Ein Spielplatz, wie es ihn überall in der Schweiz geben könnte. Ein Bub, vielleicht zwei Jahre alt, kämpft sich die Rutsche hoch. Hinter ihm passt sein Vater auf. Die Mutter wartet unten. Ein paar Meter weiter sitzen die Grosseltern. Das Kind schafft es nach oben, dreht sich um und strahlt. Vier Erwachsene strahlen zurück.
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Ungewöhnlich? Überhaupt nicht. Jedes fünfte Kind hat keine Geschwister, viele sind das einzige Enkelkind ihrer Grosseltern. Dass immer weniger Kinder geboren werden, gehört längst zum Alltag – und gleichzeitig zu den grössten Sorgen der Politik.
Die Geburtenrate in der Schweiz hat einen historischen Tiefststand erreicht, wie der Beobachter bereits berichtete. Einer aktuellen Swiss-Life-Studie zufolge liegt sie bei durchschnittlich 1,28 Kindern pro Frau. 2025 wurden 78’200 Kinder geboren; wenn sich der Trend fortsetzt, werden es dieses Jahr noch weniger sein. Die Schweiz ist damit nicht allein. In der EU fiel die Geburtenrate 2024 auf 1,34 Kinder pro Frau, ebenfalls rekordtief. Weltweit hat sie sich seit 1950 mehr als halbiert.
Die Frau, der Sündenbock
Auf dem Spielplatz stört das niemanden. Der Bub geniesst die volle Aufmerksamkeit, die Erwachsenen wechseln sich an der Rutsche ab. Krise? Keine Spur. Anders in der gesellschaftlichen Debatte: Zu wenige Kinder bedeuten zu wenige Arbeitskräfte, zu wenige Steuerzahlende und zu wenig Geld für die AHV.
Wann immer ein Artikel die sinkende Geburtenrate thematisiert, hagelt es wütende Kommentare. Erstaunlich oft richten sie sich gegen Frauen, denn die scheinen es irgendwie nur falsch machen zu können. Sie bekommen zu spät Kinder, zu wenige, legen zu viel Wert auf ihre Ausbildung – oder wagen es, überhaupt keine Kinder zu wollen. Nicht viel besser ergeht es jenen Frauen, die sich Kinder wünschen, aber auf natürlichem Weg keine bekommen können – die wiederum sollen ihr Schicksal gefälligst akzeptieren.
Doch dieser Ärger läuft ins Leere. Wer vor der Kinderfrage steht, denkt nicht an die Zukunft der AHV. Und auch nicht daran, was anonyme Kommentarschreiber im Internet schreiben. In der repräsentativen Onlineumfrage von Swiss Life nannten die Befragten stattdessen handfeste Gründe, die das Gedankenkarussell antreiben: finanzielle Sorgen. Knapper Wohnraum. Vereinbarkeit mit dem Beruf. Teure Kinderbetreuung. Sorgen über die politische Weltlage. Angst vor Überlastung.
Fehlender Kinderwunsch
Klar: Günstige Kitas, Elterngeld für Mütter und Väter und eine bessere Vereinbarkeit würden vielen Schweizerinnen und Schweizern die Entscheidung für ein Kind leichter machen. Den langfristigen Turnaround bringen sie wohl nicht. Frankreich investiert seit Jahrzehnten Milliarden in die Familienpolitik und galt lange als europäisches Vorbild. Trotzdem sank dort die Geburtenrate 2024 auf 1,61 Kinder pro Frau. Auch in den nordischen Ländern, wo Familien viel stärker unterstützt werden als in der Schweiz, sinken die Zahlen. Familienpolitik kann Hürden senken – aber keinen Wunsch auslösen, der nicht da ist.
Zu den Gründen gibt es viele Theorien. Vielleicht schwindet der Kinderwunsch, weil wir sehen, wie die Welt unter der Last der Milliarden von Menschen ächzt. Wahrscheinlich geht es auch ums Klima, einen allgemeinen Zukunftspessimismus oder toxische Geschlechterbilder.
Gemäss Swiss-Life-Studie haben all diese Faktoren einen Einfluss – aber keiner reicht aus, um eine seit Jahrzehnten anhaltende, weltweite Entwicklung zu erklären. Stattdessen lohnt es sich, genauer hinzuschauen: Frauen fürchten eher um ihre Karriere als Männer, sie leiden mehr unter der politischen Weltlage und sorgen sich um die zeitliche Belastung, die ein Kind mit sich bringt. Männer sagen besonders oft, dass ihnen für eine Familie die Partnerin fehlt. Unter den befragten Kinderlosen ist der Kinderwunsch bei Männern sogar leicht höher als bei Frauen (48 zu 45 Prozent), was der allgemeinen Wahrnehmung deutlich widerspricht. Die meisten Befragten gehen davon aus, dass es eher die Frauen in der Beziehung sind, die sich ein Kind wünschen. Bei Eltern ist dieser Trend noch ausgeprägter: 37 Prozent der Väter wünschen sich ein weiteres Kind – aber nur 29 Prozent der Mütter.
Übrigens: Die Kinder-pro-Mann-Quote, die so gut wie nie genannt wird, liegt noch unter jener der Frauen. Aktuell bei 1,2 Kindern pro Mann.
«War das denn geplant?»
Zur tiefen Geburtenrate tragen – entgegen ihrem Willen – auch jene bei, die gerne Kinder hätten, aber keine bekommen können. Schätzungen gehen davon aus, dass jedes sechste Paar in der Schweiz betroffen ist. Andere hatten Pech mit dem Timing oder mit der Partnerwahl – inzwischen gibt es in vielen Schweizer Städten Stammtische, an denen sich kinderlose Frauen und Männer austauschen. Ihr Umgang mit denjenigen, die ganz bewusst kinderfrei geblieben sind, ist oft nicht leicht. Denn wofür sich die einen bewusst entschieden haben, empfinden die anderen als Schicksalsschlag.
Leiser sind die Stimmen all jener, die Kinder haben, aber sich wünschten, nie welche bekommen zu haben. Abseits von Influencerinnen, die unter dem Hashtag Regretting Motherhood (Mutterschaft bereuen) ihre Geschichten teilen, gibt es nur wenige Väter und Mütter, die ein solches Gefühl benennen. Hin und wieder hört man es aus zweiter Hand: «Meine Mutter hat immer geweint, wenn sie wieder schwanger war.» Der Satz stammt von einem Mann, längst pensioniert. Viele seiner Generation ahnen heute, dass auch sie keine Wunschkinder waren – sie erinnern sich aber an den Pragmatismus jener Zeit. Wenn fünf Kinder satt werden, wird es das sechste auch noch. Und so war es dann ja auch. Meistens.
Heute schreiben Frauen, die drei Kinder haben, Kolumnen darüber, wie sie das schaffen – und berichten von Fragen wie: «War das denn geplant?» Die Kleinfamilie ist längst die Norm geworden. Eine Schar von Kindern leisten sich nur – vermeintlich – Strenggläubige. Oder Milliardäre.
Die meisten Normalsterblichen dagegen wursteln sich irgendwie durch. Sie verhüten, bis sie weit über 30 sind, finden irgendwann einen Partner, mit dem sie sich eine Familie vorstellen können – und stellen fest, dass man gar nicht so leicht schwanger wird, wie man sich das als junger Mensch vorgestellt hat. Und irgendwann landen sie nach vielen Abzweigungen und Irrwegen auf einem Spielplatz, wo sie, gemeinsam mit drei anderen Erwachsenen, einem Einzelkind beim Rutschen zuschauen.
Statistik hin oder her. So ist das Leben.
«Wir haben jung geheiratet und hatten Lust, Eltern zu werden. Als das nicht geklappt hat, sind wir in die Kinderwunschklinik. Dort gingen alle davon aus, dass wir schnell Erfolg haben würden. Ich war 29, mein Mann 35 – und um unsere Fruchtbarkeit sah es eigentlich ganz gut aus. Die Stimulationen funktionierten gut, in einem einzigen Zyklus produzierte ich manchmal über 30 Eizellen. Die meisten liessen sich auch befruchten. Aber dann … Ich hatte zu Beginn eine Fehlgeburt, in der siebten Woche, also sehr früh. Seither habe ich keinen positiven Schwangerschaftstest mehr gesehen. Und das, obwohl wir wirklich alles haben testen lassen und viele Behandlungswege probiert haben.
Wenn wir von Anfang an gewusst hätten, wie lang der Weg werden würde – ich weiss nicht, ob wir uns dafür entschieden hätten. Aber Gott sei Dank weiss man in unserer Kinderwunschsituation ja immer nur, wie der nächste Zyklus aussehen wird. (lacht)
Unterdessen haben wir 85’000 Franken ausgegeben – und immer noch kein Kind. Ich bin dankbar, dass wir uns das leisten können. Und dankbar, dass meine Chefs um unseren Kinderwunsch wissen und mich trotzdem immer wieder befördert haben.
Das Thema betrifft inzwischen alle Lebensbereiche. Ich weiss, dass unseretwegen auch viele in unserem Freundeskreis sensibler geworden sind. Sie wissen, dass man nicht einfach so fragt, wie es mit der Familienplanung aussieht. Kann ja sein, dass ein Paar eine ähnliche Geschichte hat wie wir. Und natürlich freue ich mich, wenn Schwangerschaften verkündet werden – aber meine Freundinnen wissen, dass es für mich besser ist, das in einem geschützten Rahmen zu erfahren. Nicht auf einer Party, wenn drumherum alle jubeln.
Früher war uns immer klar, dass wir mindestens zwei Kinder haben wollten. Inzwischen sind wir einige Jahre älter, und ich denke: Eines – und wir wären die glücklichsten Menschen der Welt.»
«Ob ich bereue, dass ich keine Kinder bekommen habe? Nein. Ich bin sehr glücklich mit meinem Leben und meiner Entscheidung, die ich sehr bewusst getroffen habe. Dieser Kinderwunsch, von dem so viele Frauen erzählen – der ist bei mir nie aufgekommen. Manchmal habe ich mir fast gewünscht, ich würde ihn spüren. Einfach, weil das etwas so Tiefes sein muss. Aber es war nie so.
Das lag sicher auch daran, dass mir mein Beruf viel Freude gemacht hat. Ich arbeite in der Buchbranche und habe zeitweise mehr als 100 Menschen geführt. Mit einem 50-Prozent-Pensum wäre das nicht möglich gewesen. Der Mann, den ich mit 32 kennenlernte, hatte bereits einen Sohn aus einer früheren Beziehung. Er sagte damals: ‹Wenn du ein Kind willst, stehe ich dir nicht im Weg. Aber für mich muss es nicht sein.› Ich habe manchmal gedacht: Wenn ich Vater sein könnte, hätte ich mich vielleicht dafür entschieden. Wer weiss.
Meine Mutter hat nie Druck gemacht, dass sie Grossmutter werden wolle. Im Gegenteil. Sie hat ihre eigene Mutterschaft als sehr schmerzhaft erlebt. Ihr erstes Kind starb, als sie 19 war. Im Spital sagte man ihr nur, das sei nicht so schlimm, sie könne ja noch viele Kinder bekommen. Als ich meinen Vater später darauf ansprach, konnte er sich kaum daran erinnern. ‹Wir haben nie mehr darüber gesprochen›, sagte er.
Ich hätte gerne Enkelkinder. Ein cooles Grossmami, das wäre ich gern geworden. Und natürlich gibt es auch Momente, in denen es schön wäre, Kinder zu haben. An Weihnachten zum Beispiel. Aber alles im Leben hat Vor- und Nachteile – und ich finde es auch okay, dass diese Gedanken manchmal da sind. Denn für mich überwiegen die Vorteile.
Ich habe eine Partnerschaft, in der ich sehr glücklich bin, enge Freundschaften, ein kleines Gottemeitli – und seit einigen Jahren ein zweites Standbein, das mich sehr erfüllt. Ich berate Frauen in meinem Alter, die sich – oft nach der Mutterschaft – ein Stück weit verloren haben. Vordergründig geht es um Kleidung, Stil und Auftreten. Eigentlich aber um die Frage: Wie gehe ich durchs Leben? Wie bleibe ich mir selbst treu? Und ich glaube, darin kenne ich mich ganz gut aus.»
«Ich hatte immer die Vorstellung, jung Vater zu werden. Jetzt bin ich 36 und muss mich langsam von dieser Idee verabschieden. Falls ich Kinder bekommen werde, bin ich dann vermutlich zu alt, um mit ihnen Saltos zu schlagen.
Mein Dilemma ist ganz einfach. Ich bin in einer langjährigen Beziehung und glücklich mit meiner Freundin. Aber sie hat nicht den Wunsch, schwanger zu werden, ihr Leben zu ändern. Lange Zeit hat mich das sehr verunsichert. Ich habe mich gefragt: Bin ich in der falschen Beziehung? Im falschen Leben? Durch eine Psychotherapie hat sich das zum Glück aufgelöst. Ich sehe jetzt, dass es unterschiedliche Arten gibt, Vater zu sein. Wenn ich als Lehrer junge Menschen ins Leben begleiten darf, kann ich damit zum Beispiel auch einen Teil dieser Vatergefühle ausdrücken.
Ich habe darüber nachgedacht, welche Art von Familie ich mir wünsche – und festgestellt, dass es nicht die traditionelle Kleinfamilie sein muss. Mein Traum wäre eine grosse Gemeinschaft, mit vielen Erwachsenen und vielen Kindern, die füreinander sorgen. Eine Solidarfamilie. Und: eine Frau, die sich vorstellen kann, ein Kind mit mir zu bekommen und gleichzeitig in diesem vielseitigen Beziehungsnetz zu leben. Eine Person, mit der ich mich verbunden fühle und welche die gleichen Werte teilt.
Schön wäre, wenn diese Frau wie ich in Bern lebte. Ist das zu verrückt, dieser Wunsch? Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Ich höre schliesslich immer wieder von Menschen, die sich auch ein Dorf wünschen, um Kinder grosszuziehen. Also genau das, was ich mir erträume.
Eine Leihmutterschaft passt für mich nicht in dieses Bild. Ich halte mich lieber an meinen Traum von einem grossen Haus voller Menschen, die zueinander gehören. Und ich ertappe mich immer wieder dabei, wie ich die Welt durch Kinderaugen sehe – und es kaum erwarten kann, sie einem Kind zu zeigen.
Dann wären da noch die Saltos: Ich glaube, wenn ich dranbleibe und oft genug übe, werde ich sie auch in einigen Jahren noch können.»
«Ich war 39 als ich mich von meinem langjährigen Partner trennte – auch wegen der Kinderfrage. Mir wurde klar: Wenn ich bleibe, werde ich ihm vielleicht bei jedem Streit vorwerfen, dass ich seinetwegen keine Kinder habe.
Dabei hatte alles ganz anders angefangen. Ich war 29, als wir uns kennenlernten. Wir haben damals sicher auch über Familienplanung gesprochen. Aber wir hatten wohl beide das Gefühl, noch viel Zeit zu haben.
Konkret wurde es mit 34. Und spätestens mit 36 fühlte sich mein Kinderwunsch dringlich an, seiner nicht. Wir haben vieles versucht und waren sogar in der Kinderwunschklinik. Aber mir wurde immer klarer, dass ich eigentlich allein kämpfte.
Ja, und dann war ich Single und musste die Frage beantworten, wie es jetzt weitergeht. Also habe ich angefangen, meine Optionen anzuschauen: Auf Tinder jemanden finden, der jetzt sofort Kinder möchte? Fand ich ziemlich gruselig. Einen Samenspender aus dem Darknet? Da liest man ja so Geschichten von Männern, die Hunderte Kinder zeugten …
Irgendwann landete ich wieder bei den Kinderwunschkliniken, dieses Mal im Ausland. Denn in der Schweiz werden Singlefrauen nicht behandelt. Ausserdem war ich inzwischen 40 und hatte keine guten Hormonwerte. Mir war klar, dass meine Chancen mit jüngeren Eizellen grösser wären. Also entschied ich mich für eine Eizellspende in Spanien. Ich fand, das war die am wenigsten schlechte Option, die mir zur Verfügung stand.
In Spanien ging alles ziemlich schnell. Beim zweiten Versuch wurde ich schwanger. Es war mega schön. Aber natürlich gab es auch Momente, in denen ich mich gefragt habe, ob ich vielleicht etwas zu mutig war. (lacht)
Dass man Frauen wie mir Egoismus vorwirft, finde ich lächerlich. Jeder Kinderwunsch ist doch egoistisch. Niemand bekommt Kinder, um die AHV zu stützen. Man bekommt sie, weil es etwas wahnsinnig Schönes ist, das man gerne erleben möchte.
Meine Tochter kam zur Welt, da war ich 42 Jahre alt. Inzwischen geht sie drei Tage in der Woche in die Kita. Ich arbeite 60 Prozent. Eigentlich gibt es keine Pausen. Aber es klappt wirklich gut. Sie ist ein sehr entspanntes Kind. Manchmal muss ich lachen, wenn jemand sagt, sie habe genau meine Augen. Und freue mich natürlich trotzdem.»