Dörfer kämpfen mit niedrigen Geburtenraten
Wenn die Schule im Dorf schliessen muss

Schweizerinnen und Schweizer haben immer weniger Kinder – mit spürbaren Folgen. In ländlichen Gebieten kämpfen Schulen und Kindergärten ums Überleben.
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Diverse Schulen haben die Schliessung angekündigt oder mussten bereits dichtmachen. Im Bild: Melchtal OW, Bericht vom Januar 2025.
Foto: Sven Thomann

Darum gehts

  • Melchtal plant wegen der tiefen Geburtenrate eine Schulschliessung
  • Gemeinden locken Zuzügler mit Prämien, um Schulen zu retten
  • Bis 2034 werden gemäss Prognosen auf der Primarstufe rund 52'000 Kinder weniger zur Schule gehen
Die künstliche Intelligenz von Blick lernt noch und macht vielleicht Fehler.
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Jeremy GoyRedaktor

Eine Gemeindemitteilung schreckt ein Dorf auf: «Rückläufige Geburtenzahlen – die Gemeinde Kerns beabsichtigt Schliessung der Aussenschule Melchtal.» Die Schule, die zurzeit rund 50 Schülerinnen und Schüler bis zur 6. Klasse unterrichtet, soll auf Ende des Schuljahrs 2026/27 schliessen.

Für Karin Rohrer, die in Melchtal OW wohnhaft ist, eine böse Überraschung. «Wir wurden völlig überrumpelt. Das Thema wurde zuvor nie aufgegriffen. Wir sind sprachlos», sagt sie. Im Jahr 2018 habe es noch eine Infoveranstaltung gegeben, wobei die Stärkung der Schule im Mittelpunkt gestanden hätte. Es sei ein Schock für alle.

Die Folgen der rückläufigen Geburtenrate sind in vielen Gemeinden spürbar. In den letzten Monaten und Jahren haben diverse Schulen ihre Schliessung angekündigt – oder ihre Türen bereits für immer zugemacht. Neben Melchtal wurde zuletzt etwa über eine Schulschliessung in Schlosswil BE und Altishofen LU entschieden. Ebenfalls betroffen sind Kitas und Kindergärten. Die Bilanz seit 2020: minus 18 Kindergärten alleine im Kanton Zürich.

Historischer Tiefstand

Mit einer durchschnittlichen Kinderzahl von 1,29 pro Frau erreicht die Schweiz den niedrigsten Wert seit Beginn der Aufzeichnungen. Die Gründe für die tiefe Geburtenrate sind vielfältig. Gemäss dem Bundesamt für Statistik (BFS) spielen Faktoren wie die eingeschränkte Lebensfreude, unsichere Berufsaussichten sowie die finanzielle Situation eine bedeutende Rolle.

Die Schweiz steht also vor einem deutlichen demografischen Einschnitt: Bis 2034 werden gemäss Prognosen auf der Primarstufe rund 52'000 Kinder weniger zur Schule gehen – ein Rückgang von 7 Prozent.

Auswirkungen auf das Dorfleben

Karin Rohrer lebt mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern in Melchtal, einem Tal, das zur Gemeinde Kerns gehört. Die jüngere Tochter besucht die dritte Klasse, die ältere die sechste. Besonders die Situation ihrer jüngeren Tochter bereite ihr Sorgen: Nach einer Schliessung müsste das Mädchen alleine mit dem Bus nach Kerns fahren, ein Mittagessen zu Hause wäre zeitlich nicht mehr möglich und der dortige Mittagstisch sei bereits jetzt mit der Kapazität am Limit. Die Gemeinde kenne die Herausforderungen und arbeite derzeit an Lösungen, wie auf der Gemeindeseite zu entnehmen ist.

«Das Dorfleben wird sterben.» Da ist sich Rohrer sicher. Denn die Schule sei das Einzige, was zurzeit das Dorf noch beleben würde. Alle Dorfaktivitäten, die mehrheitlich durch die Schule organisiert werden, würden wegfallen. Auch für Zuzüger sei das Dorf nach einer Schliessung nicht mehr attraktiv. So habe Rohrer von anderen Bewohnerinnen und Bewohnern gehört, dass sie unter anderem wegen der Schule nach Melchtal gezogen seien. Diese würden sich nun überlegen, wieder wegzuziehen.

Hohe Immobilienpreise verstärken Trend

Die niedrige Geburtenrate beschäftigt also auch Kerns. Dies dürfte neben der gesellschaftlichen Veränderung auch mit den gestiegenen Immobilien- und Mietzinspreisen zusammenhängen, erklärt Gemeindepräsident Beat von Deschwanden.

In vielen Gemeinden wird die tiefere Geburtenrate durch Neuzuziehende kompensiert. In Kerns bestehe aber eine andere Ausgangslage, wie die Gemeinde schreibt. So wolle man kein weiteres Bauland einzonen, da dies zu einem grösseren Verkehrsaufkommen führen würde. Hinzu komme, dass nur noch wenig unverbautes Bauland in Kerns zur Verfügung stehe.

Rückgang der Schülerzahlen auf 15

Betroffen ist auch die Gemeinde Altishofen, die ebenfalls die niedrige Geburtenrate als ausschlaggebend für die Schliessung der Schule Ebersecken sieht. Die Schule musste bereits vergangenes Jahr die Vorhänge ziehen. Die Schliessung sei notwendig geworden, da die Schülerzahlen von Kindergarten und Basisstufe bis 6. Klasse in den letzten Jahren massiv gesunken sei, schreibt die Gemeinde.

Im Jahr 2016 besuchten noch rund 50 Kinder die Schule. Hätte sie weiterbetrieben werden sollen, hätte die Gemeinde für das Schuljahr 2027/28 mit lediglich 15 Kindern gerechnet. Verschiedene Modelle seien geprüft worden. Diese habe man jedoch aus «ökonomischen», «pädagogischen» und «organisatorischen Gründen» verwerfen müssen. Ebersecken sei ländlich, der Generationenwechsel schwer planbar und schwankend. Neue Quartiere dürften aus raumplanerischen Gründen nicht mehr entstehen. Zwar gebe es noch etwas Bauland, dieses werde jedoch nur zögerlich überbaut, erklärt die Gemeinde.

Um das Dorfleben aufrechtzuerhalten, versuchen Walliser Dörfer wie zum Beispiel Zeneggen VS und Albinen VS Zuzüger gar mit Prämien anzulocken. Erfreulich, denn die Massnahmen zeigen Wirkung. So konnte die Schule Zeneggen VS nun ihre Schule dank der Prämien retten – und diese sogar ausbauen. Im Jahr 2017 hat auch Albinen VS für Aufsehen gesorgt. Im Bergdorf wurden Zuzüger mit 25’000 Schweizer Franken gelockt. Die Meldung ging um die Welt.



 

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