Darum gehts
Wenn Matteo Schwarz die Waren im Supermarkt über den Scanner zieht, tut er das mit präzisen Handgriffen. Der Job bei einem grossen Detailhändler gibt ihm Struktur, er verdient sein eigenes Geld. Und vor allem hat er: Abstand von seinen psychischen Problemen, die ihn schulisch ins Abseits stellten. Um ihn und sein Umfeld zu schützen, haben wir Namen anonymisiert und Details seiner Geschichte leicht verändert.
Wer mit dem 19-Jährigen spricht, merkt schnell, dass da ein besonderer junger Mann vor einem sitzt. Schwarz – lange, dunkle Haare, zurückhaltend und hager – spricht nicht nur gewandt, er schreibt auch komplexe Theaterstücke. Sein mathematisches Verständnis liegt weit über dem Durchschnitt. Prüfungen schloss er regelmässig mit Bestnoten ab. Eigentlich wollte er theoretische Physik studieren. Dem «Beobachter» liegen seine Zeugnisse und weitere Unterlagen sowie Therapieberichte vor.
Das ist ein Beitrag aus dem «Beobachter». Das Magazin berichtet ohne Scheuklappen – und hilft Ihnen, Zeit, Geld und Nerven zu sparen.
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«Zufrieden» mit 70 Prozent
Dass ihn sein Weg statt an die Universität ans Förderband an einer Kasse führte, ist auch die Folge jahrelanger familiärer Probleme. Heute sagt Schwarz: «Ich bin zufrieden so, wie es ist.» Nach einer unbeschwerten Kindheit sei seine Gesundheit in den letzten Jahren auf einen Tiefpunkt abgesackt. Jetzt schätzt er seinen Zustand wieder auf 70 Prozent – das meint er mit «zufrieden».
Wenn Matteo Schwarz erzählt, kriechen manchmal rote Flecken seinen Hals hoch. Er spricht ruhig und denkt oft lange nach, bevor er antwortet. Er habe schlecht geschlafen, sagt er an diesem heissen Spätsommertag auf der Terrasse seines Zuhauses in der Nähe von Bern. Seine Emotionen sind, anders als die roten Flecken vermuten lassen, auffallend flach. «Ich arbeite daran», sagt er lächelnd. Alle drei Wochen geht er zur Therapie.
Schwarz hatte schwere depressive Phasen und verletzte sich selbst. Auch litt er an Insomnie – Schlaflosigkeit. Das steht im Bericht der psychiatrischen Klinik, in die er sich letzten Winter freiwillig einliefern liess.
Die Fassade bröckelt
Angefangen habe alles, so schildert es Matteo, als er zwölf Jahre alt gewesen sei. Die Eltern trennten sich in jener Zeit, lebten aber vorerst ein sogenanntes Nestmodell: Der Bub blieb daheim, die Eltern wechselten sich mit der Betreuung im Elternhaus ab. Er mochte sein Zuhause in einem ruhigen Wohnquartier in der Agglomeration von Bern, die Aare nur einen kurzen Spaziergang entfernt. Er war froh, dass sich an seiner Wohnsituation nichts änderte. Auch weil er seine Katze liebt, die sich immer in seiner Nähe aufhält.
Doch hinter der geordneten Fassade kippte die Stimmung rasch. Der Vater, ein Manager, entwickelte eine schwere Alkoholkrankheit. Meist habe er literweise Bier getrunken, manchmal auch Stärkeres. Er wurde verbal sehr aggressiv, erzählt Schwarz, «ich hatte Angst vor ihm». Der Vater habe ihn massiv unter Druck gesetzt, damit er dessen Suchtverhalten vor der Mutter geheim halte. «Ich war zwölf Jahre alt, wusste nicht, was ich tun soll.» Sei der Vater betrunken gewesen, habe er keine Grenzen gekannt: «Es war schwierig auszuhalten.» Sein Hals wird wieder rot.
«Ich war als Kind intellektuell viel weiter als die Gleichaltrigen», meint er rückblickend. Seine Mutter, eine Lehrerin, habe ihn mehr als Partner denn als Kind behandelt. Er sei emotional ausgenutzt worden. Habe viel zu früh erwachsen sein müssen. Seine Eltern hätten ihren Scheidungskampf über ihn ausgefochten. «Das alles war zu viel für mich.»
Der «Beobachter» hätte gern seine Eltern zu den Vorwürfen befragt. Doch Schwarz’ Therapeutin riet davon ab: «Da er noch mitten im therapeutischen Prozess ist, ist der geschützte Rahmen, in dem er frei denken, fühlen und reden kann, ungemein wichtig.» Eine Konfrontation könne sich, so argumentiert sie, negativ auf seine Genesung auswirken. Trotz seiner hohen geistigen Fähigkeiten zeige Matteo Schwarz Schwächen im Umgang mit Gefühlen.
Die Schule war für Schwarz zunächst ein Anker. Als er nach der achten Klasse ans Gymnasium wechselte, wählte er ein spezielles, mathematisches Profil. Er dachte, dort käme er mit Gleichgesinnten in Kontakt. Doch der erhoffte Zufluchtsort wurde zur zusätzlichen Belastung. Die Klasse bot ihm keinen Rückhalt. Er habe sich allein gefühlt und nicht zugehörig. Er bat wiederholt um einen Wechsel in eine normale Klasse zu seinen früheren Freunden. Die Gesuche wurden allesamt abgelehnt.
Angstzustände in der Nacht
Drei Jahre lang harrte Matteo aus, während sich die Lage zu Hause immer weiter zuspitzte. Er schlief kaum noch, hatte nachts Angstzustände, tagsüber fühlte er sich müde und antriebslos. Erst als er im dritten Schuljahr der Schulleitung die unerträglichen Zustände mit seinem suchtkranken Vater zu Hause offenlegte, lenkte man ein. Er durfte die Klasse wechseln. «Zu spät», sagt er im Nachhinein.
Denn als der schulische Druck etwas nachliess, brach er im Herbst 2025 den Kontakt zu seinem Vater ab. Dann fiel das Kartenhaus zusammen. Nach dem jahrelangen Dauerstress forderten Körper und Psyche ihren Tribut. Schwarz hatte Suizidgedanken. Auf Anraten einer Psychologin veranlasste er selbst eine Notfalleinweisung und verbrachte drei Wochen auf der Krisenstation einer psychiatrischen Klinik. «Das Beste daran war, dass ich Abstand zu meinen Eltern hatte», sagt er rückblickend.
Für die Schule lag ein ärztliches Zeugnis über eine 100-prozentige Arbeitsunfähigkeit vor. Seine Note für die Maturarbeit im Fach Deutsch, ein Filmdrehbuch, hatte er da bereits in der Tasche: eine glatte Sechs. Allerdings fehlten noch das obligatorische Fachgespräch und die Präsentation.
Nach dem mehrwöchigen Klinikaufenthalt suchte Schwarz im Januar das Gespräch mit der Schulleitung, um seinen Wiedereinstieg im letzten Maturhalbjahr zu planen. Sein Vorschlag: die verpassten Prüfungen nachholen und mit einem vorübergehend reduzierten Pensum einsteigen, um sich Schritt für Schritt zu stabilisieren. Und: Online-Unterricht.
Streit über Präsenzzeit
In der Schweiz leiden schätzungsweise 15 bis 20 Prozent aller Kinder und Jugendlichen unter psychischen Problemen. Neuere Erhebungen des Bundesamtes für Gesundheit zeigen gar eine deutliche Verschlechterung der mentalen Verfassung, besonders bei Mädchen und jungen Frauen. Lehrpersonen erzählen, dass in jeder Klasse mehrere Schülerinnen oder Schüler sitzen, denen es psychisch schlecht geht.
Für Schwarz war die Antwort der Rektorin und Jahrgangsverantwortlichen ein Schock. Sie habe ihm gesagt, er müsse möglichst bald wieder zu 80 bis 100 Prozent einsteigen und die Prüfungen zeitnah nachholen – oder das Jahr wiederholen.
Die damalige Jahrgangsverantwortliche erklärt heute, in ihrer grossen Schule mit rund 1400 Jugendlichen hätten psychische Probleme in der Schülerschaft in den letzten Jahren stark zugenommen. Das sei alarmierend, aber man sei geübt im Umgang damit. Einem Klinikaufenthalt gingen meist mehrwöchige Fehlzeiten voraus, der Wiedereinstieg starte in der Regel bei 50 Prozent.
Im Abschlussjahr – wie bei Matteo Schwarz – sei die Lage jedoch etwas anders. Die Berner Mittelschuldirektionsverordnung verlange Präsenz im gesamten letzten Schuljahr. Der gesetzliche Spielraum sei eng: «Wir haben wirklich alles versucht, Herrn Schwarz die Matur dennoch zu ermöglichen.» Seine Intelligenz und Eignung habe niemand bezweifelt. Die Äusserung zur Präsenzpflicht von 80 Prozent und mehr habe sie womöglich in einem langen Gespräch irgendwann gemacht – wegen des knappen Zeitfensters bis zur Maturprüfung, aber «niemals als Drohung». Im Gegenteil, sie bedauere sehr, dass sich Schwarz zum Schulabbruch entschieden habe.
Für ihn sei ein Vollzeiteinstieg unmöglich gewesen, betont dieser: «Ich war überfordert, und mir war meine Gesundheit in diesem Moment wichtiger.» Aus Mangel an Alternativen und um dem Druck zu entgehen, verliess er das Gymnasium kurz vor dem Ziel. Auch weil er unbedingt zu Hause ausziehen wollte. Dafür brauchte er Geld.
Zeit, Flexibilität und Mut gefragt
Vielleicht, so räumt er nachträglich ein, habe er sich zu einer Kurzschlusshandlung hinreissen lassen. Aber dass die Maturitätsverordnung für einen Spitzenschüler wie ihn, der wegen einer akuten Krise fehlte, so starr angewandt worden sei, habe ihn zutiefst enttäuscht. «Die Matur ist ein Fähigkeitszeugnis, und ich habe doch bewiesen, dass ich die intellektuellen Fähigkeiten dafür habe.» Die strikte Regeleinhaltung findet er «unverhältnismässig».
Matteo Schwarz’ Fall wirft Fragen auf: Müssten kantonale Bildungsstätten in Zeiten einer Zunahme von psychischen Erkrankungen bei Jugendlichen nicht flexibler agieren können? Oder hätten Bezugspersonen stärker intervenieren müssen?
«Im Einzelfall braucht es schlicht mehr Zeit und Flexibilität», sagt Maya Rauscher vom «Beobachter»-Beratungszentrum. Trotz Instrumenten wie Pensumsreduktionen oder Therapien während der Schulzeit stosse das Schulrecht bei psychischen Krisen Jugendlicher oft an Grenzen. Die Familienrechtsexpertin weiss, dass solche Notlagen nur mit genügend Toleranz und Ausdauer bewältigt werden können. Es brauche auch Mut, ungewöhnliche Wege zuzulassen.
Heute versucht Matteo Schwarz, sein Leben Schritt für Schritt neu aufzubauen. Er arbeitet, will nächstes Jahr seinen Militärdienst leisten und tastet sich in der Therapie wieder an seine eigenen Emotionen heran. Auf die Matur verzichtet er. Vorerst.