Darum gehts
Es ist staubig, es ist laut. Unbarmherzig knallt die Sonne auf die Grossbaustelle bei Langnau am Albis im Zürcher Sihltal. Ein halbes Dutzend Arbeiter rackert in der Hitze, unbeeindruckt von der kühlen Sihl, die neben ihnen Richtung Zürich plätschert. Sie ist kaum knietief. Schwer vorstellbar, was dieser Fluss anrichten kann.
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2005 entging die Stadt Zürich einer Katastrophe um Haaresbreite. Im August donnerte die Sihl mit gigantischen 290 Kubikmetern Wasser pro Sekunde nur knapp unter dem Hauptbahnhof hindurch. Zum Vergleich: Die stolze Aare fliesst an normalen Tagen mit 150 bis 200 Kubikmetern pro Sekunde am Messpunkt Marzili in Bern vorbei. In Zürich ist ein Grossereignis möglich, bei dem die Sihl ganze Quartiere überschwemmt und ein geschätzter Schaden von 6,7 Milliarden Franken entstünde. In den theoretischen Szenarien passiert das alle 500 Jahre. Nur: Der Zeitpunkt ist die grosse Unbekannte. Diese 500 Jahre könnten dieses Jahr sein – oder nächstes.
Riesen-Röhre soll Zürich retten
Nach der Beinaheüberschwemmung von 2005 entschied sich der Kanton für den Bau eines Entlastungsstollens. Der nimmt gefährliches Hochwasser schon im Sihltal auf und leitet es durch eine zwei Kilometer lange Röhre in den Zürichsee. Zuständiger Gesamtprojektleiter des Megaprojekts ist Adrian Stucki (45) vom kantonalen Amt für Abfall, Wasser, Energie und Luft (Awel). Er ist zufrieden mit dem Fortschritt. Bis im März 2027 sind alle Arbeiten abgeschlossen – ein halbes Jahr später als geplant. «Mit Verzögerungen ist bei einem so komplexen Projekt immer zu rechnen», sagt Stucki. Dann ist auch fertig mit erbosten Reklamationen und Vandalismus wegen umgeleiteter Wander- und Velowege im Sihltal.
Dort schmiegt sich ein 130 Meter langer, schmaler Betonbau mit einem horizontalen Schlitz ans Flussufer. Es ist das Einlaufbauwerk und bereit, Wasser aufzunehmen, sobald die Sihl die Marke von 250 Kubikmetern pro Sekunde erreicht. Statistisch passiert das etwa alle acht Jahre. Dann fliesst Wasser zur Überlaufkante mit zwei Schlauchwehren. Diese aufblasbaren «Würste» aus Spezialgummi lassen sich mit Luftdruck regulieren, damit mehr, weniger oder im Normalfall gar kein Wasser in den Stollen gelangt.
Die Aufsicht über die Baustelle Sihltal obliegt Bauleiterin Ladina Zablonier (42). Sie kontrolliert täglich die Arbeiten: Entspricht der Durchmesser der Armierungseisen den Plänen? Hat die Betonwand die richtige Form, ist es der richtige Beton? «Was der Statiker berechnet hat, müssen wir millimetergenau umsetzen», sagt Zablonier. Ein Arbeiter schaufelt mit seinem Bagger das Flussbett aus. Etwas weiter oben verbinden zwei Eisenleger Armierungseisen. Ein Knochenjob. Dennoch lachen sie und posieren kurz für ein Foto.
Büezer-Ehre
Bauleiterin Zablonier kann sich ein Grinsen nicht verkneifen. «Berufsstolz», sagt sie. «Die Arbeiter sind megastolz, bei einem so wichtigen Projekt dabei zu sein, und wollen top Qualität abliefern.» Zablonier hat Job und Mannschaft im Griff – und einen bewährten Trick: Wenn sie eine neue Baustelle übernehme, sagt sie: «Jungs, es ist hier wie daheim: Machen, was die Frau sagt!»
Zu den technischen Herausforderungen kommen organisatorische: die Koordination von rund 200 Firmen plus deren Subunternehmen mit Dutzenden Arbeitern. «Wir setzen uns wenn nötig spontan an einem Tisch zusammen», sagt Gesamtprojektleiter Adrian Stucki. «Teamwork ist essenziell, miteinander Reden das A und O – und zielführender, als E-Mails hin und her zu schicken.»
Stuckis Kollege, Oberbauleiter Hannes Zotter (46) vom Tiefbauamt des Kantons Zürich bestätigt: «Natürlich passiert auch im Bauwesen vieles digital. Das hat Vorteile, aber das Wichtigste sind immer noch die Menschen und ihre Ideen!» Zotter ist Bauingenieur und hat Erfahrung mit Grossprojekten wie den Basistunnels durch den Gotthard und den Monte Ceneri. Und doch ist dieses speziell: «Er ist eines der wichtigsten Schutzprojekte in der Schweiz – und wegweisend.»
Alle profitieren, alle zahlen
Gebaut wird mit Steuergeld. Die Hauptlast der 175 Millionen Gesamtkosten trägt der Kanton Zürich. Stadt, Bund, aber auch SBB und die Sihltal Zürich Uetliberg Bahn (SZU) beteiligen sich. Zum Vergleich: Nur schon zwei neue Schulhäuser, die das Zürcher Stimmvolk kürzlich guthiess, kosten 279 Millionen.
Die Einhaltung von Budget, Terminplan und Qualität beim Bau des Entlastungsstollens obliegt Chefbauleiter Jürgen Ganzmann (62) vom externen Ingenieurunternehmen Afry: «Ich bin quasi der Treuhänder der Bauherrin, also des Kantons», sagt er. «Der eigentliche Stollen durch den Zimmerberg machte uns noch am wenigsten Probleme, trotz seiner beeindruckenden Dimensionen.»
Mega-Bohrmaschine «Delia» verabschiedet sich
Heisst: zwei Kilometer lang, 6,6 Meter Durchmesser, 50 Meter Gefälle. Die 1100 Tonnen schwere und 160 Meter lange Tunnelbohrmaschine «Delia» hat den Stollen gebohrt und gleichzeitig die vorgefertigten Betonelemente angebracht. Ungetüm «Delia» avancierte beim Durchstich im November 2024 zum Lieblingsfotomodel. Inzwischen ist sie zerlegt und abtransportiert. Nicht minder imposant ist die Toskammer auf der Seeseite. Die schiere Grösse ist einschüchternd. In ihr wird die Geschwindigkeit des Wassers von rund 50 auf 15 km/h abgebremst, bevor es in den Auslaufkanal und dann in den See fliesst.
Dieser Auslaufkanal ist der technisch anspruchsvollste Teil und einzigartig. Er ist auch Ursache der Verzögerungen und schlafloser Nächte der Verantwortlichen. Das Problem: Der Seegrund bei Thalwil entpuppte sich als empfindliche Diva, die Erschütterungen schlecht verträgt. «Hier gab es ein paar unangenehme Überraschungen», nickt Gesamtprojektleiter Adrian Stucki. Statt mit festem Boden haben sie es mit «Pfludi» zu tun. «Wenn man stichfestes Joghurt umrührt, wird es flüssig. Der Seegrund reagiert leider ähnlich.» Als Folge müssen die Spundwände aus Stahl bis auf den Fels getrieben werden. Und immer wieder gibt es irgendwo Theater.
Wo ist das Leck?
Bauführer Sandro Schneider (41) vom Bauunternehmen Marti steht über den Spundwänden und schaut in den tiefen Schlund des Auslaufkanals. Der wurde vor Tagen trockengelegt – und nun ist der Boden in einem Abschnitt mit Wasser bedeckt. Irgendwo ist ein Leck. Schneider – die Ruhe selbst – bietet einen Taucher auf, der die undichte Stelle sucht und so verschliesst, dass sie hundert Jahre hält.
«Im Wasser bauen ist heikel, da muss man immer mit Überraschungen rechnen», sagt Schneider. Das Auslaufbauwerk wird 90 Meter in den See hinein gebaut. Es wird mehrere Meter unter dem Wasserspiegel liegen und die Gäste der Strandbäder nicht stören. Ein Absperrgitter sichert den Kanal, damit niemand vom See hineingelangt, weder versehentlich noch absichtlich.
Genervte Nachbarn
Gesamtprojektleiter Adrian Stucki vom Awel erinnert sich an die vielen Ideen, die in der Planungsphase vorlagen. Einige wollten statt einen Entlastungsstollen den Sihlsee als Auffangbecken. Andere einen Veloweg im Stollen oder eine Turbine in der Toskammer. Vorschläge, die geprüft wurden. «Leider waren sie nicht praxistauglich», sagt Stucki.
Er ist auch Ansprechperson für die Bevölkerung und kümmert sich um Klagen der Anwohner in Thalwil, die seit bald fünf Jahren die Baustelle ertragen. Die kann Stucki nicht verschwinden lassen. Immerhin aber eine blinkende Weihnachtsbeleuchtung am Kran. Staub, Dreck und Lärm bleiben bis nächsten März.