Wo war Gott in Crans-Montana?
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Bischof des Bistums Chur:Wo war Gott in Crans-Montana?

Joseph Bonnemain zu Ostern
«Gott ist bei den Prostituierten und den Drogendealern»

Der Bischof von Chur, Joseph Bonnemain, über die Tragödie von Crans-Montana, Ostern in Zeiten des Krieges – und warum er im Rotlichtmilieu unterwegs ist.
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Joseph Bonnemain ist Bischof von Chur und Vizepräsident der Schweizer Bischofskonferenz.
Foto: Raphaël Dupain

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • Bischof Bonnemain kritisiert Rüstungspolitik
  • Er betont Empathie und Solidarität
  • Bischof verteidigt Assessments
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Raphael RauchBundeshausredaktor

Herr Bischof, statt Friedensmärschen bringt der Chef der Armee einen Marsch für die Sicherheit ins Spiel. Was halten Sie davon?
Bischof Joseph Bonnemain:
Wir sollten weiterhin für das Original marschieren, nicht für eine schlechte Kopie. Waffen sichern nur Krieg. Frieden sichert den ersten Schritt zur Verständigung. Aufrüstung ist die Fata Morgana der Stärke. Marschieren wir für den Frieden, das Fundament unserer Geschichte als Friedensnation!

An Ostern sagt Christus: «Friede sei mit euch!» Ist das nicht zynisch in einer Welt, in der es über 130 Kriege und bewaffnete Konflikte gibt?
Wer mit Gewehren und Drohnen Frieden schaffen will, kapituliert vor der Menschlichkeit. Gewalt sät Gewalt, Bomben schaffen keinen echten Frieden.

Bürgerliche Politiker wollen die Armeeausgaben steigern und bei der Entwicklungshilfe kürzen.
Das ist gefährlich! Es ist nicht zielführend, bei der Entwicklung und Bildung zu kürzen – denn sie fördern das friedliche Zusammenleben. Waffen schaffen einen Teufelskreis der Aggression. Sie schüren noch mehr Aggression und Gewalt.

Israel hat dem Kardinal in Jerusalem verboten, die Grabeskirche zu besuchen. Müssen wir nicht nur über Antisemitismus und Islamophobie sprechen, sondern auch über Hass auf Christen?
Ich bin froh, dass Israel den Entscheid korrigiert hat. Es ist wichtig, Antisemitismus, Islamophobie und die Unterdrückung von Christen zu benennen. Aber wenn wir uns mit Hass und Antibewegungen aufhalten, vergessen wir, dass Liebe und Geschwisterlichkeit im Zentrum stehen sollten. Mit einer positiven Vision kommen wir weiter.

In Crans-Montana sind viele Jugendliche ums Leben gekommen. Für die trauernden Eltern hat ein ewiger Karfreitag begonnen. Wie kann man da über Ostern, Auferstehung, Freude sprechen?
Nach der Katastrophe habe ich mit anderen Bischöfen in Crans-Montana einen Gedenkgottesdienst gefeiert. Auch ich habe mir die Frage gestellt: «Wo war Gott in Crans-Montana?» Eltern fragen sich: «Warum hat es ausgerechnet mein Kind getroffen?» Auf diese Fragen gibt es keine Antwort. Ich war lange Zeit Spitalseelsorger. Die einzige Antwort, die hilft, ist zuhören, füreinander da sein, das Leid solidarisch mittragen. Gut gemeinte Sätze wie «Zeit heilt alle Wunden» oder «Das Leben geht weiter» können verletzend wirken.

Also besser nicht über Auferstehung sprechen?
Nach dem Gottesdienst sind wir in einem Strom von Menschen zur Unglücksbar Le Constellation gegangen. Alle waren niedergeschlagen, viele weinten. Und trotzdem hatte ich den Eindruck, dass die Menschen einander trösten wollten: mit Umarmungen, Empathie, einem unterstützenden Blick. Das ist Karfreitag und Ostern zugleich. Wir haben unglaubliche Ressourcen der Hoffnung. Der Tod ist nicht das Ende, sondern der Übergang zu etwas Neuem. Selbst Schwerleidende sind fähig, für andere da zu sein. In uns Menschen liegt ein enormer Schatz an Empathie. Wir müssen ihn finden und fördern.

Wo war Gott in Crans-Montana?
Gott war bei den Menschen. Bei den Rettungskräften und Feuerwehrleuten, die Menschenleben gerettet haben. Bei den Ärzten und dem Pflegepersonal, die um die Jugendlichen gekämpft haben. Bei den Eltern, deren Kinder aus dem Leben gerissen wurden. Das Leben ist brutal – und trotzdem gibt es Spuren der Hoffnung, österliche Momente.

Als Christ predigen Sie Vergebung. Verstehen Sie, dass trauernde Eltern den Barbetreibern Jacques und Jessica Moretti nicht verzeihen können?
Ja, das verstehe ich. Die christliche Botschaft ist eine Zumutung. Jesus war radikal: Er predigt das Gegenteil dessen, was wir impulsiv fühlen. Statt den Feind zu hassen, sollen wir ihn lieben. Vergeben können ist eine Gnade, ein Geschenk, das man weder erzwingen noch verordnen kann.

Kommen die Morettis in die Hölle?
Ich glaube an einen liebenden Gott – da ist der Platz in der Hölle leer. Die Morettis müssen Verantwortung übernehmen und ein Leben lang die Last tragen, für den Tod von Dutzenden junger Menschen verantwortlich zu sein. Aber auch sie haben die Chance auf einen Neuanfang.

Papst Franziskus ist letztes Jahr an Ostern gestorben. Fehlt er Ihnen?
Natürlich! Es ist menschlich, dass wir Vergleiche zu seinem Nachfolger ziehen. Aber als Bischof identifiziert man sich mit dem jeweiligen Papst und unterstützt ihn.

Was war typisch für Franziskus?
Er hat uns vorgelebt, dass ein Papst ein ganz normaler Mensch ist. Er wollte nicht im Palast wohnen, sondern unter den Menschen sein. Er hat sehr spontan reagiert, oft auch undiplomatisch. Die Menschen haben ihn für seinen Klartext geliebt. Zu uns Bischöfen hat er gesagt: Wir sollen «uscire», hinausgehen auf die Strasse – an die Ränder. Zu den Benachteiligten, Diskriminierten, Armen, Leidenden, Flüchtlingen.

Sie sagen gerne: «Die beste Kapelle ist die Strasse!» Was lernen Sie auf der Langstrasse, was Sie in der Kathedrale von Chur nicht finden?
Ich brauche die Kathedrale und die Langstrasse! Wenn ich in der Kathedrale die heilige Messe feiere, bin ich mit Christus verbunden. Das stärkt mich, um auf der Langstrasse Gott zu finden. Gott ist bei den Prostituierten, den Drogenabhängigen, den Sans-Papiers, den Obdachlosen. Ein frommes Leben einzig in der Kathedrale wäre eine Farce. Wir müssen hinaus zu den Menschen!

Papst Franziskus ist zu Flüchtlingen nach Lampedusa gereist, Papst Leo nach Monaco. Ist Leo langweilig?
Papst Leo ist nicht langweilig! Entscheidend ist die Botschaft, die er in Monaco verkündet hat: Reichtum, Überfluss und Luxus sind ungerecht – und soziales Engagement umso wichtiger!

SVP-Nationalrätin Magdalena Martullo-Blocher hat Sie zu einem Essen mit US-Botschafterin Callista Gingrich eingeladen. Haben Sie Donald Trump kritisiert?
Es war eine private Begegnung – dabei möchte ich es belassen.

Wenn ein Bischof eine US-Botschafterin trifft, dann ist das nicht nur privat …
Callista Gingrich war früher Botschafterin am Heiligen Stuhl und kennt die Haltung der Kirche genau. Wir verurteilen Trumps Kriege, sein völkerrechtswidriges Vorgehen und seine Migrationspolitik. Wenn Vizepräsident J. D. Vance Augustinus falsch interpretiert, um gegen Migranten zu hetzen, dann ist das nicht christlich. Papst Franziskus und Papst Leo haben das mehrmals klargestellt. Die Botschafterin weiss das genau – sie braucht dafür nicht den Bischof von Chur!

Sprechen wir über innerkirchliche Probleme. Herr Bischof, wovor haben Sie Angst?
Worauf wollen Sie hinaus?

Warum bitten Sie den Papst nicht, verheiratete Männer oder Frauen zu Priesterinnen und Priestern weihen zu können?
Wir sind eine Weltkirche – bestimmte Regeln werden in Rom entschieden und nicht in Chur. Diese Entscheidung liegt beim Papst!

Irgendeiner muss den Anfang machen! Warum bitten Sie den Papst nicht um etwas, was es früher in der Kirche gab: verheiratete Männer als Priester!
Der Papst muss den Anfang machen.

Auch sonst empfinde ich die Bischöfe als ängstlich. Sie machen teure Assessments, um problematische Priester auszusieben – sie wollen die Ergebnisse aber nicht mit den Kantonalkirchen teilen.
Hier geht es nicht um Angst, sondern um Professionalität. Der Forensiker Jérôme Endrass hat für uns die Assessments entwickelt und betont, dass ein Gutachten nur dann seriös ist, wenn es den Datenschutz und die Persönlichkeitsrechte beachtet. Ein Gutachten hat eine kurze Halbwertszeit: Nach zwei Jahren ist es nicht mehr aktuell, der Mensch entwickelt sich weiter. Es wäre unseriös, wenn man Jahre später ein altes Gutachten hervorkramen würde.

Wenn Prävention oberste Priorität hat, dann wäre es trotzdem hilfreich, alle Informationen zu haben.
Prävention hat für uns oberste Priorität! Die Kirchgemeinden und Kantonalkirchen erhalten alle Informationen, die für die Anstellung relevant sind. Wenn jemand das Assessment nicht besteht, hat er keine Chance auf einen Job als Seelsorger. Wenn die Ampel auf Gelb steht, werden Massnahmen eingeleitet.

Warum haben Sie erst auf öffentlichen Druck hin entschieden, ein paar Informationen über die Assessments zu teilen?
Das stimmt nicht. Wir wollten das von Anfang an, auch wenn manche Zeitungen das anders darstellen wollten. Übrigens: Jede Kirchgemeinde kann sagen: Wir trauen dem Bischof nicht, wir machen noch unser eigenes Assessment.

Sprechen wir über die ultrakonservativen Piusbrüder, eine Abspaltung der katholischen Kirche. Sie haben ihre Piusbruderschaft in der Schweiz und wollen bald illegale Bischöfe weihen. Was denken Sie darüber?
Das ist inakzeptabel! Die Piusbrüder sind schismatisch und spalten die Einheit der Kirche. Der Vatikan führt mit den Piusbrüdern Gespräche, doch ich habe Zweifel, dass sie wirklich an einem Dialog interessiert sind. Die angekündigten Bischofsweihen sind eine Provokation.

Ihr Vorgänger, Vitus Huonder, hat die Nähe zu den Piusbrüdern gesucht und hat seinen Lebensabend in einem Knabeninternat der Piusbrüder verbracht.
Das war unklug. Ein römisch-katholischer Bischof hat bei den Piusbrüdern nichts zu suchen! Eine Zeit lang hatte Bischof Vitus einen Auftrag von Kardinal Müller, den Dialog mit den Piusbrüdern zu suchen. Aber das war längst passé, als er dann bei den Piusbrüdern eingezogen ist.

Blick hat 2023 enthüllt, dass ein Priester in Graubünden einen jungen Mann missbraucht haben soll. Die Bündner Staatsanwaltschaft ermittelt im Schneckentempo.
Warum es so lange dauert, müssen Sie die Staatsanwaltschaft fragen. Wir kooperieren uneingeschränkt mit der Justiz und respektieren deren Unabhängigkeit. Ich würde es sehr begrüssen, wenn die Ermittlungen schneller liefen. Erst wenn das staatliche Verfahren abgeschlossen ist, können wir die kircheninterne Voruntersuchung vorantreiben.

Unabhängig davon, ob der Priester verurteilt wird oder nicht: Muss er ein Assessment absolvieren?
Ja! Die Assessments gelten nicht nur für Menschen in der Ausbildung, sondern auch für Seelsorger aus dem Ausland und für Seelsorger, die in ihrem pastoralen Wirken auffällig werden.

Sie stammen aus Barcelona. Am 10. Juni, dem 100. Todestag Gaudís, soll die Sagrada Família eingeweiht werden. Werden Sie dabei sein?
Wenn der Kardinal von Barcelona mich einlädt: gerne (lacht)! Als ich Kind war, war die Kirche eine einzige Baustelle. Jahr für Jahr ist sie gewachsen und hat nun den höchsten Kirchturm der Welt. Die Sagrada Família ist ein beeindruckendes Kunstwerk!

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