Darum gehts
- EX-FDP-Chef Philipp Müller in Meisterschwanden zu Unrecht des illegalen Rasensprengens verdächtigt
- 151 Gemeinden mit Wasserverboten, 194 weitere fordern dringend Sparmassnahmen
- Bussen bis zu 10'000 Franken, doch verhängt werden diese kaum
Es brauchte an diesem heissen Sommertag nicht viel, um die Gemüter in Meisterschwanden AG zum Kochen zu bringen. Ein saftig grüner Rasen inmitten verdorrter Nachbargärten reichte aus. Plötzlich standen zwei Polizisten vor der Tür des ehemaligen FDP-Parteipräsidenten Philipp Müller (73).
Der Verdacht, den ein erzürnter Nachbar bei den Behörden deponiert hatte: Müller habe trotz Bewässerungsverbots heimlich seinen Garten gegossen. «Rundherum ist alles braun und stirbt ab, beim anderen Nachbarn ist alles schön grün», sagte er gegenüber Tele M1.
Der Vorwurf entpuppte sich rasch als Manöver in einem Nachbarschaftsstreit um einen Parkplatz. Müllers Rasen war lediglich frisch verlegter Rollrasen. Eine Busse gab es nicht.
Die bizarre Episode zeigt, wie aufgeheizt das Klima ist in einem Land, das sich als Wasserschloss Europas versteht – lokal aber steuert die Schweiz wegen Hitze und Trockenheit in eine Ressourcenkrise.
Kostenfallen und versiegte Quellen
Der Schweiz als Ganzes geht das Wasser nicht aus. Doch in Dürreperioden ist es extrem ungleich verteilt. In mindestens 151 Gemeinden sind das Rasensprengen, das Füllen von Pools und das Autowaschen strikt verboten. 194 weitere Gemeinden erliessen laut SRF dringliche Sparappelle. Die Realität in den Onlineshops spricht trotzdem eine andere Sprache: Während die Behörden Notstände ausrufen, boomt der Verkauf von Rasensprengern und Gartenschläuchen.
Die Gründe für die lokale Knappheit sind vielschichtig. Im malerischen Bergdorf Rossinière VD etwa trocknen die oberflächennahen Quellen bei Hitze innert Tagen aus – gleichzeitig muss das Dorf Wasser für die Viehherden auf den Alpen bereitstellen. Nur dank der Hilfe einer Nachbargemeinde kommt überhaupt noch Wasser aus dem Hahn. In Pfungen ZH droht dagegen eine Kostenfalle: Kauft die Gemeinde bei grosser Trockenheit mehr Wasser von der Nachbarstadt Winterthur ein als vertraglich vereinbart, zahlt sie für jeden Extraliter den fünffachen Preis.
Zorn am Gartenzaun und grüne Listen
Wo die Ressource knapp wird, stellt sich die Frage nach der Gerechtigkeit. Warum darf der Staat, was dem Bürger bei hoher Strafe verboten ist? Während der private Garten verdorren soll, laufen auf Sportplätzen und Friedhöfen die Sprinkler munter weiter.
Der Zorn entlädt sich längst nicht mehr nur an der Obrigkeit, sondern direkt am Gartenzaun. Bei den Gemeindeverwaltungen gehen regelmässig Meldungen besorgter oder verärgerter Anwohner ein, die mutmassliche Verstösse melden – etwa in Düdingen FR, Dottikon AG oder Fahrwangen AG.
Die Werkbetriebe begegnen dem Denunziantentum mit Pragmatismus. Anders als in Meisterschwanden, wo bei Philipp Müller sogleich die Polizei aufmarschierte, setzen die angefragten Gemeinden meist zuerst auf das Gespräch. So zeige sich in Düdingen oft: Im Garten spriesst es dank einer privaten Quellfassung oder eines Regenwassertanks weiterhin üppig. Ein grüner Rasen allein ist noch lange kein Beweis für ein Fehlverhalten.
In Fahrwangen geht die Verwaltung deshalb sogar einen Schritt weiter. Die Gemeinde führt eine eigene Liste, auf der alle Haushalte erfasst sind, die Wasser aus privaten Quellen beziehen oder sich Brauchwasser von Gartenbauunternehmen anliefern lassen. So können unberechtigte Anschuldigungen aus der Nachbarschaft sofort entkräftet werden.
«Schläuche werden hektisch versorgt»
Wie tief die Gräben in den Wohnquartieren verlaufen, weiss Roland Graf. Er ist Brunnenmeister für die Wasserversorgung der Aargauer Gemeinden Dürrenäsch, Leutwil und Boniswil. «Anstand und Verstand sind halt unterschiedlich verteilt», sagt Graf. Er berichtet von Bürgern, die sich gegenseitig auf die Finger schauen: «Untereinander werden die Leute wegen des Wassers derzeit schon einmal schnippisch.»
Gezielte Patrouillen macht er zwar nicht – schliesslich ist er für die Wasserqualität, nicht für Sanktionen zuständig. Trotzdem weiss er sich zu helfen: «Manchmal reicht es schon, wenn ich mit dem Auto langsam an den Gärten vorbeifahre. Dann wird der Schlauch hektisch wieder versorgt.»
Wassersünder zu entlarven, ist dank moderner Technik theoretisch einfach. Intelligente Wasserzähler zeigen an, in welchem Quartier der Verbrauch nachts verdächtig ansteigt. Auf dem Papier verstehen die Gemeinden wenig Spass – die Bussen reichen von 1000 Franken in Düdingen über 2000 Franken in Fahrwangen bis zu 10'000 Franken in Mendrisio TI. Ausgesprochen wurde bislang aber keine einzige. Stattdessen setzen die Gemeinden auf Sensibilisierung.
Verbote wirken – oder doch nicht?
Praktisch alle angefragten Gemeinden betonen, dass die Verbote wirken. Der Wasserverbrauch sei teils drastisch zurückgegangen. In den Gemeinden von Brunnenmeister Roland Graf etwa brach die abendliche Verbrauchsspitze von 800 auf 300 Liter pro Minute ein – mehr als eine Halbierung.
Doch ob die Bevölkerung wirklich aus Einsicht spart, bezweifeln einige Gemeindeschreiber. In Dottikon etwa überschnitt sich das Verbot mit den Schulferien – als die Familien zurückkehrten, sprudelte das Wasser am Wochenende sofort wieder in Massen. Auch die Gemeinde Lausen BL führt den reduzierten Verbrauch primär auf leere Einfamilienhäuser während der Ferienwochen zurück.
Wo harte Verbote fehlen, ist es noch schwieriger. In Merenschwand AG gilt nur ein Sparappell. Gemeinderat Christoph Notter zieht eine düstere Bilanz. «Es hat noch nichts gebracht und wird nichts bringen», sagt er gegenüber Blick. «Die Mentalität ist: Solange der Nachbar wässert, kann ich das auch. So tickt unsere Konsumgesellschaft.»
Das kollektive Bewusstsein für die Dürre fehle schlicht, sagt Notter. Sobald die vermeintlich endlose Ressource Wasser knapp wird, gerät die Solidarität mancherorts rasch ins Wanken. Wo der Brunnen versiegt, verdorrt auch das nachbarschaftliche Vertrauen.