Darum gehts
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Bald zählt die Solothurner Gemeinde Derendingen ein Traditionsgeschäft weniger: Die Herrenmode-Boutique Levy Picard an der Bahnhofstrasse 13 schliesst Ende März 2027 für immer ihre Türen – nach 128 Jahren. Für das Inhaberpaar Roland (56) und Rebekka Sauser (47) sind es keine einfachen Tage.
Über 40 Jahre lang führte Roland Sausers Onkel den 1898 gegründeten Betrieb. Sauser selbst absolvierte einst seine Lehre bei Levy Picard, wie er Blick erzählt. 2010 übernahm er das Geschäft gemeinsam mit seiner Frau Rebekka. Seither führt das Ehepaar die 240 Quadratmeter grosse Modeboutique.
Hitzesommer ohne Klimaanlage
«Die Gründe für das Aus sind vielfältig», sagt Sauser zu Blick. Einer davon ist besonders ungewöhnlich: die fehlende Klimaanlage. «Der vergangene Sommer hat uns gezeigt, dass ein Geschäftsbetrieb ohne eine solche künftig kaum mehr möglich ist.» Die Hitze machte die Arbeit im Laden zur Tortur. «Es war fast nicht machbar», erinnert sich Sauser an die Tage, an denen das Thermometer über 30 Grad kletterte. Hinzu kommt, dass demnächst sämtliche Arbeitsverträge der Angestellten auslaufen. Auch die wachsende Konkurrenz durch den Onlinehandel setzte dem Betrieb zu.
Um das Geschäft weiterzuführen, wären grössere Investitionen nötig. Für das Ehepaar rechnet sich das nicht mehr. «Deshalb haben wir uns schweren Herzens für die Schliessung entschieden.»
«Da sind auch Tränen geflossen»
Leicht fiel Sauser der Entscheid nicht: «Es ist traurig, dass nun so eine lange Geschichte zu Ende geht. Das tut weh. Da sind bei mir auch schon Tränen geflossen.» Es sei aber der richtige Schritt, ist der Geschäftsführer überzeugt.
Besonders schmerzt ihn der Abschied von den rund 2000 Stammkundinnen und Stammkunden. Am heutigen Samstag wurden sie über das Aus informiert. Manche halten dem Geschäft seit Jahrzehnten die Treue. Ein heute 90-Jähriger etwa erzählte Sauser, dass er schon vor 70 Jahren seinen Hochzeitsanzug bei Levy Picard gekauft habe. «Solche Begegnungen berühren uns sehr.» Ein anderer Kunde habe angekündigt, sich vor der Schliessung gleich für die nächsten zehn Jahre einzudecken, erzählt Sauser.
Gelegenheit dazu bietet sich bald: Am Dienstag, 10. November, beginnt der grosse Ausverkauf. Um möglichst alles loszuwerden, bietet Sauser seine Ware mit Rabatten von 30 bis 50 Prozent an.
Immerhin: Die Lernende des Betriebs habe bereits einen neuen Arbeitgeber gefunden. Wie es für ihn selbst weitergeht, weiss Sauser noch nicht: «Ich bin offen für alles. Mal schauen, was sich ergibt.»
«Überlegt euch, wo ihr euer Geld ausgebt»
Das Aus von Levy Picard steht exemplarisch für den wachsenden Druck auf den Schweizer Detailhandel. Gerade kleinere Fachgeschäfte kämpfen mit steigenden Kosten und der Konkurrenz aus dem Internet.
Sauser ärgert sich über die Folgen des Onlinebooms. «Die Wertschöpfung entsteht ausserhalb der Schweiz», sagt er. Vielen sei gar nicht bewusst, dass ihr Geld beim Online-Einkauf meist ins Ausland fliesst. Zum Abschied richtet er deshalb einen Appell an die Kundschaft: «Ich würde mir wünschen, dass man bewusster darüber nachdenkt, wo man sein Geld hingibt.»