Darum gehts
- Freizeitpark Ticiland in Stein am Rhein schliesst am 26. April
- Corona, hohe Stromkosten und mangelnde Unterstützung führten zur finanziellen Krise
- Besucher bedauern das Aus.
Das Tessin ist für viele Schweizer der Sehnsuchtsort schlechthin. Kaum ein verlängertes Wochenende vergeht, ohne dass sich die halbe Deutschschweiz durch den Gotthard Richtung Lago Maggiore quetscht, um sich dem helvetischen Dolce Vita hinzugeben.
Peter Hablützel (73) wollte ein wenig vom Tessin-Feeling in die Nordostschweiz nach Stein am Rhein SH bringen. Im Herbst 2020 eröffnete er gemeinsam mit seinem Geschäftspartner einen kleinen, aber feinen Freizeitpark, das Ticiland.
Vom Tessin inspiriert
Angelehnt war die Anlage an die Piazza Grande in Locarno, mit künstlichen Felsen, die an das Maggiatal erinnern. Dabei war der Park überdacht und ganzjährig offen – ein Novum für die Schweiz.
Damit erfüllte sich Hablützel einen lange gehegten Traum. Doch Covid, Energiekosten und Bürokratie machten ihm einen Strich durch die Rechnung. Nur sechs Jahre später ist dieser ausgeträumt. La vita è dura.
Viele Besucher am letzten Tag
Am Sonntag, dem allerletzten Tag des Ticiland, herrscht Prachtswetter über Stein am Rhein. Über den Daumen gezählt sind rund 300 Besucher aus der ganzen Schweiz im kleinen, nur gut einen Hektar grossen Park.
Die Nachricht über die Schliessung hatte sich rasant verbreitet. Viele kommen, um Abschied zu nehmen. Einige sind zum ersten Mal hier, um Achterbahn zu fahren oder mit dem Free-Fall-Tower in die Tiefe zu stürzen.
Peter Hablützel sitzt an der Kasse – mit ernster Miene. Es ist kein schöner Tag für ihn. Aufgewachsen ist er als Schausteller-Sohn. Für die Expo 2002 in der Schweiz liess er das grösste mobile Riesenrad der Welt bauen. «Ein grosses finanzielles Risiko», sagt Hablützel. «Es hat sich aber gelohnt.»
Auch im höheren Alter verliert er diese Risikofreude nicht. Nach seiner Pensionierung hat er Lust auf ein letztes grosses Business-Abenteuer: einen überdachten Freizeitpark. Weil das Tessin einen besonderen Platz in seinem Herzen hat, entsteht das Ticiland. Lange sucht er nach einem geeigneten Standort und wird schliesslich in Stein am Rhein fündig.
Covid, Ukraine und Bürokratie besiegeln das Aus
Die Idee ist vielversprechend. Hablützel holt auch einen entfernten Spross der Europapark-Dynastie mit ins Boot: Markus Mack-Even (45). Im Herbst 2020 eröffnen die beiden – mitten in der Corona-Pandemie. Der Start gelingt: Trotz Covid kommen in den ersten Wochen 300 bis 700 Besucher täglich.
Kaum ist die Pandemie vorbei, folgt der nächste Schock: Wegen des Ukraine-Kriegs steigen die Stromkosten ab 2022 an. «30 Prozent mehr, im Winter bis zu 9000 Franken im Monat», erklärt Hablützel. 2023 erholen sich die Zahlen leicht. Mit 33'000 Besuchern ist man aber weit vom Ziel von 100'000 Besuchern pro Jahr entfernt.
Den letzten Nackenschlag versetzt ihm die lokale Bürokratie. «Die Politik legte uns Steine in den Weg», erklärt Hablützel. Er musste zum Beispiel für Abertausende von Franken Parkplätze mieten. «Viele davon haben bis heute kein Auto aus der Nähe gesehen!»
«Werben oder sterben»
Jahrelang pumpen die Besitzer eigenes Geld ins Projekt. Weil die Finanzen schlecht sind, können sie kaum Werbung schalten, was sich an der Kasse bemerkbar macht. «Werben oder sterben», sagt Hablützel. Mack-Even steigt 2024 aus dem operativen Geschäft aus.
Hablützel versucht, das Ticiland zu retten. «Wir suchten nach privaten, regionalen Investoren.» Das Vorhaben scheitert. Auch von der öffentlichen Hand oder Stiftungen gibt es kein Geld. «Dabei haben wir hier etwas aufgebaut, das der ganzen Region zugutekommt – touristisch und wirtschaftlich», zeigt er sich enttäuscht.
Gäste sind konsterniert
Gross ist die Enttäuschung auch bei den Gästen. Die Familie Krische aus Nerach ZH besucht die Anlage mehrmals im Jahr. «Es ist eine Schande, dass der Park schliessen muss», sagt Marcel Krische. Die Konkurrenz sei mit dem Conny-Land und dem Europapark zwar gross, aber: «Das Ticiland hat genau die richtige Grösse. Meine Kinder können sich nicht verlaufen, und wir Eltern können auf der Sonnenterrasse einen Kaffee trinken.»
Manu Räth (35) ist am letzten Tag zum ersten Mal zu Besuch und erfährt von Blick von der Schliessung: «Mega schade! Selbst ich fühle mich hier wie ein 12-Jähriger und geniesse es unheimlich.»
Auch für Stevan Stubeli (43) und seine Familie ist es die Premiere im Ticiland: «Es ist echt schade, dass wir den Park erst jetzt entdeckt haben.»
Louie B.* (5) aus Schaffhausen kennt den Park und meint: «Ich bin echt traurig. Ich werde nie mehr hierherkommen können.»
* Name bekannt