Der Papst hat die Nase voll. Und daraus macht Leo XIV. (70) kein Geheimnis. Der Grund für seinen Ärger liegt ausgerechnet in der Schweiz. Genauer: in einem abgelegenen Walliser Tal. In Ecône, zwischen Weinreben und Bergwänden, wollen die erzkonservativen Piusbrüder am 1. Juli vier Bischöfe weihen – was ihnen der Papst prompt verboten hat. Doch die katholischen Fundis ignorieren das Kirchenoberhaupt. Jetzt droht der Vatikan ihren weltweit mehr als 600’000 Anhängern mit Exkommunikation, dem Ausschluss aus der Kirche.
Dieser drastische Schritt dürfte ein grosses Echo auslösen. Während der katholischen Kirche seit Jahren die Mitglieder davonlaufen, freuen sich reaktionäre Gruppierungen wie die Piusbrüder über Mitgliederzuwachs. Und zwar nicht im Promille-Bereich, wie man anhand der Vorbereitungen für die Bischofsweihe nächste Woche sehen kann.
Fundamentalisten im Wallis
Die Piusbrüder haben einen Telegramkanal mit über 7000 Followern eingerichtet. Unter dem Titel «Sacres | Ecône 2026» («Weihen | Ecône») verbreiten sie online Volksfeststimmung und verkünden unter anderem, wo der Zeltplatz für die angemeldeten Gläubigen aus 62 Ländern sein wird, welche Hymnen ertönen werden und wie man sie üben kann, dass man kontaktlos zahlen soll und dass die Teilnehmer wegen der Hitze eine Baseball-Cap mit der Aufschrift «Ecône 2026» erhalten.
Dieser zeitgemässe Auftritt ist nicht ohne Ironie. Die Gemeinschaft und ihre Anhänger sind eingefleischte Antimodernisten. In ihren Augen befindet sich die Kirche auf einem Irrweg. Die seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962–65) gelehrte Religionsfreiheit lehnen sie ab, eine modernisierte Kirchenlehre sowieso. Juden gelten ihnen als Messias-Mörder und Frauen als Gebärmaschinen, für die das Tragen von Hosen ebenso tabu ist, wie dem Ehemann Widerworte zu geben. Es ist eine Welt, in der die konservativsten Wertvorstellungen des 19. Jahrhunderts sakrosankt sind.
Experte: Rom wird ein Exempel statuieren
Für Rom ist das ein Problem, weiss Hendro Munsterman, Vatikan-Korrespondent der Zeitung «Nederlands Dagblad»: «Die Piusbrüder haben sich so weit von der aktuellen kirchlichen Lehre entfernt, dass sie zu einer Sekte geworden sind.» Munsterman ist davon überzeugt, dass der Vatikan hart auf die Bischofsweihen reagieren wird. Vergrault er damit aber nicht den einzigen Wachstumszweig der Kirche? «Nein», sagt Munsterman. Die Piusbrüder spielten lediglich im Westen eine Rolle. Neben der Schweiz vor allem in Frankreich und den USA: «Also dort, wo die Kirche sowieso am Sterben ist.»
Der niederländische Vatikankenner erwartet, dass der Heilige Stuhl schnell reagiert. «Ich gehe davon aus, dass Rom alle geistlichen Vertreter der Gemeinschaft aus der Kirche ausschliessen wird», also Bischöfe, Priester und Nonnen. Damit würde der Vatikan die 600’000 Anhänger vor die Wahl stellen, Rom zu folgen – oder einer vom Papst verdammten Irrlehre. Dass sich viele für Leo XIV. entscheiden werden, bezweifelt Munsterman.
In Ecône scheint man sich der eigenen Linie sicher zu sein. Laut Telegramkanal haben sich bis Mitte Juni mehr als 10’000 Gläubige für die Bischofsweihe angemeldet. Eine Menschenmenge, von der die Schweizer Bischöfe von Chur bis Basel nur träumen können.