Darum gehts
- Zwei Männer (beide 32) seit 30. Juli im Walensee nach Sturm vermisst
- Sturm überraschte fünfköpfige SUP-Gruppe, Vermisste trugen keine Schwimmwesten
- Sturmböen erreichten 78 km/h, Warnung 72 Minuten vor stärkster Böe ausgegeben
Der Walensee wurde für sie am Donnerstag vermutlich zur Todesfalle. Noch immer werden zwei Männer (beide 32) vermisst. Hoffnungen, sie lebend zu finden, gibt es kaum.
Die Vermissten waren Teil einer fünfköpfigen Gruppe, die am vergangenen Donnerstag mit Stand-up-Paddel-Boards auf dem Wasser war und von einem Sturm überrascht wurde.
Vermisste sind zwei Männer
Zwei Personen aus der Gruppe konnten selbständig ans Ufer schwimmen, eine weitere wurde von der Seerettung in Sicherheit gebracht. Die beiden anderen werden seither vermisst.
Laut Polizei trugen die beiden Vermissten keine Schwimmwesten und konnten nicht gut schwimmen. Aufgrund der Ermittlungen geht die Polizei davon aus, dass sie während eines Sturms von ihren Stand-up-Paddel-Boards ins Wasser fielen und in der Folge ertranken.
Camper berichten von extremem Wind
Wie Blick am Freitag vor Ort erfuhr, fegten zum Unglückszeitpunkt extreme Windböen über den See. «So starken Wind habe ich hier in den letzten 50 Jahren noch nie erlebt», sagte René Marfurt (60). Er ist Saisoncamper auf dem Camping Gäsi in der Gemeinde Glarus Nord, von deren Seeufer aus die SUP-Gruppe gestartet sein soll.
«Der Wind wirbelte den Sand so stark auf, dass wir uns die Hand vor das Gesicht halten mussten, damit wir nichts in die Augen kriegten», sagte Camper Thomas Solci (41), der mit seinem Sohn Alessandro (9) am Seeufer sass, als die Sturmwarnlampen losgingen.
«Es gab eine Böenwalze»
Auf Blick-Anfrage erklärt Meteorologe Roger Perret von Meteo News die Wetterlage zum Unglückszeitpunkt genauer: «Es gab eine Böenwalze – und es passierte schlagartig.» Dabei handle es sich um eine Kaltfront – fast ohne Wolken – die kein Gewitter, sondern starken bis stürmischen Wind bringt.
Die nächstgelegene Messstation in Quinten SG habe zwischen 18.00 Uhr und 18.10 Uhr Böen von 19 km/h gemessen. «10 Minuten später waren es schon rund 78 km/h», sagt Perret und führt aus, dass man ab 75 km/h von Sturmböen spricht.
Ganz aus dem Nichts kamen die Sturmböen laut Perret aber nicht. Bereits am Donnerstagvormittag warnte Meteo News vor Veränderungen ab dem Nachmittag.
«Tückisch ist dabei vor allem das Überraschungspotenzial. Der Tag präsentiert sich zunächst hochsommerlich – sonnig, heiss und oft noch windschwach. Wer entspannt unter einem Baum oder einem Sonnenschirm verweilt oder sich im ‹kühlen› Nass abkühlt, könnte vom plötzlich auffrischenden Wind überrascht werden», hiess es wenige Stunden vor dem Unglück.
Sturmwarnung mit 90 Blitzen pro Minute
«Die erste relevante und gleichzeitig auch stärkste Sturmböe von 78 km/h wurde an unserer Messstation in Quinten um 18:20 Uhr gemessen – 72 Minuten nach Ausgabe der Sturmwarnung», sagt Regula Keller, Meteorologin bei Meteo Schweiz.
Die nationale Wetterbehörde ist zuständig für Warnungen sowie das Einschalten der Sturmlampen. Keller teilt auf Blick-Anfrage mit, dass Meteo Schweiz am Donnerstag um 17:08 Uhr die Sturmwarnung mit 90 Blitzen pro Minute für den Walensee ausgelöst habe – gültig ab 18 Uhr.
Sie erklärt: «Sturmwarnleuchten blinken in 2 Modi.» Bei rund 90 Mal pro Minute – wie am Donnerstag beim Walensee – handle es sich um eine Sturmwarnung, bei der Böen von über 61 km/h erwartet werden. Blinke die Sturmwarnung weniger oft, rund 40 Mal pro Minute, handle es sich um eine Starkwindwarnung mit Böen zwischen 46 und 61 km/h.
Besonderheiten des Walensees
Angesprochen auf die Wetter-Besonderheiten des Walensees sagt Roger Perret von Meteo News: «Der Walensee kanalisiert die Westwinde, die sich im engen Tal verstärken.» Bei Kaltfronten seien die Böen stärker als im Flachland. Der Meteorologe fügt an: «Zudem gibts auch bei grossen Druckunterschieden zwischen Norden und Süden (höherer Druck im Süden) teils stürmischen und böigen Föhn.»
Das bestätigt das Gefühl von Saisoncamperin Erika Rhyner (59). Von ihrem Zelt aus sieht sie direkt auf den Walensee. Am Freitag sagte sie zu Blick: «Der Walensee ist ein wilder See.» Immer wieder beobachte sie, wie Leute trotz Sturmwarnung seelenruhig ins Wasser gehen. «Viele unterschätzen die Gefahr», so Rhyner.