Darum gehts
- In Randa VS drohen Gletscherabbrüche, erhöhte Gefahrenstufe wurde am 24. August ausgerufen
- Gefahrenperimeter gesperrt, Wohngebäude noch nicht betroffen, Situation wird täglich analysiert
- Walliser Bergdorf war bereits in Vergangenheit Schauplatz von Berg- und Felsstürzen
Kaum hat der Prozess um den Bergsturz von Bondo GR begonnen, sorgt sich das nächste Schweizer Bergdorf um seine Sicherheit.
In Randa VS wurden am 24. August stark erhöhte Bewegungen und eine Beschleunigung der Eismassen am Hängegletscher Weisshorn Ost festgestellt. Die Gemeinde erhöhte deshalb die Überwachung der Gefahrenzone auf die zweithöchste Stufe und erklärte ein grösseres Gebiet zum unbegehbaren Sperrbereich. Am Montagnachmittag kam es zu mehreren Abbrüchen aus einem instabilen Bereich, wie die Gemeinde am Dienstag mitteilt. Mindestens drei Abbrüche soll es demnach gegeben haben.
«Der grösste Abbruch ereignete sich zwischen 17 und 18 Uhr. Die dabei entstandenen Ablagerungen blieben auf dem darunterliegenden Gletscherplateau liegen», schreibt die Gemeinde. Die Situation werde weiter engmaschig beobachtet. Weitere Abbrüche seien laut der aktuellen Einschätzung der zuständigen Fachstellen möglich. Für die Überwachung und Beurteilung der Situation kommt unter anderem ein speziell dafür installiertes interferometrisches Radar zum Einsatz.
Gefahrenperimeter eingerichtet
Bereits 1991 hatte sich in Randa ein grosser, dreifacher Bergsturz ereignet, woran heute ein Museum im Ort erinnert. Das grösste historisch belegte Ereignis ereignete sich 1819: Eine gewaltige Eis-Schneelawine zerstörte in Randa über 100 Häuser, Scheunen und Ställe und tötete zwei Menschen. Weitere Abbrüche 1972 und 1973 endeten glimpflich, da die Eislawinen bereits auf rund 3000 Metern über Meer zum Stillstand kamen.
Die jetzt neu ausgerufene Gefahrenzone grenzt genau ans Dorf. Der ausgewiesene Gefahrenperimeter darf ab sofort und bis auf weiteres nicht betreten werden, warnt die Gemeinde auf ihrer Website.
Mehrere Abbrüche
Gemeindepräsident Frederic Imboden sagte dem «Walliser Boten»: «Die Situation wird mehrmals pro Tag von den Spezialisten analysiert.»
In den kommenden Tagen seien Abbrüche möglich, die bis in den gekennzeichneten Gefahrenbereich reichen könnten. Wohngebäude sind von den aktuellen Einschränkungen noch nicht betroffen.
Die Behörden mahnen, Absperrungen und Anweisungen unbedingt zu befolgen. Die Lage am Berg wird laufend überwacht.
Erhöhte Überwachungsstufe
Das Bundesamt für Umwelt (Bafu) unterscheidet bei der Überwachung von Massenbewegungen vier Stufen. Stufe 1 dient der Gefahrenbeurteilung, Stufe 2 der Beobachtung der Prozessentwicklung, Stufe 3 der Früherkennung und Warnung. Stufe 4 steht für permanente Überwachung mit Alarmsystem.
In Randa gilt seit Montag die erhöhte Überwachungsstufe 3.
Gletscher unter Druck
Die Warnung aus Randa fällt in einen Sommer, der den Schweizer Gletschern massiv zusetzt. ETH-Glaziologe Matthias Huss sprach gegenüber Blick von «einem der schlechtesten Sommer seit Messbeginn». Rund 30 Gletscher oder mehr könnten bis zum Herbst verschwinden.
Bereits Ende Juni waren die Winterreserven vieler Schweizer Gletscher aufgebraucht – deutlich früher als üblich. Der schwindende Eispanzer und auftauender Permafrost können die Stabilität von Fels- und Eisformationen beeinflussen.
Die aktuelle Situation am Weisshorn ist allerdings eine konkrete lokale Gefahrenlage und lässt sich nicht allein mit dem Hitzesommer erklären.
Erinnerungen an Blatten und Bondo
Die Situation weckt Erinnerungen an Blatten VS. Im Mai 2025 stürzten gewaltige Massen vom Kleinen Nesthorn ins Tal und zerstörten grosse Teile des Walliser Dorfes. Die Bevölkerung war zuvor evakuiert worden. Ein Mann kam dennoch ums Leben.
Brienz GR lebt seit Jahren mit der Gefahr eines Bergsturzes und musste bereits mehrfach evakuiert werden. Auch Kandersteg BE droht Gefahr vom Berg: Am Spitze Stei bewegen sich rund 15 Millionen Kubikmeter Fels. Abbrüche könnten Murgänge auslösen, die bis ins Dorf reichen.
Und ausgerechnet jetzt steht in Pontresina der Bergsturz von Bondo GR vor Gericht. Neun Jahre nach dem Unglück am Piz Cengalo, bei dem acht Wanderer ums Leben kamen, müssen sich seit Montag fünf Verantwortliche wegen mehrfacher fahrlässiger Tötung verantworten.