«Ohne Schulhaus fällt der Weiler auseinander»
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Anwohner fürchte um Zukunft:«Ohne Schulhaus fällt der Weiler auseinander»

Schule wird zum Gerichtsfall
«Es war ein Schock»

Das Schulhaus Unterbach in Hinwil ZH soll geschlossen werden. Die Anwohner versuchen alles, um dies zu verhindern. Ihre letzte Hoffnung: Das Bundesgericht – und eine Abwahl des Schulpräsidenten.
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Schülerinnen und Schüler in Unterbach: Ihr Schulhaus soll geschlossen werden.
Foto: Raphaël Dupain

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • Das Schulhaus Unterbach soll im Juli geschlossen werden
  • Die Schulpflege Hinwil begründet dies mit hohen Kosten
  • Die Anwohner wehren sich juristisch und politisch
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Würde man eine Rangliste der am schönsten gelegenen Schulhäuser der Schweiz erstellen, jenes in Unterbach in der Zürcher Oberländer Gemeinde Hinwil wäre vorne mit dabei. Am Bachtel-Südhang auf 860 Meter über Meer steht es inmitten von grünen Hügeln, vom Pausenplatz aus eröffnet sich eine atemberaubende Aussicht auf die Gipfel der Alpen, tief unten liegt der Zürichsee.

17 Kinder gehen derzeit in Unterbach zur Schule. Mit dem öffentlichen Verkehr ist der Weiler nicht erschlossen, die Mehrheit der Schüler lebt in einem der auf den Hängen verstreuten Höfe und Häuser und legt den Schulweg zu Fuss zurück. Doch am Freitag, 10. Juli 2026, soll in Unterbach der letzte Schultag sein – für immer. Die Schulpflege Hinwil hat entschieden, das seit über 170 Jahren bestehende Schulhaus auf Ende des Schuljahrs zu schliessen.

«Es war ein Schock»

Sandra Eichenberger (45), deren Tochter Runa (9) die Schule Unterbach besucht, erinnert sich an den Tag Anfang 2025, als sie in der Schul-App Escola die Nachricht öffnete, mit der die Schulpflege die betroffenen Eltern über die Schliessung informierte. «Es war ein Schock», sagt Eichenberger. «Und ich verstehe den Entscheid bis heute nicht.»

Ueli Zumbach (38) geht es genauso. Der Vater von zwei Söhnen im Vorschulalter wohnt in Sichtdistanz zum Schulhaus und sagt: «In den Sechzigern ist mein Vater hier zur Schule gegangen, in den Neunzigern ich. Und es war für mich immer klar, dass auch meine Kinder einmal dort eingeschult würden.» Schliesst das Schulhaus Unterbach, werden sie den Schulweg nicht wie ihr Vater und Grossvater zu Fuss zurücklegen können – das nächste Schulhaus liegt 3,6 Kilometer entfernt.

Schulpflege spricht von hohen Kosten

Die Begründung für die Schliessung: Das Gebäude sei sanierungsbedürftig, es sei mit Kosten von über 700’000 Franken zu rechnen. Zudem würden die Schülerzahlen im Einzugsgebiet tendenziell sinken. Und generell sei die Führung einer einzelnen Primarklasse für alle Altersstufen so ressourcenintensiv wie keine andere Schulform.

Heinz Egli (61) wohnt gleich gegenüber dem Schulhaus und engagiert sich zusammen mit anderen Anwohnern in der IG Schule Unterbach, die für den Erhalt des Schulhauses kämpft. Egli sass bis 2010 selber in der Schulpflege. Schon während seiner Amtszeit sei eine Schliessung des Schulhauses ein Thema gewesen, sagt er zu Blick. «Doch diese konnten wir abwenden, indem wir in Unterbach die erste Tagesschule von Hinwil einrichteten.»

Damit war es möglich, die Klasse mit Kindern aus dem Dorf zu füllen, wenn die Zahl der Schüler aus dem Einzugsgebiet am Bachtel gering war. «Das hat bestens funktioniert. Es gab sogar eine Warteliste.» Zudem, sagt Egli, habe man in Unterbach jeweils gezielt auch Schüler platzieren können, die in einem anderen Umfeld auf sonderpädagogische Massnahmen angewiesen gewesen wären. «Dadurch hat die Schule Hinwil über die Jahre gesehen Hunderttausende Franken gespart.»

«Es wird in Wirklichkeit teurer»

Die Argumente der Schulpflege für die Schliessung weist die IG Schule Unterbach zurück: Die Kosten für die Sanierung seien massiv zu hoch gegriffen. Eine Offerte, die sie auf eigene Faust einholte, beziffert sie auf lediglich 287’000 Franken. Und die Zahl der Schüler im Einzugsgebiet sei so hoch wie nie seit 40 Jahren – und werde in nächster Zeit nicht sinken, sondern weiter steigen.

Die Schulpflege, die wegen von der Schulgemeindeversammlung abgelehnter Steuererhöhungen unter Druck sei, wolle mit Unterbach ein Exempel statuieren, sie wolle zeigen, dass sie auch unangenehme Einschnitte vornehme, um Kosten zu reduzieren, sagt Egli. Das Problem aber sei: «Mit der Schliessung lässt sich zwar Sparwille demonstrieren, aber es lässt sich nicht sparen. Wegen der entstehenden Folgekosten für Transport und Schulraum wird es in Wirklichkeit teurer.»

Die Differenzen zwischen der Schulpflege und den Einwohnern von Unterbach beschränken sich jedoch nicht auf inhaltliche Fragen. Vor allem geht es um die Art des Umgangs. Sandra Eichenberger sagt: «Die Schulpflege hat nie versucht, uns den Entscheid richtig zu erklären.» Zu Gesprächen seien die Verantwortlichen nur widerwillig bereit gewesen. «Wir fühlten uns nie ernst genommen.» Ähnlich erlebt es Heinz Egli: «Die Schulpflege versteckt sich hinter Formalitäten, hinter Paragrafen – es fehlt ihr an Gespür, an Menschlichkeit.»

Petition, Initiative, Rekurs

Die Anwohner haben seit Anfang des letzten Jahrs eine Menge unternommen, um die Schliessung noch zu verhindern. Auf einer eigenen Website und in den sozialen Medien veröffentlichten sie Videos, in denen sie erklären, warum die Schule weiterbestehen müsse. Sie sammelten Hunderte Unterschriften für eine Petition für den Erhalt des Schulhauses. Dann gab es da eine Einzelinitiative, die eine Abstimmung der Schulgemeindeversammlung über die Schulschliessung forderte. Die Schulpflege erklärte sie für ungültig, weil der Entscheid in ihrer eigenen Kompetenz liege.

Auch setzten die Anwohner auf juristische Mittel: Zwei Personen legten beim Bezirksrat Rekurs gegen den Schliessungsbeschluss ein. Der wies diesen zurück – die Einsprecher seien nicht rekursberechtigt, weil ihre Kinder die betreffende Schule nicht besuchten. Die Rekurrenten wandten sich ans Verwaltungsgericht, unterlagen erneut.

Jetzt liegt der Rekurs beim Bundesgericht. In Lausanne VD wird nun zuerst über die Frage entschieden, ob er eine aufschiebende Wirkung besitzt. Kürzlich ist beim Bezirksrat auch noch eine Aufsichtsbeschwerde gegen die Schulpflege eingegangen – sie moniert, die betroffenen Eltern seien nicht über die Rechtsmittel informiert worden, die sie gegen den Schliessungsentscheid ergreifen können.

«Wir ahnten, dass der Widerstand heftig wird»

Schulpräsident Thomas Ludescher (59) sagt zu Blick, der Entscheid, den Unterricht im Schulhaus Unterbach einzustellen, sei aus «finanziellen, infrastrukturellen und organisatorischen Gründen» gefallen. Zwar wolle er sich nicht auf eine konkrete Summe festlegen, doch die Einsparung werde rund 300’000 Franken pro Jahr betragen – was immerhin ein Steuerprozent ausmache. Den Vorwurf der Anwohner, die Schulpflege habe ihnen das Gespräch verweigert, weist er zurück, man sei immer zum Dialog bereit gewesen.

Dass die Schliessung auf Widerstand stosse, sei verständlich, so Ludescher weiter. «Wir hätten zwar nicht gerade erwartet, dass die Sache vor Bundesgericht landet, aber wir ahnten, dass es heftig wird.» Die Meinungsverschiedenheiten mit den Anwohnern seien eine natürliche Folge der unterschiedlichen Perspektiven. «Für sie ist das Schulhaus Unterbach eine Herzensangelegenheit. Die Schulpflege aber muss an das Interesse der Gesamtschule denken.» Hier gehe es um aktuell 17 Kinder, doch in Hinwil müsse man sich um das Wohl aller insgesamt rund 1250 Schülern kümmern. Ludescher: «Aus der Bevölkerung erfährt die Schulbehörde auch viel Verständnis für die Schliessung.»

Schulpräsident muss sich Kampfwahl stellen

Am 12. April sind in Hinwil Gemeindewahlen, Thomas Ludescher stellt sich zur Wiederwahl. Aus Unterbach dürfte er nicht viele Stimmen bekommen. In den Lokalzeitungen erscheinen Leserbriefe, die mit Verweis auf die geplante Schulschliessung von seiner Wahl abraten. Der parteilose Ludescher wird von allen Ortsparteien von den Grünen bis zur FDP unterstützt – ausser von der SVP. Sie schickt mit Felix Honegger (56) einen von aussen kommenden Gegenkandidaten ins Rennen. «Für mehr Vertrauen in die Schulen von Hinwil» steht auf seinen Wahlplakaten.

Zu Blick sagt Honegger, im Umgang mit Unterbach sei kommunikativ vieles schiefgelaufen. «Die Schulpflege hat es verpasst, die Betroffenen im Vorfeld ins Boot zu holen und gemeinsam mit ihnen nach möglichen Lösungen zu suchen.» Werde er Schulpräsident, würde er die Sache noch einmal anschauen. «Doch ich gehe davon aus, dass ich – wenn ich denn gewählt werde – zu spät komme.»

Dass der 10. Juli der für immer letzte Schultag in Unterbach sein wird, ist tatsächlich das wahrscheinlichste Szenario. Verhindern kann es lediglich das Bundesgericht, wenn es dem laufenden Rekurs die aufschiebende Wirkung zuspricht – und damit die Behörden zwingt, die Schliessung zu vertagen. Darauf hoffen die Anwohner nun. Und zugleich darauf, dass Ludeschers Herausforderer ins Amt kommt – und dieser dann dafür sorgen wird, dass die Schliessung nicht nur aufgeschoben, sondern abgeblasen wird.

«Der einzige Ort zum Fussballspielen»

Kommt es anders, wäre dies ein harter Schlag für Unterbach. Nicht nur, weil die Kinder in andere Schulhäuser gefahren werden müssten, statt zu Fuss zu gehen, sondern vor allem, weil der Zusammenhalt der Ortsgemeinschaft schwinden könnte, wenn die Schule als Treffpunkt wegfällt.

Den Kindern droht der Verlust ihres einzigen Spielplatzes, falls das geschlossene Schulhaus an Private verkauft wird. Sandra Eichenberger: «Der Pausenplatz ist die einzige flache Stelle hier oben. Es gibt keinen anderen Ort, wo die Kinder Fussball spielen können.» Schulpräsident Ludescher kennt auch dieses Argument. Er sagt: «Es ist nicht die Aufgabe der Schulgemeinde, öffentliche Spielplätze und Treffpunkte für die Anwohner zur Verfügung zu stellen.»

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