Darum gehts
- Tausende Gläubige reisten ins Wallis, um an einer Bischofsweihe teilzunehmen
- Der Vatikan hatte die Weihe vorher verboten
- Als Reaktion wurden alle 600'000 Anhänger der Piusbruderschaft exkommuniziert
- Die Gläubigen stört das wenig
Vier Männer liegen vor einem Altar auf dem Bauch. Ein Bischof im brokatenen Messgewand segnet sie. Es ist der Moment, in dem die fundamental-katholischen Piusbrüder ihren Bruch mit dem Vatikan vollziehen. Denn Papst Leo XIV. hatte die Weihe verboten. Den Männern auf dem Boden ist es egal, ebenso wie den 16'000 Gläubigen, die für dieses Ereignis aus der ganzen Welt ins Wallis gereist sind.
Sie alle wissen um den Bannspruch, der ihnen aus Rom droht. Der Papst hat in den vergangenen Monaten keinen Zweifel daran gelassen, dass er diesen Akt des Ungehorsams nicht tolerieren wird. Genau 24 Stunden nach der Weihe der vier neuen Bischöfe im Walliser Weiler Ecône erklärt der Vatikan die Piusbruderschaft dann auch förmlich als abtrünnig. Sämtliche Mitglieder der Vereinigung traditionalistischer Priester sind damit exkommuniziert, also aus der Kirche ausgeschlossen.
Die Gläubigen – weltweit rund 600'000 Menschen – müssen sich entscheiden: Entweder sie folgen ihren Priestern in die Verbannung oder sie bleiben im Schoss der Kirche. Der Entscheid des Vatikans kommt nicht überraschend, aber er ist heftig. Seit der Reformation im frühen 16. Jahrhundert hat die katholische Kirche nie mehr so viele Menschen auf einmal aus ihren Reihen ausgeschlossen.
Kein Individualismus, keine Interpretation
Trotz des drohenden Ungemachs herrscht am Tag der Bischofsweihe christliche Volksfeststimmung in Ecône. Unter Obstbäumen sind Freilichtbeichtstühle aufgestellt, die rege genutzt werden. Viele Familien mit grosser Kinderschar verfolgen gebannt die dreistündige Messe in lateinischer Sprache. Auf Picknickdecken wird gebetet, gegessen, und gewickelt.
Was die Menschen hier eint, ist der tiefe Glaube an eine klare, unveränderliche Ordnung der Dinge. In dieser Gemeinschaft gibt es drei Stände: Priester, Nonnen oder Mönche – sowie Laien, also alle anderen. Je nach Stand und Geschlecht sind die Aufgaben klar definiert. Männer sind Ernährer, Beschützer und das Oberhaupt der Familie. Frauen sind Mütter und ihrem Gatten untertan.
Es ist diese Klarheit, die den Fundi-Katholiken in den letzten Jahren viel Zulauf beschert hat. «Je komplizierter die Welt, desto attraktiver werden konservative Gemeinschaften», sagt Theologieprofessor Thomas Schüller aus dem deutschen Münster. Die alleinerziehende Mutter Eva A.* (52) im Weinberg von Ecône sagt es so: «Es ist schwer, alles allein zu stemmen und immer den richtigen Weg suchen zu müssen.» Sie habe erst vor wenigen Jahren zu den Piusbrüdern gefunden. Alle anderen katholischen Gruppierungen waren ihr zu «hippiemässig, zu beliebig».
Sie schätzt das klare Weltbild, das keinen Raum für Interpretation oder Individualismus lässt, räumt aber ein, dass sie es als Alleinstehende nicht leicht habe unter den Traditionalisten. «Ich bin darauf angewiesen, dass sie mich aus Nächstenliebe akzeptieren.» A. beneidet die Mädchen, die in dieser Gemeinschaft aufwachsen. Auch um das altertümliche Frauenbild, das ihnen mitgegeben wird? Ja, das sei halt so, sagt sie. Dafür habe man Sicherheit.
Traditionelles Familienbild
Traditionelle Familien prägen das Geschehen. Die Mädchen tragen Kleider, die Buben lange Hosen. Sie sind zurückhaltend und höflich, das Sprechen überlassen sie den Erwachsenen. Zwei Mütter aus Riddes VS, beide um die 30, die in diesem Glauben aufgewachsen sind, erzählen: Seit der Pandemie seien viele Neue dazugekommen. «Die Kirchen haben im Lockdown zugemacht.» Die Piusbrüder aber hätten weiterhin die Messe gelesen – mit weniger Leuten, aber dafür öfter. Das habe viele beeindruckt. Eine Familie, die extra für die Weihe aus Kanada eingereist ist, bestätigt: Sie seien schon immer traditionell gewesen, aber erst seit der Pandemie Anhänger der Piusbruderschaft. Zum drohenden Kirchenausschluss sagt der Vater lachend: «Es ist die beste Werbung für uns.»
Eingeschüchtert von dem Bannspruch aus Rom ist hier niemand. Der Bruderschaft den Rücken kehren will erst recht keiner. «Wir lieben den Papst. Wir beten für ihn», sagen die beiden Mütter. Wofür genau sie beten? «Dass er seinen Irrweg erkennt.» Mit anderen Worten: Leo XIV. liegt falsch, nicht die Piusbrüder und ihre Anhänger. In den Augen der Traditionalisten ist die Kirche seit den Reformen der 1960er-Jahre ohnehin auf dem falschen Weg. Zum Beispiel, wenn sie andere Religionen anerkennt. Zu den «anderen Religionen» zählen sie hier auch die Protestanten.
Aus der Perspektive von Ecône erscheint es zweifelhaft, dass Roms Strategie aufgehen wird. Im Vatikan hofft man, dass möglichst viele der Abtrünnigen den Weg zurückfinden. Einige Stunden nach der Exkommunikation veröffentlichte der Heilige Stuhl einen Leitfaden, wie mit Priestern und Gläubigen umzugehen ist, die wieder in die Kirche eintreten wollen. Die Hoffnung stirbt auch im Vatikan zuletzt.
*Name geändert