Lehrerin von Rupperswil-Opfer spricht über Vierfachmord
«Ich habe ganz lange jede Nacht alle Rollläden geschlossen»

Anne Gully war zur Tatzeit Bezirksschullehrerin im Kanton Aargau und unterrichtete die Klasse des 13-jährigen Opfers. Heute blickt sie auf über 25 Jahre Erfahrung zurück und verarbeitet den Fall in ihrem Podcast «Let’s Talk About Sek» in einer mehrteiligen Reihe.
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Die Opfer: Carla Schauer (†48) mit ihren Söhnen Davin (†13) und Dion (†19, vorn).
Foto: zVg

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • Der Vierfachmord von Rupperswil 2015 erschütterte die Schweiz zutiefst
  • Klassenlehrerin Anne Gully spricht von einem Wendepunkt in ihrer Karriere
  • Sitzplatz des Opfers blieb drei Jahre unbesetzt, als stilles Gedenken
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Gina Grace ZurbrüggRedaktorin News

Der Vierfachmord von Rupperswil AG im Dezember 2015 zählt zu den schwersten Gewaltverbrechen der jüngeren Schweizer Kriminalgeschichte. Der Täter drang in ein Wohnhaus ein, erpresste die Mutter, missbrauchte den jüngsten Sohn und tötete schliesslich vier Menschen, bevor er das Haus in Brand setzte. Erst im Mai 2016 wurde er festgenommen.

«Eine Zäsur im Lehrersein»

Die damalige Klassenlehrerin Anne Gully beschreibt die Ereignisse im Podcast «Let’s Talk About Sek» nun als tiefen Einschnitt in ihr Berufsleben: «Wenn ich jetzt an meine Karriere denke, gibt es eine Zeit vorher und es gibt eine Zeit nachher. Die Tat war für mich wie eine Zäsur in meinem Lehrersein.» Besonders schwierig sei gewesen, dass der Schulalltag trotz der Tragödie weitergeführt werden musste. «Ich habe ganz lange jede Nacht alle Rollläden geschlossen», sagt sie und schildert anhaltende Angst auch im privaten Alltag, wie die «Aargauer Zeitung» zuerst berichtete.

Die Schule habe sich plötzlich nicht mehr wie ein geschützter Raum angefühlt, sondern wie ein Ort, an dem das Unfassbare geschehen sei. Pädagogische Routinen hätten kaum Halt geboten. «Ich dachte nur: Was würde ich als Mama machen?»

«Der Sitzplatz ist drei Jahre nachher frei geblieben»

Im Podcast ordnet der Psychotherapeut Allan Guggenbühl die Situation als extreme Krisenerfahrung ein. Solche Taten seien für Schulen nur schwer fassbar und führten oft zu Sprachlosigkeit.

Anne Gully beschreibt zudem die langfristige Belastung im Schulalltag. Der Sitzplatz des verstorbenen Schülers blieb über Jahre unbesetzt «Der Sitzplatz ist drei Jahre nachher frei geblieben. Das war eine Tabuzone für alle.» Gleichzeitig sei dieses stille Gedenken für sie auch Ausdruck von Verbundenheit gewesen.

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