Darum gehts
«Isch doch ganz schön», sage ich. «Ämel nöd gruusig», meint mein Vater.
Das ist ein Beitrag aus dem «Beobachter». Das Magazin berichtet ohne Scheuklappen – und hilft Ihnen, Zeit, Geld und Nerven zu sparen.
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Wir stehen am Bahnhof Kaltbrunn und blicken auf die Linthebene. Mitten ins Grün, zwischen Voralpen und Zürichsee, haben sich hier einst Menschen gepflanzt. Auch unsere Vorfahren schlugen Wurzeln. Jetzt suchen wir sie mit zusammengekniffenen Augen. Irgendwo zwischen alten Giebeln, neuen Wohnblöcken und der Kirche im Zentrum. Fremdes Terrain, zumindest für mich.
Seit 36 Jahren steht Kaltbrunn in meinem Pass. Jetzt stehe ich zum ersten Mal auf seinem Boden. Dabei konnte ich mir meinen Heimatort lange nicht einmal merken. Nur für amtliche Formulare spickte ich im roten Büechli. Da stands dann: Kaltbrunn SG. Eingequetscht zwischen Geburtstag, Geschlecht und Grösse – wie ein bürokratisches Muttermal.
Wer kennt schon seinen Heimatort?
Ich war noch nicht dort, wollte nie hin, hatte kaum Interesse. Meinem Umfeld geht es gleich: Der Heimatort ist eine Autobahnausfahrt, an der man vorbeiflitzt, oder Stoff für langfädige Familiengeschichten. Vielleicht ist es gerade diese kollektive Gleichgültigkeit, die meine Neugier weckte. Ich wollte das Muttermal unter die Lupe nehmen – mit dem Mann, der es mir vererbt hat.
«Was weisst du über Kaltbrunn?», fragte ich meinen Vater am Telefon. «Die Postleitzahl, sonst nichts.» «Wollen wir zusammen hin?», meinte ich – und schwadronierte was von Identität und Wurzeln. Das reichte ihm als Erklärung. «8722», sagte er zum Abschied. Die Postleitzahl.
Der Schweizer Sonderweg
Das Prinzip ist einzigartig: Während der Rest der Welt den Geburtsort in amtliche Dokumente stempelt, setzt die Schweiz auf Vererbung. Ein Kind erhält den Heimatort – oder auch Bürgerort – jenes Elternteils, dessen Nachnamen es trägt.
Bei der Einführung 1551 ging es darum, Ordnung zu schaffen. Die Gemeinden führten penibel Register über ihre Bürgerinnen und Bürger. Diese profitierten von Gratisholz oder Weiderecht für Kühe, mussten im Gegenzug aber für den Landesherrn in den Krieg ziehen.
Bis heute kann nur Schweizer oder Schweizerin werden, wer Bürger einer Gemeinde ist. Deshalb erwerben Menschen aus dem Ausland bei einer Einbürgerung immer das Bürgerrecht ihrer Wohngemeinde. Die moderne Mobilität hat das Prinzip der Zugehörigkeit aber längst ausgehebelt, Heimat- und Wohnort sind selten identisch.
Zwei Äpfel nahe am Stamm
Wir Helbling-Äpfel sind zumindest nicht weit vom Stamm gefallen. Mein Vater wuchs zwölf Autominuten von Kaltbrunn entfernt auf, bei mir waren es zwanzig.
Auf einem Parkplatz im Dorfzentrum ergoogle ich: Es gibt in der Schweiz 1675 Helblings, die meisten haben Rapperswil-Jona als Bürgerort. Dort taucht der Name schon im 14. Jahrhundert in Verzeichnissen auf. Ein paar mutige Gesellen wanderten an den Bielersee aus, der Rest blieb am oberen Zürichsee hocken.
Ein träges Bild, das zur Herkunft des Namens passt: Der «Hälbling» war nicht nur eine Münze im Wert eines halben Pfennigs, sondern auch ein Spottname für jemanden, der untüchtig und planlos herumschlendert.
Prachtsexemplar im Gemeindehaus
Genau das tun wir an diesem Maitag und landen vor dem Gemeindehaus. Dort rettet ein besonders tüchtiges Exemplar unsere Ehre: Michael – unter Helblings duzt man sich – empfängt uns zwischen Ortsbildern und samtbezogenen Stühlen. Noch ist er Gemeindeschreiber, in ein paar Tagen Gemeindepräsident. Er erzählt, dass er ursprünglich aus der Nachbargemeinde stammt.
«Öppä Uznach? Ich au!», ruft mein Vater. Und prompt schüttelt der Zufall kräftig an unseren Stammbäumen: Michaels Vater war ein enger Jugendfreund meines Vaters. Für eine Weile kriegt sich niemand mehr ein. Treffen sich zufällig zwei Helblings und sind zwar nicht verwandt, aber zumindest verbandelt. Hah!
Als der Schabernack der Männer durchdekliniert ist, schwärmt Michael von Kaltbrunn. Der 38-Jährige hat in Zürich studiert und gearbeitet, war am Bundesverwaltungsgericht in St. Gallen tätig – und sieht seine Rückkehr in die ländlich geprägte Gegend als Glücksfall. «Ich bin ein Herdentier», sagt er. Er brauche die Menschen, die Bauern, das Brauchtum.
Zum Abschied gibt er uns Tipps, was abtrünnige Bürgerinnen wie ich unbedingt sehen müssen.
Ticket ins Ungewisse
Sie führen meinen Vater und mich vors ehemalige Ortsmuseum. Das Haus steht seit 1568 und sieht auch so aus: schräg, charmant, chnorzig. Heute heisst es Reisebüro Linth und zeigt eine Ausstellung über Aus- und Einwanderung.
Wir erfahren, dass die Linthebene im 19. Jahrhundert ein Hotspot für Abschiede war. Damals liessen sich die Einheimischen von einer Überfahrt nach Amerika überzeugen. Ein Ticket ins Ungewisse, das die Behörden tatkräftig unterstützten: Sie gaben ihren Ärmsten Geld fürs Gehen – und wurden so ihre Sozialfälle los.
Denn bis zum Ersten Weltkrieg galt in der Schweiz: Wer verarmte, fiel der Heimatgemeinde zur Last. Ab 1977 wurde diese Pflicht zwar schrittweise gelockert. Doch von da an bezahlte einfach der Heimatkanton die Rechnungen – ohne Mitspracherecht. Erst 2012 stoppte das Parlament diesen Irrsinn und schaffte die Rückerstattungspflicht endgültig ab.
Am Ende der Ausstellung fällt unser Blick auf ein Schild: «Es bleibt immer etwas hängen am Menschen von seiner Heimat.» Selbst wenn es nur ein Nachname ist.
Der Imker und ein Raben-Vater
Michaels nächster Tipp führt uns den Hang hinauf. Ich geniesse noch die Aussicht, da rennt mein Vater schon auf einen Imker zu. Früher war mir sein Aussendienst-Verkäufer-Gen peinlich, hier ist es ein Türöffner. Dass er allergisch auf Stiche reagiert, hält ihn nicht auf: Schwupps, steckt er in einem geliehenen Ganzkörperanzug und kaut süsse Waben.
Im Kaltbrunner Riet spricht er einen Ranger an – wieder öffnen sich Türen, wieder klingen Geschichten.
Auf dem Aussichtsturm erzählt mein Vater von einem Raben, den er hier als Bub gezähmt hat. Wir blicken ins Schilf, stellen uns die Linthebene vor, als sie noch unter Wasser stand – und spüren, wie sich auf einmal ein Gefühl von Heimat einschleicht.
Identität im Taschenformat
Dieses Gefühl hat politisches Gewicht: 2001 diskutierte das Parlament, den Bürgerort im Pass durch den Geburtsort zu ersetzen. Doch das Vorhaben scheiterte. Die emotionale Bindung an diesen geerbten Flecken sei schlicht zu stark, befand der Bundesrat.
Das zeigt sich bis heute bei Gemeindefusionen. Ändert sich der Bürgerort, schmerzt das viele. Manche Kantone erlauben deshalb den alten Ort in Klammern. Dabei ist der Eintrag meist nur noch eine Formalität. Er wird primär für Dokumente wie den Heimatschein benötigt. Bei Auslandschweizern regelt die Bürgergemeinde zudem noch Bürokratisches wie Erbschaften oder Namenswechsel.
Abtrünnige und Sesshafte
Zum Abschluss wollen wir wissen, wie sich echte Verwurzelung anfühlt. Michael hat uns dafür zu Peter Helbling geschickt – einem Mann, der seit seiner Geburt am selben Ort lebt. Er kennt Kaltbrunn und Kaltbrunn kennt ihn.
Als die Tür aufgeht, erschrecken wir erst einmal: Peters Frau trägt denselben Vornamen wie meine Mutter. Es folgt ein kollektives «Sache giz!».
Der 65-Jährige führt uns auf den Balkon. Seine Familie begräbt die Kaltbrunner und versorgt die Lebenden zugleich mit Küchen. Zwei Geschäftszweige, die wenig miteinander zu tun haben, aber seit vier Generationen weitergegeben werden – bald übernimmt Sohn Jürg. «Mir gefällts hier, sonst wäre ich nicht geblieben. Die Kaltbrunner sind offen und unkompliziert», sagt Peter.
Es ist ein seltsam schönes Gefühl, Menschen zu begegnen, mit denen einen scheinbar nur ein Name verbindet – und in denen man doch Vertrautes findet. Bald sprechen wir über das Leben und den Tod. «Es gibt übrigens nur einen Helbling-Grabstein auf dem Friedhof», verrät Peter. Er gehöre seinen Eltern.
Zwei Rückkehrer
Auf dem Weg zum Auto zieht mein Vater Bilanz: «Erinnerst du dich an die Postleitzahl?» Ich schüttle den Kopf. «8722», sagt er, gefolgt von der Einwohnerzahl: 5122. Die habe er gegoogelt, damit er bei unserem Ausflug nicht wie ein «Lööli» dastehe.
Ein Knirps bremst auf dem Trottinett neben uns. «Wieso geht ihr eigentlich durch ganz Kaltbrunn und schaut alles an?», will er wissen. «Wir sind Einbrecher», antwortet mein Vater. Damit gibt sich der Junge zufrieden und braust davon.
Wir tun es ihm gleich und verlassen diesen alten, neu entdeckten Flecken auf unserer Familienlandkarte.