Darum gehts
- Ein Passagier stirbt auf Saudia-Flug SV237 nach Genf am 24. März
- Leiche wird in schwarzem Sack neben Selim platziert, Solidarität herrscht
- Fluggäste warten eine Stunde auf Autopsieergebnisse, dann Freigabe
Selim* (30) aus Bussigny VD sitzt ganz hinten im Airbus A330. Am 24. März sitzt er im Saudia-Airlines-Flug SV237 von Dschidda nach Genf. Er hat seine Kopfhörer auf. Die Maschine ist seit gut drei Stunden in der Luft, als im vorderen Teil der Kabine plötzlich Unruhe ausbricht. Crewmitglieder laufen hektisch hin und her.
Selim ist auf dem Heimweg aus Mekka. «Ich war für die Umra dort, die kleine Pilgerfahrt. In den letzten zehn Tagen des Ramadan ist sie unglaublich kraftvoll», sagt der 30-Jährige zu Blick.
Ein langer schwarzer Sack auf den Sitzen
In der Mitte des Flugzeugs muss ein Passagier in einer Viererreihe seinen Platz wechseln. Dann kommt die Crew mit einer grossen, langen, schwarzen Tasche. Die Flugbegleiter legen sie längs auf die leeren Sitze – direkt rechts neben Selim. Ein Mann in den Vierzigern kommt ebenfalls nach hinten, bricht in Tränen aus und muss sich eine Reihe dahinter hinsetzen.
Selim nimmt seine Kopfhörer ab. Eine ältere Frau fragt auf Arabisch, ob der Mann tot ist. Da realisiert der Waadtländer den Horror: In der vollständig verschlossenen Hülle liegt eine Leiche. Die Frau beginnt, laut zu beten, viele Passagiere stimmen ein. Andere drücken dem weinenden Neffen ihr Beileid aus. Ein Imam erklärt dem Angehörigen das weitere Vorgehen bis zur Beerdigung.
«Ich traute mich nicht, meinen Film weiterzuschauen»
Bei den Betroffenen handelt es sich um eine Familie aus Lyon (F). Der Onkel war schwer krank, wollte vor seinem Tod aber unbedingt noch die Pilgerreise machen. Er schlief im Flugzeug für immer ein. Selim sagt: «Als mir das klar wurde, bekam das Ereignis eine andere Bedeutung. In der Kabine herrschte grosse Solidarität, grosser Respekt.»
Trotzdem: Wie fühlt es sich an, drei Stunden lang in der Luft neben einer Leiche zu sitzen? «Es war mir so unangenehm, dort zu sein», erinnert sich Selim. «Ich traute mich nicht, meinen Film weiterzusehen.» Der Tod war da, direkt neben ihm. An etwas anderes zu denken, war unmöglich.
Polizei-Einsatz nach der Landung
Nach der Landung in Genf ist das Drama noch nicht vorbei. Sofort steigen Polizei und medizinisches Personal ein. Die Passagiere müssen sitzenbleiben.
Ignace Jeannerat, Sprecher des Flughafens Genf, bestätigt den Vorfall auf Anfrage von Blick: «Wir bestätigen den Tod eines Passagiers an Bord des Saudia-Flugs von Dschidda nach Genf am 24. März.» In solchen Fällen rückt am Boden sofort der Rettungsdienst mit Notarzt aus. Sobald der Tod offiziell festgestellt ist, übernimmt die Polizei das Zepter.
Die Passagiere werden in eine Halle beim Gepäckband gebracht und erhalten Wasserflaschen. Sie müssen warten, bis die Ärzte den Leichnam untersucht haben. Selim erinnert sich: «Wäre der Tod nicht natürlich gewesen, hätte uns die Polizei wohl alle einzeln befragt.» Nach 40 Minuten kommt die Bestätigung: ein natürlicher Tod. Selim und die anderen Passagiere dürfen durch die Passkontrolle nach Hause.
* Name bekannt