Ein Schweizer Ort voller Fragezeichen
Unterwegs mit dem Dorfzar von Moskau

Im Kanton Schaffhausen gibt es die Ortsteile Moskau und Petersburg. Hinter den Namen steckt Weltgeschehen. Oder ein alter Witz. Möglicherweise beides.
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Gemeindepräsident Josef Würms im schweizerischen Moskau.
Foto: Philippe Rossier

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • Das Dorf Ramsen SH hat Ortsteile namens Moskau und Petersburg
  • Namensursprung unklar: Russische Truppen 1799 oder ein Dorfscherz aus dem 19. Jahrhundert
  • Ramsen zählt 1700 Einwohner und ist vor allem für seine Tankstellen bekannt

Der Dorfzar empfängt an der Grenze seines Reichs, auf einem Parkplatz vor einer Migros-Filiale. Hose grau, Haare grau, Hemd grau-kariert – die magistrale Erscheinung von Josef Würms (68) wirkt bescheiden. Der SVP-Gemeindepräsident streckt zur Begrüssung die Hand aus, drückt kräftig zu. Dann sagt er: «Ab nach Moskau.» Der Ausflug beginnt.

Ein Visum braucht es nicht. Einen Pass auch nicht. Zu Fuss dauert die Reise fünf Minuten. Dann ist man in Moskau im Kanton Schaffhausen. Genauer: im 1700-Seelen-Dorf Ramsen SH, direkt an der Grenze zu Deutschland.

Die jüngsten Schlagzeilen aus Ramsen lauten: «Bargeld aus Grillhäuschen gestohlen». Oder: «Autofahrer rammt Hund – und haut einfach ab». Das bewegt die Dorfbevölkerung, aber nicht gerade die Welt. Und doch hat sich einmal das russische Staatsfernsehen für Ramsen interessiert. Wegen Moskau und Petersburg. Beides Ortsteile von Ramsen mit rätselhafter Geschichte. Und je länger man sich mit Ramsen befasst, desto absurder werden die Hintergründe.

Überall Unkraut

Der Migros-Parkplatz liegt in Petersburg. Von dort führt der Weg nach Moskau zunächst an einem historischen Bahnhofhäuschen vorbei. «Vor 60 Jahren gab es noch Personenverkehr», sagt Würms, etwas wehmütig. Jetzt rosten ein paar Waggons vor sich hin, auf dem Perron wuchert das Unkraut. Die SBB haben die Linie eingestellt. Nach Petersburg fährt kein Zug mehr.

Würms bleibt stehen, zeigt auf einen Randstein. «Petersburg» steht darin eingraviert. «Haben wir vor zwei, drei Jahren gemacht», sagt er – und marschiert weiter. Wie ist es, Statthalter von Petersburg zu sein? «Unbedeutend.» Sprechen Sie Russisch? «Kein Wort.» Mögen Sie Borschtsch? «Nicht wirklich.» Würms spricht frei von Ironie, schnurgerade, wie ein Offizier. Die Worte aufs Wesentliche reduziert.

Dann geht es weiter die Strasse entlang, vorbei an einer Bushaltestelle und einem Acker, bis zu einem Zebrastreifen. Ab da beginnt Moskau. Viel mehr als ein paar Tankstellen gibt es hier nicht. Wie sagte der verstorbene US-Senator John McCain doch einst: «Russland ist eine Tankstelle, die sich als Staat ausgibt.» Ramsen wiederum ist ein Grenzdorf, das vor allem von seinen Zapfsäulen lebt.

Das Ende von Moskau

Einst gab es hier auch ein Restaurant namens Moskau. Heute sind die Fensterläden zu, die Lichter aus. Die Betreiber sind weggezogen, ein Nachmieter konnte nicht gefunden werden. Würms verwirft die Hände: «Die meisten gehen nur noch in die Tankstellenshops und kaufen sich ein Eingeklemmtes.» So viel zu Moskau. Unweit des ehemaligen Gasthofs steht noch ein Zollhäuschen. Es markiert das Ende der Ortschaft.

Reiseleiter Würms dreht um Richtung Migros-Parkplatz. Die offizielle Tour ist vorbei, da taucht ein Bekannter auf. Der Mann erblickt die Kamera des Fotografen und den Notizblock des Journalisten. «Hoffentlich hast du ihnen von diesem Saulärm erzählt, gäll Josef», sagt er an den Gemeindepräsidenten gerichtet.

Der Mann stellt sich als Felix Höhener (76) vor. Seit 1984 wohne er «i de Moskau», wie man hier sage. Was ihm daran gefalle? «Nichts», sagt Höhener – und man weiss nicht recht, wie ernst ihm damit ist. «Hier brettern die Lastwagen über die Hauptstrasse.» Und sowieso, dieser Name. Höhener macht eine Pause. Seit dem Ukraine-Krieg sei das schon etwas problematisch.

Würms widerspricht: «Diese Namen haben nichts mit dem heutigen Russland zu tun.» An der Gemeindeversammlung vor zwei, drei Jahren habe sich das Volk klar dafür ausgesprochen, die Namen beizubehalten. Diese seien «historisch gewachsen», so Würms. Doch hier beginnt das Rätsel.

Ein Mann mit 17 Kindern

Die offizielle Version des Gemeindepräsidenten geht so: «1799 lagerte hier ein russisches Heer, während es sich Schlachten mit Napoleon lieferte.» Ähnlich steht es auch im «Heimatbuch Ramsen» geschrieben: «In den Jahren 1798 bis 1800 zogen fremde, unter anderem auch russische Truppen durch unsere Gegend und richteten grosse Schäden an.» Diese Ereignisse hätten bei der Bevölkerung «tiefe Spuren» hinterlassen. Daher die Ortsnamen.

Im Dorf erzählt man sich aber auch eine andere Geschichte: 1822 baute der Tagelöhner Peter Neidhart ein Haus. Er tat dies ausserhalb von Ramsen, warum auch immer. Auf jeden Fall musste es relativ gross sein. Neidhart hatte 17 Kinder. Bald hätten die Leute im Dorf deshalb gespottet: «Im Peter seine Burg.» Daraus wurde dann Petersburg. Dreissig Jahre später errichtete ein weiterer Mann unweit davon ein Haus. Derjenige soll sich gedacht haben: Wenn es schon ein Petersburg gibt, warum nicht auch ein Moskau? Ein Scherz also.

Ein Mann mit Zigarette

Was davon stimmt und worauf die Namen tatsächlich zurückgehen, weiss niemand so genau. Gemeindepräsident Würms sagt, man habe nie einen Historiker darauf angesetzt. «Für uns ist es nicht zentral, die Geschichte aufzuarbeiten.» Die Gemeinde gebe das Geld lieber anders aus, etwa für die Erweiterung des neuen Schulhauses.

Zurück auf dem Migros-Parkplatz verabschiedet sich Würms, steigt in sein Volvo-Cabrio und fährt davon. Auf der anderen Strassenseite steht ein Mann mit Glatze, Zigarette und Kaffeebecher in der Hand. Er heisst Jewhen (45), spricht kaum Deutsch und kommt aus der Ukraine. Geflohen. Jetzt wohne er hier. Jewhen zeigt auf ein Haus mit verwittertem Putz. Es ist das einstige Haus von Peter Neidhart. Die Petersburg.

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