Der sechzehnjährige Jerry ist auf der Suche nach einer Lehrstelle. Das gestaltet sich allerdings deutlich schwieriger als bei anderen Jugendlichen. Denn Jerry, den wir wie alle Beteiligten anonymisiert haben, hat Entwicklungsdefizite und einen tiefen IQ.
Bis im Herbst 2025 unterstützte die IV den Jungen bei der Lehrstellensuche mit einem Jobcoach. Inzwischen ist er auf sich gestellt. Seine Mutter weigerte sich, die Auflagen der IV zu erfüllen – worauf Jerry jeden Anspruch auf Hilfe verlor.
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Es läuft nicht gut für Jerry. Seit Jahren. Und er selbst kann am wenigsten dafür. Die eigentlichen Hauptdarsteller in diesem Drama sind andere: eine Mutter, die Ritalin für eine «Strassendroge» hält und ADHS für eine «Erfindung der westlichen Welt»; ein Vater, der verzweifelt nach Hilfe für seinen Sohn schreit und damit die Ämter herausfordert; Beistände sowie Behörden und Kinderschutzgesetze, die an ihre Grenzen stossen. Und mittendrin: Jerry.
Verdacht auf ADHS
Jerry lebt bei seiner Mutter. Die Eltern sind geschieden und haben das gemeinsame Sorgerecht. Schon als er vier war, schlugen seine Kita-Betreuerinnen Alarm, weil er sich nicht altersgerecht verhielt. Eine heilpädagogische Abklärung ergab, dass der Junge entwicklungsmässig auf dem Stand eines Zweijährigen war. Der Verdacht auf ADHS stand im Raum.
Als Jerry fünf war, überwies ihn sein Kinderarzt zur Abklärung an das Kinderspital Zürich. Der IQ-Test ergab einen Wert von 70. Das entspricht einer Lernbehinderung. Es folgte eine Gefährdungsmeldung an die Kesb, da sich die Eltern trennen wollten und zudem diametral entgegengesetzte Vorstellungen davon hatten, wie mit Jerry umzugehen sei.
2018 stellten die Fachleute vom Kinderspital Zürich die Diagnose ADHS. Eine dritte Untersuchung am Basler Kinderspital 2020 bestätigte diese zwar nicht direkt. In der Aufmerksamkeitsüberprüfung zeigte Jerry allerdings «weit unterdurchschnittliche Reaktionszeiten». Und seine Lehrer hatten «überdurchschnittliche Schwierigkeiten im Bereich Aufmerksamkeit und Hyperaktivität» angegeben.
Weil aber keine Vorbefunde vorlägen, sei es «nur eingeschränkt möglich, den Entwicklungsverlauf des Kindes in die Interpretation der aktuellen Ergebnisse einzubeziehen», steht im Bericht der Basler Kinderärzte.
Während der Primarschulzeit erhielt Jerry Sonderschulung und heilpädagogische Begleitung. Vor zwei Jahren, als er 14 war, meldete ihn seine Lehrerin bei der IV an. Jerry erhielt die bereits erwähnte Unterstützung bei der Lehrstellensuche. Doch keiner der fünf Schnupperbetriebe wollte ihn für eine Lehre übernehmen.
Der Vater ruft die Kesb um Hilfe
Seit zwei Jahren sind Jerrys Eltern offiziell geschieden. «Ein zehn Jahre dauernder Rosenkrieg», sagt der Vater. Weil er sich mit Jerrys Mutter nicht über eine angemessene Behandlung des Buben einigen konnte, stellte er schliesslich den Antrag bei der Kesb, die Entscheidungshoheit in medizinischen und schulischen Belangen an eine Beiständin abzutreten. Diese Beistandschaft wurde 2019 errichtet.
Er habe sich von diesem Schritt bessere medizinische Unterstützung für Jerry erhofft, sagt der Vater. Diese Hoffnung erfüllte sich jedoch nicht. Zu seinem Sohn hat er seit Monaten keinen Kontakt mehr. Jerry hat ihn abgebrochen. Der Vater «nerve mit der Diagnose ADHS», und er «zwinge ihn, Bücher über ADHS zu lesen». So steht es in den Akten. Der Beobachter konnte nicht selbst mit dem Teenager reden.
Den umfangreichen Dossiers ist zu entnehmen, dass die Mutter eine ADHS-Diagnose grundsätzlich in Frage stellt. Sie will auch nicht wahrhaben, dass ihr Sohn schlechtere Voraussetzungen mitbringt als andere Kinder. Gemäss Dokumenten ist sie der Ansicht, Jerry werde durch die Diagnose «stigmatisiert», er sei «superschlau» und «könne Mathematiker oder Buchhalter» werden.
Seit Jahren wehrt sie sich gegen Hilfs- und Therapieangebote für ihren Sohn, nimmt an Sitzungen nicht teil und verweigert die Zusammenarbeit mit der Beiständin und der IV. Sie sagt, Jerrys schulische Laufbahn sei ein «Verbrechen». Und dass der Jobcoach von der IV nur «Scheissbewerbungen» geschrieben habe.
Ganz anders sieht dies Jerrys Lehrerin. In einer Mail an seine Beiständin schreibt sie, Jerry habe auf dem ersten Arbeitsmarkt keine Chance, und die Unterstützung durch die IV sei zwingend.
«Mit Ritalin vergiftet»
2021 wurde Jerrys Mutter wegen übler Nachrede und Beschimpfung rechtskräftig verurteilt. Angezeigt hatte sie ihr Ex-Mann, den sie in einem Brief an die damalige Berufsbeiständin von Jerry «einen psychisch kranken Verbrecher» genannt hatte. Zudem sagte sie in Jerrys heilpädagogischer Schule vor Dritten «Du bist der Teufel» und «Du bist vom Teufel besessen».
Eine weitere Anzeige läuft, weil sie am Telefon behauptet hatte, er habe Jerry «mit Ritalin vergiftet». Ein Urteil steht hier noch aus, es gilt die Unschuldsvermutung. Sie selbst wollte sich wegen des laufenden Verfahrens nicht dazu äussern.
Alle anderen hier wiedergegebenen Aussagen von ihr – bezüglich Ritalin, der Jobcoaches, ADHS oder heilpädagogischen Schulen – dementiert die Mutter, ungeachtet der Tatsache, dass diese in den Akten entsprechend festgehalten sind. Ebenfalls bestreitet sie, dass sie sich geweigert habe, die Vorgaben der IV zu erfüllen. Aus ihrer Sicht sei die Zusammenarbeit mit der Beiständin schwierig, weil «wiederholt falsche Informationen über mich verbreitet wurden».
Im Gegensatz zur Mutter ist Jerrys Vater davon überzeugt, dass Jerry von einer ADHS-Behandlung profitieren würde. «Ich versuchte auch immer wieder, ihm zu erklären, dass ADHS nicht gleichbedeutend mit dumm ist. Dass einige sogar davon ausgehen, dass Einstein und Mozart vermutlich ADHS hatten.» Und er glaubt, dass Jerry bei IQ-Tests besser abschneiden würde, wenn seine Aufmerksamkeitsstörung behandelt würde.
Eine Ansicht, die von Experten unterstützt wird. «In IQ-Testungen vor einer Therapie oder Medikation erzielen Kinder mit ADHS häufig tiefere Werte, als wenn sie einige Jahre behandelt wurden», sagt der Kinderarzt und ADHS-Spezialist Roland Kägi. Insbesondere Kinder mit ADHS und tiefem Intelligenzpotenzial profitierten von einer Stimulanzienmedikation. Sie helfe ihnen, konzentrierter, ausdauernder und einlassender lernen und arbeiten zu können. Und das helfe auch dem Selbstwertgefühl.
Werde ADHS hingegen nicht mit einem multimodalen Ansatz behandelt, komme es viel öfter zu medizinischen Folgeerkrankungen wie Depressionen, Angst-Panik-Störungen und Süchten, so Kägi weiter. Unter dem multimodalen Ansatz versteht man eine umfassende Behandlung, die über die reine Medikation hinausgeht und verschiedene therapeutische Massnahmen kombiniert.
Warum versagten die Behörden?
Jerrys Vater versteht nicht, wieso die Beiständin und die Kesb die Mutter nicht gezwungen haben, die entsprechenden Abklärungen und Behandlungen zuzulassen. Schliesslich habe die Beiständin ja die nötige «Entscheidungshoheit» für den Jungen, sagt er. Tatsächlich hatte Jerry in seiner kurzen Biografie bereits eine ganze Handvoll Beiständinnen. Doch keiner von ihnen gelang es offenbar, zur Mutter durchzudringen.
Die IV, die Jerry bei der Lehrstellensuche unterstützte, wollte 2025 Klarheit. Sie verlangte im Rahmen der Schadenminderungspflicht, dass er sich auf ADHS und Autismus abklären lässt und behandelt wird. Denn einige Betriebe, bei denen der Teenager erfolglos geschnuppert hatte, hatten zurückgemeldet, bei dem Jungen auch autistische Züge beobachtet zu haben.
Jerry erklärte sich bei seinem Kinderarzt bereit, eine Behandlung mit Ritalin zu versuchen. Allerdings nur unter der Bedingung, so steht es in den IV-Dokumenten, dass seine Mutter nichts davon erfahre. Er habe «keinen Bock auf die Schreie seiner Mutter».
Die Behandlung schien anzuschlagen. Gegenüber der IV berichtete der Jobcoach, dass Jerry in dieser Zeit viel konzentrierter gewesen sei. Auch Jerry selbst soll dies auf die Einnahme von Ritalin zurückgeführt haben. Doch nach einer Woche brach der Junge die Behandlung ab – wegen der Haltung seiner Mutter zu Ritalin. Am 16. Dezember 2025 wurde das IV-Verfahren mangels Mitwirkung abgeschlossen. Jerry erhält seither keine Unterstützung mehr.
In einem Bericht an die Kesb schrieb die derzeitige Beiständin: «Die Haltung der Mutter in Bezug auf die Diagnose von Jerry sowie ihre grundsätzliche Weltanschauung stellen aus fachlicher Sicht eine Gefährdung für Jerry dar.» Dieser Gefährdung könne aber nur mit einer Fremdplatzierung gegen den Willen von Jerry begegnet werden.
Fremdplatzierung beantragt
Trotz dieser deutlichen Warnung ist nichts passiert. Ende 2025 fand eine Sitzung mit Kesb-Vertretern, Jerry und dessen Mutter statt. Im Protokoll steht, Jerry «habe seine Meinung geäussert, darauf werde vermutlich abgestellt.»
Der Beobachter fragte bei der Kesb nach: Sollte man der Mutter angesichts der Warnung der Beiständin nicht das Sorgerecht entziehen? Und: Kann ein Jugendlicher mit einem verminderten IQ und unter diesen Umständen wirklich entscheiden, was für ihn am besten ist? Konkrete Antworten blieb die Kesb unter Berufung auf den Datenschutz schuldig. Sie schreibt nur: «Sie können aber versichert sein, dass die Kesb immer dem Kindeswohl verpflichtet ist.»
Jerrys Vater hat mittlerweile eine Fremdplatzierung von Jerry beantragt – in der Hoffnung, sein Sohn würde so endlich die nötige Behandlung erhalten. «Ich scheue mich nicht vor der Verantwortung. Aber ich habe bewusst darauf verzichtet, das alleinige Sorgerecht zu beantragen. Ich will nicht, dass es heisst, Jerry sei ein Spielball von uns geschiedenen Eheleuten.»