Kommen diese 4 Faktoren zusammen, droht uns ein Strom-Blackout im Winter
«... dann haben wir ein Problem»

Gefüllte Stauseen und Gasreserven sind entscheidend für den Winter. Doch Europa kämpft mit leeren Speichern, hohen Preisen und geopolitischen Krisen. Wird die Schweiz genug Strom haben?
Kommentieren
1/10
Rekordtief: In den vergangenen zehn Jahren war der Wasserpegel von Schweizer Stauseen nie so tief wie dieses Jahr.
Foto: keystone-sda.ch

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • Schweizer Stauseen 2026 nur zu 73 Prozent statt 84 Prozent gefüllt
  • Deutschlands Gasspeicher nur für einen Wintermonat ausreichend gefüllt
  • Gaspreis seit Iran-Krieg von 30 auf 80 Euro/MWh gestiegen
RMS_Portrait_AUTOR_235.JPG
Helena GrafReporterin

«Nehmen Sie Holz vor die Hütte!» – mit dieser Aussage liess Ex-ETH-Präsident Lino Guzzella Ende August an einem Vortrag beim Institut für Schweizer Wirtschaftspolitik an der Universität Luzern (IWP) aufhorchen. Laut dem «Nebelspalter» warnte der Experte: Diesen Winter könnte es mit dem Strom etwas knapp werden.

Blick ist der Frage nachgegangen, wie schlimm es tatsächlich um uns und unsere Stromreserven steht – und weiss: Selbst unsere Notfalllösung steht auf wackeligen Beinen. Kommen folgende Faktoren zusammen – wovon einige schon eingetroffen sind –, «dann haben wir ein Problem», sagt Guzzella zu Blick.

Stauseen leerer als sonst

Der Sommer war heiss und trocken. Die Schweizer Stauseen sind aktuell zu 73 Prozent gefüllt. Der Mittelwert der Vorjahre liegt bei 84 Prozent. «Aufholen», so Guzzella, «werden wir das kaum mehr.»

Externe Inhalte
Möchtest du diesen und weitere externe Beiträge (z.B. Instagram, X und anderen Plattformen) sehen? Wenn du zustimmst, können Cookies gesetzt und Daten an externe Anbieter übermittelt werden. Dies ermöglicht die Anzeige externer Inhalte sowie von personalisierter Werbung. Deine Entscheidung gilt für die gesamte App und ist jederzeit in den Einstellungen widerrufbar.

Werner Luginbühl, Präsident der Eidgenössischen Elektrizitätskommission (ElCom), rechnet Blick vor: «Der tiefere Pegel bedeutet, dass wir etwa 900 Gigawattstunden weniger Energie aus den Speicherseen zur Verfügung haben. Das sind etwa zwei bis drei Prozent des schweizweiten Stromverbrauchs im Winterhalbjahr.»

Ausgleichen könnten wir das mit Atomkraft und Importen. «Wir gehen diesen Winter von einer hohen Leistungsfähigkeit der Schweizer AKW aus», so Luginbühl.

Werner Luginbühl, Präsident der Eidgenössischen Elektrizitätskommission (ElCom), geht derzeit nicht von einer Mangellage aus.
Foto: Keystone

Trotzdem: Die inländische Stromproduktion reicht nicht aus, um den Bedarf zu decken.

Stromimporte im Winter sind für die Schweiz üblich – und wirtschaftlich sinnvoll. ETH-Energieexperte Christian Schaffner erklärt gegenüber Blick: «Für unsere Stromversorgung im Winter ist die gute Anbindung an Europa wichtig. Dank der leistungsstarken Leitungen können wir beispielsweise günstigen Windstrom importieren.»

Rekordtief auch in Gasspeichern

Doch Europa steht nicht gut da. Denn: Das Gas ist knapp. Dieses brauchen unsere Nachbarländer zum Heizen und zur Stromproduktion. «Auch Gaskraftwerke spielen im Winter eine wichtige Rolle für Europas Stromversorgung», erklärt Schaffner.

Aktuell sind Europas Gasspeicher gemäss dem Branchenverband Gas Infrastructure Europe (GIE) zu knapp 69 Prozent gefüllt – rund 16 Prozentpunkte weniger als im Fünfjahresschnitt.

Externe Inhalte
Möchtest du diesen und weitere externe Beiträge (z.B. Instagram, X und anderen Plattformen) sehen? Wenn du zustimmst, können Cookies gesetzt und Daten an externe Anbieter übermittelt werden. Dies ermöglicht die Anzeige externer Inhalte sowie von personalisierter Werbung. Deine Entscheidung gilt für die gesamte App und ist jederzeit in den Einstellungen widerrufbar.

Ein Grund ist der hohe Gaspreis. Durch den Iran-Krieg und die Blockade der Strasse von Hormus gelangt weniger Flüssiggas auf den Markt. Seit Beginn der Krise hat sich der Gaspreis fast verdreifacht: von 30 auf über 80 Euro pro Megawattstunde.

Händler kauften entsprechend weniger ein. Zu gross ist das Risiko, das Gas im Winter günstiger verkaufen zu müssen, als sie dafür bezahlt haben.

Am brenzligsten ist die Situation in Deutschland. Dort sind die Speicher ein Drittel weniger gefüllt als üblich – so wenig wie noch nie seit Beginn der Aufzeichnungen vor 15 Jahren. Guzzella warnt: «Die Gasreserven in Deutschland reichen derzeit gerade mal für einen Wintermonat!»

Kälte und Gasknappheit «sehr ungünstig»

Daniela Decurtins vom Verband der Schweizerischen Gasindustrie (VSG) erklärt gegenüber Blick: «An besonders kalten Tagen decken die Speicher bis zur Hälfte des europäischen Gasbedarfs.»

Das bedeutet aber nicht automatisch Gasmangel. Auch im Winter fliesst ständig neues Gas über Pipelines und Tankschiffe nach Europa – unter anderem aus den USA.

Die Ausgangslage sei «anspruchsvoller als in den vergangenen Jahren», sagt Decurtins. Aber: «Derzeit besteht keine Mangellage.»

Entscheidend wird das Wetter sein. Je kälter der Winter, desto höher der Stromverbrauch. Je weniger Wind und Sonne, desto weniger Strom liefern Wind- und Solaranlagen.

Dank AKW genügend Strom?

ElCom-Chef Luginbühl sagt: «Eine lange Kälteperiode in Kombination mit Gasknappheit wäre wirklich sehr ungünstig.»

In einem solchen Fall wird Atomstrom aus Frankreich besonders wichtig – somit wären wir bei unserem Notfallplan. Die dortigen Kernkraftwerke produzieren unabhängig von Wind und Sonne. «AKW sind immer noch ein wichtiger stabilisierender Faktor bei der Versorgungssicherheit», sagt Luginbühl.

Nur: So ganz verlässlich sind die französischen AKW nicht. Zahlreiche Kraftwerke sind mehrere Jahrzehnte alt – was auch schon zu heiklen Situationen führte, wie etwa im Winter 2022/23. Etwa 30 von rund 50 Kraftwerken mussten damals wegen Wartungen und Korrosionsschäden vom Netz genommen werden. Somit hatte der Grosslieferant Frankreich nicht einmal genug Strom für sich selbst. Auch musste Frankreich diesen Sommer mehrere Atomkraftwerke wegen des Wassermangels drosseln.

Kommen also mehrere der genannten Faktoren zusammen, wird es gemäss den Experten kritisch.

Abschaltungen «sehr extrem»

Eine Mangellage bedeutet aber nicht, dass plötzlich im ganzen Land die Lichter ausgehen. Zuerst greifen Notmassnahmen.

Guzzella nennt Sparaufrufe, Einschränkungen für stromintensive Betriebe und den Einsatz von Reserven. Tatsächliche Abschaltungen wären für ihn ein «sehr, sehr extremes» Szenario.

Auch Schaffner betont: Dafür müsste es zu einer «gesamteuropäischen Krise» kommen. Die enge Vernetzung mit unseren Nachbarn sei normalerweise eine Stärke der Schweiz.

Und ElCom-Chef Luginbühl beschwichtigt: «Wir überwachen die Situation sehr genau und können reagieren.»

Was sagst du dazu?
Heiss diskutiert
    Meistgelesen