Darum gehts
Dorli Menn glaubt, dass ihre Mutter nachkommen würde. In einem anderen Auto. Das hat ihr die Polizei so gesagt. Also blickt sie, sieben Jahre alt, wieder und wieder nach hinten, durchs Rückfenster des Wagens, der sie und ihre drei kleineren Brüder in Bretzwil BL abgeholt hat. Der Jüngste ist sechs Monate alt. «Wo bleibt Mama?», fragt Dorli Menn die fremde Frau neben sich noch einmal. «Die kommt schon noch», antwortet diese. Doch auf dem langen Weg zurück ins Averstal hält sie vergeblich Ausschau nach dem anderen Auto.
Es ist Anfang Oktober 1956. Dorli Menn weiss noch nicht, dass ihre Mutter nicht mehr zurückkehren wird. Sie ist bei einer Sekte geblieben, aus der die Polizei Dorli Menn und ihre drei Brüder gerettet hat.
Das ist ein Beitrag aus dem «Beobachter». Das Magazin berichtet ohne Scheuklappen – und hilft Ihnen, Zeit, Geld und Nerven zu sparen.
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Die letzte Zeitzeugin
Fast 70 Jahre später fährt Dorli Menn, graue Kurzhaarfrisur, Marken-Daunenjacke, mit ihrem japanischen Mittelklasse-Auto wieder Richtung Avers. Das Tal im Süden von Graubünden ist die am dünnsten besiedelte Region der Schweiz. Und bis heute ihre Heimat.
Doch diesmal kommt sie aus Chur. Sie hat dort Flyer für ihre Autobiografie drucken lassen: «Dorli Menn – die Frau aus Juf». Das Buch publiziert sie gerade im Selbstverlag. Sie spricht mit Bedacht. «Es war mir wichtig, meine Geschichte aufzuschreiben», sagt sie zum «Beobachter». Denn: «Ich bin die Letzte, die noch von der Sekte in unserem Tal erzählen kann.»
Oder davon: wie sie damals, im Herbst 1956, in diesem fremden Auto sitzt und merkt, dass ihr Bruder in die Windel gemacht hat. Wer soll ihn wickeln, jetzt, da die Mutter nicht mehr da ist? Also versucht sie es, selber noch ein kleines Mädchen, und verbittet sich erst, dass die unbekannte Frau – vermutlich eine von Amtes wegen bestellte Begleiterin – ihr dabei hilft. Erst als sie allein nicht zurechtkommt, lässt sie sich helfen. Das Windelnwechseln – es wird für die nächsten Jahre ihre Aufgabe sein. Wie so vieles andere.
Früh war Dorli Menn für die Care-Arbeit in ihrer Familie verantwortlich, so früh, dass sie selber nie Kinder wollte. Sie schlug einen anderen Weg ein. Nach einer kaufmännischen Lehre machte sie 1981 die Lastwagenprüfung, fuhr erst Stückgut, als einzige Frau weit und breit. Schliesslich bekam sie eine Stelle als Postautochauffeurin. 32 Jahre lang fuhr sie den gelben Bus, mit 66 zum letzten Mal.
Die Sekte ohne Namen
Kurz vor Juf, in Avers Am Bach, fährt sie an einem Haus vorbei mit kleinen Holzschindeln; grüne Fensterläden mit abblätternder Farbe. «Das Elternhaus meiner Mutter», sagt sie. «Fasziniert war ich vom Postschalter im Erdgeschoss.» Ihre Grosseltern führten das Postbüro; eine Scheibe trennte es vom Rest des Hausflurs. «Aber es war keine fröhliche Atmosphäre im Haus.»
Das Elternhaus ihrer Mutter, es war der Ort, an dem sich die Sekte zum Bibelkreis traf. Die Sekte hatte keinen Namen, aber eine Art Guru: Er hiess Oskar Muggli, 1904 in Liestal BL geboren, gelernter Konditor und Schreibmaschinenmechaniker. Doch schon bald nannte er sich Apostel Ochja Asaria – und als solcher kam er 1941 erstmals ins Averstal.
An den Mann, der ihre Familie zerriss, hat Dorli Menn nur schemenhafte Erinnerungen. Bilder von ihm existieren nicht. «Ich meine, er war eher klein. Ich fühlte mich nicht wohl in seiner Anwesenheit.»
Alles Schöne war verboten
Kurz vor Juf stellt Dorli Menn das Auto auf einen Parkplatz. Hier, auf 2126 Metern über Meer, endet die Strasse, dahinter beschliessen Dreitausender das Tal: Tscheischhorn, Gletscherhorn, Piz Turba. Vögel zwitschern, obwohl hier im März noch eine geschlossene Schneedecke liegt, meist bis Mai.
1956 brachte die Polizei sie hierhin zurück, in eines der ersten Häuser auf der linken Dorfseite. Das dreistöckige Gebäude ist mit dunklen Schindeln bedeckt. Dorli Menn zeigt auf die Fenster im Obergeschoss. «Dort oben hatten wir eine Ferienwohnung. Als Mama noch da war, habe ich mich oft heimlich hineingeschlichen.»
Die kleine Dorli liebte Blumen, pflückte Kuhschellen auf den Wiesen. Doch das war nach den Regeln Mugglis, des selbst ernannten Propheten, verboten. Wenn ihre Mutter bei der Sekte war und die Ferienwohnung nicht vermietet, brachte Dorli die Blumen dorthin, legte sie in die kleinen Seifenschalen für die Gäste. «Natürlich wurde ich immer erwischt – das gab ein Donnerwetter», erzählt sie dem «Beobachter».
Sie blickt einen Moment ins Leere. Dann ein kaum hörbares, ungläubiges Lachen. «Unvorstellbar», haucht sie. «Musik, Schmuck, Blumen – alles Schöne war verboten.»
Der selbst ernannte Apostel
Dorli Menn geht auf ein kleines Haus auf der gegenüberliegenden Strassenseite zu, ein ehemaliger Stall des elterlichen Hofs. Sie hat ihn in den Achtzigerjahren zu ihrem Wohnhaus umgebaut. Vom Eingang geht es ebenerdig in ihr Arbeitszimmer: volle Bücherregale, an den Wänden hängen Fotos von ihr vor Postautos.
Linker Hand steht ein Bügelbrett, darauf grosse Stapel mit Unterlagen, die sie für ihr Buch gesammelt hat. Im dicksten liegen die Dokumente zur Sekte. Obenauf ein Papier mit dem Bündner Wappen, ein Urteil des Kantonsgerichts in Chur aus dem Jahr 1954 – gegen Oskar Muggli.
«Der Hauptpunkt seiner Lehre geht dahin, dass die Heilige Schrift, die er sich selber auslege, die einzige Quelle aller religiösen Anschauungen sein müsse», heisst es darin. Doch die Regeln der Sekte – das wird aus den 20-seitigen Gerichtsunterlagen klar: Sie dienten einzig seinem eigenen Vorteil. Der «verschrobene, verhältnisblödsinnige, geltungssüchtige Psychopath Muggli» (so der Gerichtspsychiater) missbrauchte seine Anhänger und beutete sie aus.
Das Gericht stellte fest, «dass Muggli mit einer Gewissenlosigkeit sondergleichen in schamlosester Weise die unbedingte Gefolgschaft seiner Anhänger und die Macht, die er aufgrund seiner Aposteltätigkeit über diese erworben hatte, zur Befriedigung seiner sexuellen Gelüste und zur Erlangung unrechtmässiger Vermögensvorteile ausnutzte, wobei er seine Verbrechen des Öftern sogar noch als gottgewollte Handlungen hinstellte».
Auch andernorts in Graubünden hatte Muggli seine Anhänger. Er wohnte zeitweise bei verschiedenen Familien, liess sich dort aushalten. Eheleuten predigte er, dass sie wie Bruder und Schwester leben sollten. Er aber verlangte von den Frauen, Sex mit ihm zu haben – sonst drohe ewige Verdammnis.
Die Sekte flieht
Am Ende gab es für ihn eine Haftstrafe von 14 Monaten in Chur – in einer Zeit, in der er schon seine Jünger im Averstal hatte. Dorli Menn schüttelt den Kopf, als sie durch die Akten blättert. «Sie müssen davon gewusst haben», sagt sie. «Aber wahrscheinlich haben sie geglaubt, dass er unschuldig verurteilt worden war.»
Sie, das war die Familie ihrer Mutter. Deren Vater, einst Kirchgemeindepräsident, war einer der Ersten, die sich von Muggli «einfangen liessen», wie Dorli Menn es nennt. Schon 1941, als er das erste Mal ins Avers gekommen war. Dorli Menns Mutter war damals 16. Auch ihr Mann, der Landwirt Rudolf Menn, nahm anfangs an den Zusammenkünften teil. Als Dorli Menn geboren wurde, hatte sich ihr Vater aber schon losgesagt von der Sekte. «Das war für Mama bestimmt nicht einfach – dort ihre Herkunftsfamilie, der sie sich zugehörig fühlte. Auf der anderen Seite Papa.»
Am Abend des 2. Oktober 1956 entschied sie sich gegen ihn. Während Rudolf auf dem Zuchtstiermarkt in Chur war, packte sie die Kleider ein und nahm die Kinder mit. Bei Anbruch der Dunkelheit floh die ganze Sekte aus dem Averstal nach Bretzwil. «Ich erinnere mich noch, wie fasziniert ich von der Strassenbeleuchtung war, als wir ankamen – bei uns im Avers gab es so was nicht.» Was folgte, war weniger glanzvoll. Dorli Menn erinnert sich an die finstere Wohnung – und dass Muggli den Kindern befahl, seltsame Fingerübungen zu machen. Nach zwei Tagen stand die Polizei vor der Tür, sie kam, um die Kinder heimzuholen. Verständigt hatte sie Dorli Menns Vater. Ihre Mutter – sie entschied sich, zu bleiben.
Von ihrem Schreibtisch aus blickt Dorli Menn sieben Jahrzehnte später auf das Wengahorn, das aussieht wie ein grosser Berg aus Schnee – Bäume wachsen hier nicht. Oben sieht man den Anriss einer Lawine. Dorli Menn nickt. «Wie eine Lawine hat die Sekte auch unser Tal verwüstet», sagt sie zum Beobachter. Doch eine Lawine ist Naturgewalt. Unbegreiflicher ist das Elend, das Menschen sich gegenseitig zufügen. Bei Menschen, die man am meisten liebt, ganz besonders.
Geborgenheit im 30-Seelen-Dorf
«Meine Mutter war eine liebe Mama, ich erinnere mich gut, wie ich in der Küche auf ihrem Schoss sass», erzählt Dorli Menn. «Den Geruch ihrer Haare habe ich heute noch in der Nase.» Sie habe Mama immer vermisst. «Besonders am Anfang war es keine schöne Zeit.» Gespräche über den Verlust gab es nicht. «Es wurde nicht darüber geredet, schon gar nichts erklärt.»
Das Scheidungsurteil fiel 1959, das Sorgerecht sprach das Gericht endgültig ihrem Vater zu. Das Besuchsrecht nahm ihre Mutter nie wahr. Dorli Menn und ihre Brüder blieben in Juf – oder sie kamen irgendwann wieder hierhin zurück. In diesem 30-Seelen-Ort, umschlossen von Bergen, bewahrten sie ein Stück der Geborgenheit aus frühen Kindertagen.
Als Dorli Menn 19 war, telefonierte sie einmal mit ihrer Mutter. Sie wollten sich treffen. Doch dann sagte die Mutter: «Ich freue mich, dir von meinem Glauben zu erzählen.» Daraufhin verzichtete die Tochter. Wenig später trat sie aus der Kirche aus.
Rund zwei Jahrzehnte nach jenem Anruf, im Dezember 1989, rief ein Arzt aus Niederhelfenschwil SG an. Ihre Mutter liege im Sterben, sagte er. Und so fuhr Dorli Menn ins Spital nach Wil – ihre Brüder verzichteten.
Über den Glauben wollte die Mutter im Sterbebett nicht mehr sprechen. Auch über Muggli, den Guru, nicht. Was aus ihm wurde, hat Dorli Menn auch später nicht herausbekommen. Mutter und Tochter redeten in jenen letzten gemeinsamen Stunden über die Zeit in Juf – und über ihre Trennung. «Sie erzählte mir, dass sie tagelang nur geschrien habe, nachdem wir Kinder weg gewesen seien.» Es war Mitgefühl, nicht Wut, das Dorli Menn da verspürte.
Der Tod – und das, was bleibt
Am 29. Dezember 1989 starb ihre Mutter. «Wie sie dann im Sarg lag, sah sie für mich erlöst aus von all ihrem Kummer», erinnert sich Dorli Menn. «Sie hatte kein glückliches Leben.»
Aus ihrem Nachlass hat sie Bleistifte – kaum zwei Zentimeter lang – und ein Altes Testament, das von Paketband zusammengehalten wird. Ihre Mutter, sie lebte schlussendlich in Armut, vom Erbe ihrer Eltern – zusammen mit ihrem pflegebedürftigen Bruder.
Dorli Menn hingegen war in den Siebzigerjahren in der linken Szene von Zürich aktiv, reiste viel, hatte mehrere langjährige Beziehungen. Heute bewohnt sie gelegentlich auch eine kleine Mietwohnung in Chur und macht regelmässig Ausflüge nach Italien. Sie hat vor langer Zeit Frieden mit dem frühen Verlust der Mutter gemacht. «Keines von uns Kindern ist an die Drogen oder auf die schiefe Bahn geraten, wir haben alle was aufgebaut.»
Nur manchmal, so Dorli Menn, weint einer der Brüder noch um die Mutter – die plötzlich nicht mehr da war.
Hinweis: Dieser Artikel wurde erstmals am 9. April 2026 veröffentlicht.