Darum gehts
- Tötungsdelikt in Faoug VD: Mutter stirbt, Täter in Genf gefasst
- Bruder des mutmasslichen Täters spricht mit Blick über die grausame Tat
- Er sammelt Spenden für traumatisierte Familie der Opfer
Die kleine Gemeinde Faoug VD am Murtensee, die auf Deutsch Pfauen heisst, wurde Mitte Woche von einem Tötungsdelikt erschüttert. «Er hat geklingelt und dann diese Scheisse gemacht», sagt Bahrudin A.**, der Bruder des Täters, zu Blick.
Am Dienstagabend spät klingelt Bernard V.* (25) in Faoug beim Haus seiner Eltern. Als die Türe sich öffnet, geht der junge Mann plötzlich mit einer Stichwaffe auf seine Familie los. Er verletzt insgesamt drei Personen: Vater Faruk V.* (48) und Mutter Bora V.* (52) werden beim Angriff schwer verletzt, die Grossmutter trägt Verletzungen im Gesicht davon. Eine Schwester kann sich in Sicherheit bringen.
Danach macht sich der Täter aus dem Staub und probiert, einem Nachbarn das Auto zu klauen. Doch der Wagen springt nicht an. Der Nachbar kommt mit einem Baseballschläger aus dem Haus und schlägt den Täter damit in die Flucht. Die Polizei leitet eine Grossfahndung nach dem Angreifer ein und kann am nächsten Morgen Entwarnung geben. Die Gendarmerie und die Transportpolizei nehmen Bernard V. in Genf fest.
Am Freitag folgt die nächste Hiobsbotschaft für die Familie: Die Mutter erliegt ihren schweren Verletzungen, wie die Waadtländer Kantonspolizei mitteilte.
«Ich wollte meine Eltern nicht am Boden liegen sehen»
Bahrudin A.** (30), der Bruder des mutmasslichen Täters und der Sohn der verstorbenen Mutter Bora V., spricht langsam und bedacht mit Blick. Für den Täter findet er klare Worte – und fragt sich: «Was ist passiert mit diesem Mann? Denn das ist nicht mehr mein Bruder.»
Am Abend der Tat erhält Bahrudin A. einen schockierenden Anruf von seinem Vater. Innert weniger Minuten trifft er beim Elternhaus ein. «Es waren schon drei Ambulanzen da. Ich bin nicht reingegangen, ich wollte meine Eltern und Grossmutter nicht am Boden liegen sehen», sagt er.
Bahrudin A. hat bereits seine Frau verloren
Auf der Plattform happypot.ch hat Bahrudin A. eine Spendensammlung eingerichtet. Stand Samstagnachmittag sind bald 5000 Franken für die traumatisierte Familie zusammengekommen. «Meine Eltern können nicht zurück in dieses Haus. Wir müssen weitermachen.»
Bahrudin hat nebst einer 23-jährigen Schwester noch zwei Schwestern im Teenageralter. Eine davon musste den Angriff miterleben. Vater Faruk V. liegt weiterhin mit schweren Verletzungen, aber ausser Lebensgefahr, im Spital. «Er kann gehen und sprechen, aber er ist traumatisiert.» Es gebe aktuell nur den Blick nach vorne, sagt Bahrudin: «Wir müssen jetzt zusammenhalten. Wir müssen von Tag zu Tag schauen, wie es geht.»
Bahrudin A. wirkt im Gespräch mit Blick resolut, geordnet und bei sich. Der Grund ist nicht minder tragisch. Vor zwei Jahren verlor er seine Ehefrau, die Mutter seiner beiden Kinder. Was damals geschah, möchte er heute, nach diesem zweiten einschneidenden Erlebnis, nicht näher erläutern.
Die Erfahrung von damals hilft ihm jetzt aber weiter: «Ich weiss, was man in dieser Situation braucht. Wenn jemand stirbt, braucht man Hilfe. Man braucht neue Kleider, Geld für die Beerdigung. Man muss an vieles denken.» Sein Pflichtbewusstsein treibt ihn an: «Ich habe keine Wahl. Ich muss das machen. Ich bin jetzt der Chef der Familie.»
«Das musste irgendwann passieren»
Über den Täter spricht Bahrudin A. mit einem tiefen Schmerz in der Stimme. Psychisch krank sei er gewesen, dieser Mann, den er nicht mehr als Bruder betrachten kann. «Das musste irgendwann passieren. Ich bin sehr wütend.» Bernard V. sei verbeiständet gewesen, habe eine «Curatrice» gehabt, wie es im Welschland heisst. «Ich kann nicht sagen, warum er das gemacht hat. Wir haben mehrmals vor ihm gewarnt.»
Bernard V. sei in einer psychiatrischen Einrichtung zur Behandlung gewesen. Das empfindet Bahrudin A. als richtig. Dass der spätere Täter diese Einrichtung jederzeit habe verlassen können, sei falsch gewesen. «Ich finde, wir sind in der Schweiz zu lax, wenn es um psychische Probleme geht. Gefährliche Menschen gehören in eine geschlossene Einrichtung.»
Seine Mutter Bora sei eine «super Frau, eine super Mutter» gewesen. Bahrudin A. möchte verstehen, was seinen eigenen Bruder zu einer solchen Tat getrieben hat. Zusammen mit einem Anwalt will er Einsicht in die Krankenakten des Täters: «Dafür ziehe ich vor jedes Gericht. Nicht wegen des Geldes, sondern wegen meiner Mutter. Ich will weitermachen für meine Familie.»
* Namen geändert
** Name bekannt