die Blütezeit, sichtbar bis heute in ihren prachtvollen Wohnsitzen: dem Hof, dem Grosslandammannhaus und der Villa Minerva. Letztere liess Josef Maria Camenzind, Mitbesitzer der Firma Andreas Camenzind & Sohn und reichster Seidenherr im Dorf, 1790 errichten.

Im Oval Office liegt Seide von hier

Anderswo ist die Seidenindustrie verschwunden. In Gersau hat sie überlebt – die Geschwister Nicole, 54, und Mathias Camenzind, 57, halten in fünfter Generation bei Swiss Mountain Silk im wahrsten Sinne des Wortes die Fäden in der Hand. Beide sind in der Villa Minerva aufgewachsen, beide gingen beruflich zuerst eigene Wege ausserhalb der Fabrik. Erst als es 2004 um die Weiterführung des Familienbetriebs ging, stiegen sie gemeinsam ein. «Das ist die letzte aktive Seidenspinnerei der Schweiz», sagt Mathias. «Wir stellen pro Jahr 80 bis 120 Tonnen Garne und Zwirne aus reiner Seide oder Mischungen mit anderen Naturfasern her.»

Nicole und Mathias Camenzind von Swiss Mountain Silk mit Frau Bezirksammann Sandra Häusler (r.) auf dem Dach der Fabrik mit Blick auf Vierwaldstättersee und Teile des Dorfes.
Foto: Kurt Reichenbach

Verarbeitet werden sie von Modehäusern auf der ganzen Welt und in exklusiven Teppichen – bis ins Oval Office des US-Präsidenten. «Einer unserer Kunden in den USA hat einen Teppich im Auftrag von George H. W. Bush produziert. Mit dem grossen Siegel der Vereinigten Staaten, dem Weisskopfseeadler mit US-Wappen – mit Seide von uns! Ob ihn Donald Trump noch benutzt, wissen wir nicht», sagt Mathias Camenzind.

Sie halten die Fäden in der Hand: Nicole umwickelt ihren Bruder Mathias mit Seidengarn. An den Seiten sind Ringspinnmaschinen.
Foto: Kurt Reichenbach

Zu Spitzenzeiten am Anfang des 19. Jahrhunderts lebten rund 450 Menschen in Gersau von der Seide. «Heute beschäftigen wir 22 Personen», so Mathias Camenzind. «Wir bedienen einen Nischenmarkt.» Auf dem Dach des Fabrikgebäudes, mit Blick über Gersau und den glitzernden Vierwaldstättersee, posieren Nicole und Mathias an diesem Sommertag neben Sandra Häusler. Unten laufen die Spinnmaschinen. Ein Spagat zwischen lokalem Handwerk und globalem Markt. Im Betriebslabor werden Seidenkammzüge geprüft, in der Halle laufen Kämmmaschinen, Ringspinnereien und Spulmaschinen, aus denen am Ende glänzende Garne kommen.

Der Kokon wird gekocht, gewaschen und getrocknet, die Fasern gekämmt und zu Kammzug verarbeitet. Das dünne Band wird zum Schappeseidengarn für Krawatten gesponnen.
Foto: Kurt Reichenbach

Seit 1892 hat die Firma Krisen, Kriege und den Strukturwandel der Textilindustrie überstanden – dank guten Handelskontakten, etwa nach China, und der Bereitschaft, immer wieder zu investieren. «Gersau lebt aber nicht nur von einzelnen Figuren, sondern von einem dichten sozialen Gewebe», sagt Sandra Häusler. Und Denise Gerth ergänzt: «Der Ort hat ein aussergewöhnlich reges Vereinsleben, ein breites Sportangebot für Kinder und Jugendliche und ein Kulturprogramm, das weit über die Grösse des Dorfes hinausgeht.»

Mathias Camenzind schaut im Vorwerk zum Rechten: Hier wird das Rohmaterial zu einem feinen, spinnbaren Band verarbeitet.
Foto: Kurt Reichenbach

Vielleicht ist genau das der eigentliche Charme dieses Orts: Gersau hat aus Seide Wohlstand gemacht, aus Wohlstand Räume und Häuser. Und aus all dem Menschen, die keine Statisten sind – sondern Macherinnen und Macher. Damals wie heute.

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