Darum gehts
- Die Zürcher SVP-Politikerin Ozzin Jun (27) erlebte nach der Trennung von ihrem Freund einen monatelangen Stalking- und Kontrollterror
- Der Mann drohte mit Suizid und verschleppte sie mehrmals mit dem Auto quer durch die Schweiz
- Das Gericht verurteilte den Ex im Jahr 2022 wegen Entführung und Freiheitsberaubung zu einer bedingten Haftstrafe von 24 Monaten
Wie fühlt es sich an, wenn der Mensch, den man einmal geliebt hat, plötzlich zum Kidnapper wird? SVP-Jungpolitikerin Ozzin Jun (27) aus Urdorf ZH weiss es. Vor sieben Jahren wurde die in Korea geborene Unternehmensberaterin von ihrem Ex-Freund mehrmals quer durch die Schweiz verschleppt.
Wenn Jun heute mit Blick über diese Zeit spricht, wirkt sie gefasst. Fast schon distanziert, als würde das Erlebte jemand anderen betreffen. Doch das war damals anders: «Es gab wirklich keinen Tag, an dem ich nicht geweint habe.»
«Wir waren sehr schnell ein Paar»
Kennengelernt haben sich die beiden im Sommer 2018 bei der Arbeit. «Wir waren sehr schnell ein Paar», sagt Jun. Doch schon bald habe der Mann begonnen, sie krankhaft zu kontrollieren. Als sie sich am 7. Februar 2019 endgültig trennen wollte, sei die Situation eskaliert: «Er flehte mich an, bei ihm zu bleiben, und drohte damit, sich das Leben zu nehmen.»
An diesem Abend stand der Mann vor ihrer Haustür und sagte, er wolle sterben. Aus Angst, er würde sich etwas antun, nahm ihn Juns Familie für eine Nacht auf. «Ich erinnere mich, dass meine Mutter alle Messer versteckte und er in einem anderen Zimmer schlafen musste.»
Doch kaum war er am nächsten Morgen aus dem Haus, ging der Terror weiter: Er rief sie bis zu 100-mal am Tag an, wartete vor ihrer Haustür oder lauerte ihr vor der Schule auf. Blockierte sie seine Nummer, nutzte er eine unterdrückte Nummer oder schrieb ihr über die sozialen Medien.
Die erste Entführung
Jun sah in dieser Zeit keinen anderen Ausweg, als ihn nochmals zu treffen. «Er versprach mir, dass er mich dann in Ruhe lassen würde», sagt sie. Ein fataler Irrtum.
Am Abend des 11. Februar 2019 stieg sie zu ihm ins Auto. Zuerst sei er nett gewesen, doch als sie die Trennung bestätigte, raste er plötzlich los. Ihr Weinen und Flehen hätten nichts gebracht. «Er sagte mir, dass er mich nur dann nach Hause bringen werde, wenn ich wieder mit ihm zusammenkomme.» Da wusste sie, was zu tun war: «Ich musste mitspielen und so tun, als würde ich ihn noch lieben.» Sie ist überzeugt, dass er sie nur deshalb wieder nach Hause brachte.
Die ständigen Nachrichten, Anrufe und die Drohung, dass er jederzeit wieder auftauchen könnte, machten sie wahnsinnig. «Und dann ist da diese leise Hoffnung, dass ein letztes Gespräch alles beendet.» Doch selbst die Polizei war machtlos: «Sie meinten, ich solle anrufen, wenn wieder etwas passiert. Also dann, wenn es eigentlich schon zu spät ist.»
Schwere Vorwürfe: «Er hat mich vergewaltigt»
Kurz darauf entführt er sie mit dem Auto nach Freiburg. Dort, erzählt sie, sei es in einem Hotelzimmer zu sexueller Gewalt gekommen. Jun erhebt schwere Vorwürfe: «Er hat mich vergewaltigt. Ich habe mich danach so dreckig gefühlt und geschämt, dass ich es nicht einmal meiner Mutter sagen konnte.»
Eine weitere Entführung führte dann zu einem Polizeieinsatz und zog später eine Anklage von Amtes wegen nach sich. Am 24. Februar 2019 bat er sie im Auto um eine letzte Chance. Als sie ablehnte, lenkte er den Wagen statt zu ihr nach Hause auf die Autobahn Richtung Solothurn. Dabei habe er ihr gedroht, sie nach Frankreich zu verschleppen und dass sie ihre Familie nie wiedersehen werde.
«Ich dachte, er könnte mich umbringen»
Jun bekam Todesangst: «Ich hatte in dem Moment das Gefühl: Wenn es schlimm läuft, bringt er mich um. Ich hatte nichts mehr zu verlieren und wollte einfach nur überleben.» Ihr Schreien («Lass mich hier raus!») und ihr Toben brachten ihn schliesslich dazu, an einer Autobahnraststätte anzuhalten.
In einem unbewachten Moment schickte sie einem Kollegen ihren Standort: «Hilf mir, ich bin entführt worden.» Als ihr Ex von der Nachricht erfuhr, nahm er ihr das Handy weg und schmetterte es auf den Boden. Kurz darauf liess er sie allein an der Raststätte zurück. «Ich weiss nicht mehr, wie viel Zeit verging, doch ich sass einfach dort an der Tankstelle, komplett orientierungslos, und weinte.»
Wenig später stoppte die alarmierte Polizei den Mann. Aufgehört, sie zu belästigen, habe er aber erst, als das Strafverfahren lief: «Offenbar ist ihm klar geworden, dass weitere Kontaktversuche schwerwiegende Konsequenzen haben könnten.»
Freispruch vom Vergewaltigungsvorwurf
Das Gericht bestätigte später nicht alle Anschuldigungen. Der Ex-Freund wurde in den Punkten Vergewaltigung und sexuelle Nötigung «im Zweifel für den Angeklagten» freigesprochen. Das ist bei Vieraugendelikten keine Seltenheit, wenn eindeutige Zeugen oder Beweise fehlen. Der Mann wollte auf Blick-Anfrage keine Stellung dazu nehmen.
Das Strafgericht des Saanebezirks verurteilte den Mann im Februar 2022 jedoch wegen Freiheitsberaubung und Entführung, mehrfacher Nötigung, versuchter Nötigung und Sachbeschädigung. Er erhielt eine bedingte Freiheitsstrafe von 24 Monaten bei einer Probezeit von fünf Jahren.
Für die Zürcherin war das nur schwer zu ertragen: «Es hat mich fertiggemacht, dass er nach all dem, was er mir angetan hat, noch immer frei herumlief – und es auch anderen Frauen antun könnte.»
Der lange Weg der Heilung
Scham, Angst und das zerstörte Vertrauen in das eigene Urteil prägten die Jahre danach. «Bis heute bekomme ich Panik, wenn ich einen schwarzen Mercedes sehe oder jemanden, der ihm ähnlich sieht», erzählt Jun.
Mit ihrer Geschichte will sie auf die vielen gefährlichen und komplizierten Facetten von häuslicher Gewalt aufmerksam machen. Und: «Ich will eine Stimme sein für alle Frauen, die im Stillen leiden.»
Deshalb setzt sie sich auch politisch für besseren Opferschutz und Präventionsmassnahmen ein – obwohl das nicht immer der SVP-Parteilinie entspricht. «Für mich ist diese Thematik ein Anliegen, bei dem alle Parteien zusammenarbeiten müssen.»
«Ich habe überlebt»
Seit diesem Mai ist die 27-Jährige glücklich verheiratet und führt ihr eigenes Coaching-Business. Der Glaube an Gott, ihr verständnisvoller Mann und der feste Wille, nicht in der Opferrolle stehen zu bleiben, hätten ihr geholfen, diesen Terror zu verarbeiten.
«Ich habe überlebt», sagt Jun am Ende des Gesprächs mit einem Lächeln. «Und ein neues Leben geschenkt bekommen.»
Bist du von sexueller, häuslicher oder körperlicher Gewalt betroffen oder kennst eine betroffene Person? Hier findest du Unterstützung:
Opferhilfe Schweiz: Hilfe bei sexueller, psychischer oder physischer Gewalt.
Castagna: Anlaufstelle für sexuell ausgebeutete Kinder und Jugendliche und in der Kindheit ausgebeutete Frauen und Männer.
BIF Beratungsstelle für Frauen: Hilfe bei Gewalt in Ehe und Partnerschaft
Schweizweite Opferhilfe-Telefonnummer 142: Die 24-Stunden-Hotline bietet Menschen, die Gewalt erlebt haben, eine niederschwellige und vertrauliche Beratung.
Bist du von sexueller, häuslicher oder körperlicher Gewalt betroffen oder kennst eine betroffene Person? Hier findest du Unterstützung:
Opferhilfe Schweiz: Hilfe bei sexueller, psychischer oder physischer Gewalt.
Castagna: Anlaufstelle für sexuell ausgebeutete Kinder und Jugendliche und in der Kindheit ausgebeutete Frauen und Männer.
BIF Beratungsstelle für Frauen: Hilfe bei Gewalt in Ehe und Partnerschaft
Schweizweite Opferhilfe-Telefonnummer 142: Die 24-Stunden-Hotline bietet Menschen, die Gewalt erlebt haben, eine niederschwellige und vertrauliche Beratung.