Darum gehts
Michel Wettstein (61) ist traurig und fassungslos. Vor drei Wochen ist sein Vater Kurt (†83) in seiner Wohnung verstorben – hilflos und allein, weil die Spitex möglicherweise ihre eigenen internen Richtlinien nicht befolgt hat.
Hätte die Spitex nach ihrem eigenen Protokoll gehandelt, könnte sein Vater vielleicht noch leben, ist Sohn Michel Wettstein überzeugt. «Ich möchte niemanden an den Pranger stellen», betont der ehemalige Blick-Fussball-Reporter. «Ich will nur, dass die Abläufe bei der Spitex optimiert werden!» Doch von Anfang an.
Bei einem Sturz Anfang 2026 bricht sich Wettsteins Vater das Bein. Als Kurt Wettstein am 10. März aus dem Spital entlassen wird, braucht er Hilfe und soll von der Spitex Zürich-Altstetten betreut werden. Doch schon beim ersten Spitex-Besuch am 13. März macht der Senior die Tür nicht auf. «Damals reagierte die Spitex vorbildlich», sagt Michel Wettstein.
Sie kontaktiert den Sohn, der sofort zu seinem Vater fährt und die Tür öffnet. Sie finden ihn bewusstlos vor. Sein Vater wird ins Spital gebracht. Dort angekommen, wird festgestellt, dass er sich beim zweiten Sturz das andere Bein gebrochen hat.
Kurt Wettstein erholt sich von diesem Vorfall erstaunlich gut. Nach einigen Wochen kommt er aus der Klinik nach Hause. Die Spitex besucht ihn regelmässig. Auch sein Nachbar, der einen Zweitschlüssel besitzt, hilft, wo er kann.
Nachbar hätte helfen können
Doch dann der schicksalhafte Tag am 30. Juli: Eine Spitex-Mitarbeiterin steht vor der Tür von Kurt Wettstein. Wieder öffnet der Vater nicht. Sie ruft Michel Wettstein an, doch der Sportreporter steckt mitten in einer Pressekonferenz. Er erkennt die unbekannte Nummer nicht, nimmt kurz ab und flüstert, ohne eine Antwort abzuwarten: «Bitte rufen Sie mich später nochmals an.»
Weil kein Rückruf erfolgt und auch eine Textnachricht ausbleibt, glaubt Wettstein an einen Werbeanruf. Er hält zudem fest, dass die Telefonnummer nicht als Spitex erkennbar war: «Ansonsten hätten bei mir alle Alarmglocken geklingelt.»
Am Folgetag beginnt der Horror: «Die Spitex rief mich kurz vor Mittag an und sagte, dass sie gestern und heute an der Tür meines Vaters geläutet hätten und niemand aufgemacht habe.»
Wettstein ruft den Nachbarn seines Vaters an. Dieser soll nachschauen, was los ist.
Vater lebte wahrscheinlich noch
In der Wohnung findet der Nachbar den Vater Kurt Wettstein in seinem Bett liegend vor: «Der Nachbar rief mich an und sagte, ich solle dringend kommen», so Michel Wettstein.
Über das, was danach passierte, spricht der Sohn im Gespräch mit Blick nur wenig. Er betont jedoch: «Laut der Totenbescheinigung ist klar erkennbar, dass mein Vater noch lebte, als die Spitex am 30. Juli das erste Mal bei ihm an der Tür war.»
Das unschöne Ende hätte verhindert werden können, sagt Wettstein: «Eigentlich hätte es am 30. Juli nur eine SMS gebraucht, damit ich alles stehen und liegen lasse und hinfahre.» Die Vorgeschichte seines Vaters sei bekannt gewesen und hätte die Spitex alarmieren sollen.
Eigenes Protokoll nicht eingehalten
Nur geschah dies nicht. «Eigentlich sind Mitarbeiter der Spitex dazu angehalten, die Polizei zu informieren, wenn sich Patienten nicht auf Klingel- und Klopfzeichen melden und bis abends nicht erreichbar sind. Das verlangt das Protokoll in solchen Fällen», sagt Wettstein mit Verweis auf ein Gespräch mit der Spitex.
Sprich: Die Spitex folgte an jenem schicksalhaften Tag, aus Wettsteins Sicht, ihren selbst auferlegten Richtlinien nicht. Wettstein kann nur mutmassen, weshalb es dazu kam: «Offensichtlich wurde die Lage falsch eingeschätzt.»
Spitex wehrt sich
Die Spitex Zürich-Altstetten erklärt das Vorgehen folgendermassen, ohne auf den konkreten Fall einzugehen: «Öffnet eine Kundin oder ein Kunde bei einem geplanten Einsatz die Tür nicht, versuchen die Mitarbeitenden, Kontakt aufzunehmen. Anschliessend schätzen sie die Situation aufgrund der verfügbaren Informationen und des bisherigen Pflegeverlaufs ein.» Beispielsweise könnten Angehörige angerufen werden.
Eine verschlossene Tür bedeute aber nicht automatisch, dass ein Notfall vorliege: «Deshalb beurteilen die Mitarbeitenden jede Situation individuell. Bestehen Hinweise auf einen möglichen Notfall, leiten sie die notwendigen Schritte ein. Dazu kann auch gehören, die Polizei zu kontaktieren.»
Beides sei im Fall seines Vaters nicht geschehen, wie Wettstein sagt. Sein Wunsch nun: «Mir ist einfach wichtig, dass so etwas nie mehr passiert.» Wenn er mit der Geschichte seines Vaters dazu beitragen könne, dass die Abläufe sicherer, zeitgemässer und professioneller würden, wäre er froh: «Wenn es nur ein Leben rettet, wäre das für mich ein Erfolg.»