«Kriminell, inakzeptabel, wahnwitzig»
Diese Schulwege sind gefährlich wie in einem Computerspiel

An der Rütistrasse in Hombrechtikon ZH brausen täglich 9000 Autos an den Schulkindern vorbei. Eltern schlagen Alarm. Die Gemeinde plant zwar Massnahmen, hat es aber nicht eilig.
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An der Kronenkreuzung in Hombrechtikon ZH treffen täglich Tausende Autos auf Kinder. (Symboldbild)
Foto: Shutterstock

Darum gehts

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Conny Schmid
Beobachter

Aus der Luft wirkt die Kronenkreuzung in Hombrechtikon harmlos: Vier Strassen treffen sich, Stoppschilder und Markierungen sind deutlich sichtbar. Doch am Boden herrscht Chaos: Die Häuser stehen dicht an der Fahrbahn, wer abbiegen will, muss um die Ecke spähen. Die Autofahrenden lehnen sich übers Lenkrad und recken die Hälse.

Die Kreuzung ist eine der gefährlichsten der Region, ein kantonaler Unfallschwerpunkt. Und ausgerechnet hier steht das Primarschulhaus Altes Dörfli. Viele Kinder müssen zwischen diesem und dem Schulhaus Neues Dörfli auf der anderen Seite der Kreuzung pendeln. Dieser Schulweg ist kein Abenteuer, sondern schlicht gefährlich.

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«Kriminell», «inakzeptabel», «wahnwitzig»

«Es ist unverständlich, dass es hier keine Ampeln gibt oder andere Massnahmen zum Schutz der Fussgänger und Velofahrer ergriffen wurden», sagt Marcel Vogel. Er hat die Kronenkreuzung auf Schulweg.ch als Gefahrenstelle markiert. Das Ziel dieser vom Beobachter mitinitiierten Plattform: gefährliche Schulwege sichtbar machen, damit Gemeinden handeln.

Marcel Vogel lebt in Hombrechtikon und hat selbst Kinder. Seinen richtigen Namen möchte er nicht im Beobachter lesen. «Es geht mir um die Sache, ich will nicht als Nestbeschmutzer rüberkommen», sagt er. Das Risiko besteht, denn er hat acht weitere Gefahrenstellen markiert. Und bei der Wortwahl war er nicht zimperlich: «Kriminell», «inakzeptabel» oder «wahnwitzig» findet er die eingetragenen Orte.

Bis auf eine liegen alle Stellen an der Rütistrasse, einer kurvigen Durchgangsstrasse, die das Dorf teilt und an der Kronenkreuzung endet. Rund 9000 Fahrzeuge brausen täglich hier durch. Diese Strasse müssen viele Kinder irgendwie überqueren, um zu den Schulhäusern zu gelangen.
«Das Ganze erinnert mich an das Computerspiel ‹Frogger›», sagt Vogel. In dem Game von 1981 überquert man als Frosch eine stark befahrene Strasse und muss höllisch aufpassen, im richtigen Moment zu hüpfen, um nicht überfahren zu werden.

Die Gefahr lauert an vielen Ecken

In Hombrechtikon gibt es so eine Stelle etwa bei der Post: Hier verdecken wartende Busse die Sicht auf den Zebrastreifen. Die kurze Einspurstrecke zum Migros-Parkplatz verschärft das Tohuwabohu. Zu allem Übel teilen sich Fussgänger den engen Raum auch noch mit Velofahrenden.

Nicht viel besser ist es weiter unten beim Volg: Ein Zebrastreifen liegt direkt hinter einer Kurve, der andere führt über einen Parkplatz und eine zu schmale Mittelinsel. «Bei viel Verkehr wird es hier schnell unübersichtlich», sagt Marcel Vogel.

So werden Schulwege sicherer

Die Plattform Schulweg.ch ist ein gemeinsames Projekt des Vereins Moveable, der Organisation Fussverkehr Schweiz und des Beobachters. Auf einer interaktiven Karte können Nutzerinnen und Nutzer Stellen markieren, die sie für Schulkinder als gefährlich erachten. Gemeinden und Schulen erhalten so Anhaltspunkte für Verbesserungen.

Sie selbst können auf der Plattform proaktiv sicherheitsrelevante oder praktische lokale Informationen publizieren. Ausserdem finden sie bei Bedarf fachliche Unterstützung und können sich beraten lassen.

Aktuell gibt es 72 Einträge auf Schulweg.ch. Sechs Gemeinden oder Schulverbände arbeiten bereits mit der Plattform zusammen.

Die Plattform Schulweg.ch ist ein gemeinsames Projekt des Vereins Moveable, der Organisation Fussverkehr Schweiz und des Beobachters. Auf einer interaktiven Karte können Nutzerinnen und Nutzer Stellen markieren, die sie für Schulkinder als gefährlich erachten. Gemeinden und Schulen erhalten so Anhaltspunkte für Verbesserungen.

Sie selbst können auf der Plattform proaktiv sicherheitsrelevante oder praktische lokale Informationen publizieren. Ausserdem finden sie bei Bedarf fachliche Unterstützung und können sich beraten lassen.

Aktuell gibt es 72 Einträge auf Schulweg.ch. Sechs Gemeinden oder Schulverbände arbeiten bereits mit der Plattform zusammen.

Was auffällt: Viele fahren zügig durchs Dorf. Kinder unter zehn Jahren können Geschwindigkeiten und Distanzen aber schlecht einschätzen und erkennen oft nicht, aus welcher Richtung ein Geräusch kommt.

Dominik Bucheli, Geograf und Projektleiter bei Fussverkehr Schweiz, hat die auf Schulweg.ch markierten Stellen geprüft. Sein Fazit: «Einige sind wirklich problematisch.» Insgesamt wirke die ganze Strasse sanierungsbedürftig. «Sie ist in die Jahre gekommen. Heute würde man vieles nicht mehr so bauen.»

Kreisel, Tempo 30, Velostreifen – vielleicht

Immerhin: Die Gemeinde hat die Probleme erkannt. An der Kronenkreuzung helfen seit dem letzten Schuljahr Lotsen. Ausserdem hat der Gemeinderat einen alternativen Schulweg festgelegt, der die Kreuzung umgeht.

Gemeinsam mit dem Kanton plant die Gemeinde auch bauliche Verbesserungen, denn die Rütistrasse ist eine Kantonsstrasse. Laut Vorprojekt sollen etwa Bushaltestellen verlegt, neue Mittelinseln und Velostreifen gebaut werden. Für die Kronenkreuzung ist ein Grosskreisel im Gespräch, und im Dorfzentrum soll künftig Tempo 30 gelten. Im Frühjahr verabschiedete der Gemeinderat zudem ein Gesamtverkehrskonzept für das ganze Dorf, auch mit Blick auf die Schulwege.

Welche Massnahmen an der Rütistrasse wirklich umgesetzt werden und vor allem wann, kann jedoch niemand sagen. Das Projekt befinde sich in der «finalen Erarbeitung», bauliche Details und Zeitplan könne man erst nach Abschluss dieser Phase kommunizieren, heisst es beim Kanton.

Bis die Bagger auffahren, vergehen noch Jahre. «Ich finde, es braucht Sofortmassnahmen», sagt Marcel Vogel. Verkehrsexperte Dominik Bucheli von Fussverkehr Schweiz stimmt zu: «Manchmal reicht es, eine Hecke zu schneiden oder ein paar Poller aufzustellen. Da Strassenbauprojekte Zeit benötigen, können weitere Lotsen oder Schulwegbegleitungen eine Übergangslösung sein.»

Gemeinde schiebt Verantwortung auf Eltern

Die Gemeinde sieht hingegen keinen akuten Handlungsbedarf. «Wir nehmen Meldungen zur Schulwegsicherheit ernst. Aber das Sicherheitsempfinden ist auch subjektiv», sagt der zuständige Gemeinderat Christian Walliker. Zu Schulbeginn würden jeweils Plakate aufgestellt, ausserdem sei die Kantonspolizei präsent, um Autofahrer zu sensibilisieren und Kinder anzuleiten. In erster Linie seien die Eltern verantwortlich, dass Kinder den Schulweg bewältigen können.

Marcel Vogel hat dafür kein Verständnis: «Die Mängel wurden ja erkannt. Es muss wohl zuerst ein Kind angefahren werden, bevor man etwas unternimmt.»

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