Darum gehts
- Feuerheiler in der Westschweiz tief verwurzelt, wollen Schmerz bei Brandopfern lindern
- Zahlreiche Anfragen nach Brand-Katastrophe von Crans-Montana VD
- Spitäler kontaktieren Heiler nicht direkt, Angehörige initiieren Anfragen
Die Tradition des Gesundbetens ist besonders auf dem Land in den katholisch geprägten Kantonen der Westschweiz tief verwurzelt. In Kantonen wie Freiburg, Jura und Wallis ist die pragmatische Akzeptanz von Feuerheilern durch das medizinische Personal bei Verbrennungsfällen üblich, wenn vom Patienten oder von dessen Angehörigen gewünscht.
In der Westschweiz werden die Heiler «Faiseurs de secret» (Geheimnisträger) genannt. Sie geben ihr «Geheimnis» oft nur mündlich und unter strengen Auflagen an eine jüngere Generation weiter. Fabienne Dayer, eine Heilerin aus Monthey VS, erhielt nach der Brandkatastrophe von Crans-Montana VS bereits zahlreiche Anfragen. «Ich sah sehr schnell Nachrichten und verpasste Anrufe von Menschen, die meine Gabe nutzen wollten, um das Leid von Brandopfern zu lindern», sagt Dayer gegenüber «24 heures». Seither kümmere sie sich unentwegt um die Verletzten – obwohl sie weit weg im Pazifik in den Ferien weilt. «Die Entfernung spielt keine Rolle», so Dayer.
«Die Anrufe prasseln herein»
Auch Georges Delaloye, ein Heiler aus Martigny VS, wurde mit Anfragen überhäuft: «Die Anrufe prasseln herein, Dutzende Menschen haben mich und andere Heiler aus dem Wallis und der Schweiz kontaktiert, um den Opfern dieser Tragödie so gut wie möglich beizustehen.» Er sei auch von Krankenschwestern kontaktiert worden, die Brandopfer versorgten, sagt Delaloye.
Von sich aus kontaktiert das Spital in Sitten keine Heilpraktiker, wie der Sprecher gegenüber der Zeitung erklärt. «Listen sind jedoch auf Anfrage für Patienten oder deren Angehörige erhältlich.» Ähnlich wird die Angelegenheit beim Universitätsspital Genf (HUG) behandelt. Dayer bestätigt: «Nicht das Spital ruft uns an, sondern die Angehörigen.»
Ärztin berichtet von deutlicher Schmerzlinderung
Über die Methoden der Feuerheiler ist wenig bekannt. Die Arbeitsweisen von Dayer und Delaloye sind unterschiedlich, wie sie erklären. Dayer benötigt den Namen, das Alter, den Aufenthaltsort und Angaben zur verletzten Körperstelle der betroffenen Person. Die Heilerin spricht kein festgelegtes Gebet, sondern wählt Worte und Gedanken, je nach ihrer eigenen Inspiration und nach ihrem Wissen über den verletzten Menschen. Delaloye hingegen greift auf traditionelle Gebete zurück: «Sie beginnen mit einem Vaterunser und enden mit einem Ave Maria», erklärt er.
Mette Berger, Ärztin und Honorarprofessorin an der Universität Lausanne, war 30 Jahre lang Koordinatorin des Verbrennungszentrums am Universitätsspital Lausanne (CHUV) und Initiatorin des Katastrophenplans, der nach der Brandkatastrophe von Crans-Montana umgesetzt wurde. Berger betont die Wichtigkeit, diesem Wunsch gegenüber offenzustehen, wenn das Opfer oder seine Angehörigen einen Heiler konsultieren möchten. Bei weniger schweren Verbrennungen beobachtete die Ärztin in der Vergangenheit deutliche Schmerzlinderung. Die psychischen Auswirkungen sollten nicht unterschätzt werden, ebenso wenig das Gefühl der Angehörigen, in ihrer völligen Ohnmacht etwas tun zu können. «Fragen Sie mich nicht, wie das Geheimnis funktioniert», sagt sie. «Ich weiss nur, dass es in manchen Fällen hilft, auch bei Kindern.»
Keine Auswirkungen bei Gewebezerstörung
Die Schulmedizin spricht in diesem Zusammenhang von einem Placeboeffekt. Das Phänomen der traditionellen Feuerheiler in der Schweiz wurde unter anderem bereits 2012 vom Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) thematisiert. Das Portal Swissinfo.ch berichtete im selben Jahr über einen Verbrennungspatienten aus dem Kanton Freiburg, der sich neben der ärztlichen Behandlung im Spital auch von einem Heiler behandeln liess. «Es hört sich an wie ein Gebet, ziemlich komisch», erinnerte er sich. Ob das Gesundbeten ihm tatsächlich half? Geschadet habe es jedenfalls nicht, meinte er.
Die Feuerheiler arbeiten traditionell ehrenamtlich und nicht gegen Bezahlung. Bei schweren Verbrennungen ist in jedem Fall ärztliche Hilfe zu holen. Obwohl «das Geheimnis» eines Heilers eine psychologische und subjektiv empfundene physische Schmerzhilfe bewirken kann, hat die Methode bei Verbrennungen dritten und vierten Grades mit Gewebezerstörung keinerlei Auswirkungen auf die Verletzungen. Ärztin Berger: «Da die Nervenenden zerstört sind, spürt die betroffene Person nichts, aber in der Regel treten bei ein und demselben Patienten Verbrennungen unterschiedlicher Tiefe zusammen mit Schmerzen auf, die von weniger betroffenen Bereichen ausstrahlen.»