Sekten-Aussteiger
«Scientology stellte mich auf die Strasse»

Thierry Chiquet wurde in Scientology hineingeboren. Doch als der Jugendliche der Sekte nicht mehr passte, setzte sie ihn ohne Geld und Ausbildung vor die Tür. Das ist seine Geschichte.
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Thierry Chiquet lebte mit seinem Bruder von Geburt an in der Sekte Scientology.
Foto: Kostas Maros

Darum gehts

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Andrea M. Haefely
Beobachter

Es war früh am Morgen. Hinter Thierry Chiquet fiel die Tür ins Schloss. Es war die Tür des heruntergekommenen Hotels Corona in Kopenhagen, des damaligen dänischen Hauptsitzes der Psychosekte Scientology. Man hatte ihn rausgeschmissen.

Da stand er, mit nichts weiter als seinen wenigen Kleidern und einem Koffer voller Scientology-Bücher. Es sollte der Anfang seines Ausstiegs aus einer Sekte sein, der er nie beigetreten war. 

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Thierry Chiquet, heute 35, ist durch seine Eltern in Scientology hineingeboren worden. Wie andere Scientology-Kinder erlebte auch er eine wahre Odyssee mit Vernachlässigung und Fronarbeit und stand nach seinem Austritt mit nichts da; ohne Ausbildung, Freunde, Familie, Geld.

Basel, Lausanne, Zürich, Los Angeles, Kopenhagen

Seine Mutter hatte sich kurz nach seiner Geburt 1990 scheiden lassen. Die glühende Scientology-Anhängerin lebte danach mit Thierry und seinem eineinhalb Jahre älteren Bruder Cyril kurz über dem damaligen Basler Hauptsitz der Sekte. Bald zog die Kleinfamilie nach Lausanne. 

«Weil in der Schule auffiel, dass mein Bruder und ich schlecht ernährt waren, sollten wir fremdplatziert werden», erzählt Thierry Chiquet. Da sei er etwa zehn gewesen. Die Mutter wehrte sich erfolgreich, die Kinder blieben bei ihr. «Sie nahm mich aber aus der öffentlichen Schule und schickte mich nach Zürich in die private Ziel-Schule, wo ich unter der Woche bei Lehrerinnen wohnte.» 

Keine Kinder, sondern kleine Erwachsene

Die Ziel-Schule lehrt nach den Unterrichtstechniken des Science-Fiction-Autors und Scientology-Gründers Lafayette Ron Hubbard. Und die Lehrerin, bei der Thierry Chiquet hauptsächlich unterkam, gehörte der Sekte an.

Kinder werden in Scientology als Erwachsene in einem kleinen Körper gesehen. «Ein Kind ist ein Mann oder eine Frau, der oder die noch nicht zur vollen Grösse herangewachsen ist. Jedes Gesetz, das auf das Verhalten von Männern und Frauen zutrifft, gilt für Kinder», schreibt L. Ron Hubbard in seinem Buch «Kinder-Dianetik». 

Kindgerecht geht anders. Sie seien meist auf sich gestellt gewesen, erinnern sich die beiden Brüder. Gemeinsame Mahlzeiten habe es fast nie gegeben. Geburtstage habe man selten gefeiert. 

In Los Angeles von der Mutter getrennt

Als Thierry 13 war, wanderte die Mutter mit den beiden Buben in die USA aus, um dort in die Sea Organization (Sea Org) einzutreten. Das ist die paramilitärisch organisierte Eliteeinheit von Scientology. 

Im Oktober 2003 kamen sie in Los Angeles am dortigen Hauptsitz Big Blue in Hollywood an. Die Buben wurden von der Mutter getrennt, sie wohnte in einem anderen Trakt. 

«Während unsere Mutter in der Sea Org arbeitete, konnten wir tun und lassen, was wir wollten. Niemand kümmerte sich um uns», sagen die Brüder übereinstimmend. 

Das Scientology-Gebäude liegt mitten in Hollywood, zwischen Sunset Boulevard und Hollywood Boulevard.
Foto: Dreamstime/Imago Images

Der Beobachter hat bei der Mutter nachgefragt, geantwortet hat Scientology: Die Mutter und die Kinder hätten «mehrmals pro Woche zusammen gegessen». Das stimmt, sagen die Brüder. Die restliche Zeit aber hätten sie auf Parkplätzen herumgelungert, hätten den Hollywood Boulevard mit ihren Skateboards unsicher gemacht. Schule? Fehlanzeige. 

Nach sechs Monaten – Scientology spricht von vier – zog die Familie nach Dänemark. Die Jungs sollten dort auf ihren Eintritt in die Elitetruppe Sea Org vorbereitet werden. 

«Wir kamen im Februar am Standort in Vesterbrogade an. Wir trugen nur T-Shirts und Shorts, hatten Löcher in unseren Schuhen. Andere Kleider hatten wir nicht», erinnert sich Thierry. 

Ein einziges Badezimmer für 20 Personen

Wie alle Kinder und Jugendlichen wurden sie dort in kahlen Zimmern mit einfach verglasten Fenstern und Kajütenbetten für sechs bis neun Personen untergebracht. Es habe ein einziges Badezimmer für 20 Personen gegeben. Fünf lange Jahre war dies Thierrys und Cyrils Zuhause. Die Unterkünfte seien von den lokalen Behörden abgenommen gewesen, sagt Scientology.

Während Cyril der Übertritt in die Elitetruppe gelang, blieb Thierry trotz mehreren Anläufen erfolglos. «Ich hatte immer schon Mühe mit dem Lernen.» Nur den Purification Rundown habe er absolviert. 

Dabei handelt es sich um ein Reinigungsritual mit stundenlangen Saunagängen sowie der Einnahme einer hohen Dosis Niacin respektive Vitamin B3. Eine Überdosierung von Niacin kann rote Hautausschläge, Blutdruckabfall und Schwindelgefühle auslösen und die Leber massiv schädigen. Laut Scientology habe Thierry das Programm durchlaufen wollen. Und er sei vorher von einem Arzt untersucht worden.

Einen offiziellen Schulabschluss gab es nicht

Auch in Kopenhagen besuchten sie keine öffentliche Schule, sondern die Scientology-eigene Ability-Schule. «Wir hatten zwar vier Stunden Schulunterricht pro Tag. Einen anerkannten Schulabschluss gab es aber nicht. Nachmittags ab 15 Uhr mussten wir verschiedene Arbeiten verrichten, etwa in der Kantine», erinnert sich der heute 35-Jährige. Scientology sagt dazu, die Schule sei periodisch kontrolliert worden. Und auch andere Schweizer würden die Schule ohne Abschlusszeugnis beenden. 

2005 wurde die Küche des ehemaligen Hotels während Monaten umgebaut und deswegen kurzerhand in den Hinterhof verlegt. «Auch ich musste dort schuften», sagt Thierry. Wöchentlich habe er einen Lohn von maximal 30 Franken erhalten. 

Die Sea Organization bestehe aus den engagiertesten Scientologen – Menschen, die ihr Leben dem freiwilligen Dienst an ihrer Religion gewidmet hätten, schreibt Scientology generell zur Arbeitssituation in ihrer Stellungnahme. «Ich war aber nicht freiwillig in der Sekte, ich war ein Kind», betont Thierry. 

Eine weitere Aufgabe: Unterlagen mit dem Fahrrad von A nach B transportieren. «Ich trug einen vollgepackten Rucksack hinten, einen vorne. Seither kugelt meine linke Schulter schnell aus», sagt Thierry. Das Gewicht war einfach zu schwer für den kleinen und drahtigen Jugendlichen, der damals etwa 16 gewesen sein muss.

Der Junge rebelliert

Er habe rebelliert, sagt Thierry rückblickend. Habe sich oft rausgeschlichen, sei erst spätabends wieder zurückgekommen. Habe schon mit 14 geraucht und Alkohol getrunken. Eines Nachts habe ihn der Sicherheitschef abgefangen. «Du würdest keine zwei Wochen draussen überleben und kämest winselnd zurückgekrochen und würdest um Einlass bitten», habe der ihn angeschrien. Er antwortete: «Wann gehts los?»

Am nächsten Morgen habe der Sicherheitschef ihn vor die Tür gestellt. «Ich weiss nicht, wann meine Mutter informiert wurde und ob überhaupt. Sicher ist, sie unternahm nichts», sagt Thierry. Auch sein älterer Bruder wusste lange nichts von seinem Rausschmiss. 

Scientology sagt, Thierry habe damals «unethisches Verhalten» gezeigt und deshalb gehen müssen. Er sei aber volljährig gewesen. Dem widersprechen die beiden Brüder übereinstimmend: Er sei erst 17 gewesen. Schriftliche Unterlagen dazu legte Scientology nicht vor.

Pfandflaschen sammeln und in Kellern schlafen

Acht Monate lebte Thierry auf der Strasse. Er sprach nur Englisch, Französisch und Schweizerdeutsch, aber kein Dänisch. Ohne Sprachkenntnisse und ohne einen Schulabschluss hatte er keine Chance auf einen Job, geschweige denn auf eine Wohnung. Er schlief in Kellern, ab und an bei einem Kumpel auf dem Boden. Zum Überleben sammelte er Pfandflaschen, klaute manchmal vor lauter Hunger Lebensmittel. 

Scientology sagt, Thierry habe seiner Mutter damals geschrieben, es gehe ihm gut, er habe einen Job. Thierry bestätigt das. Aber: «Das war eine Schutzlüge. Scientology-Kindern wird eingetrichtert, dass sie für ihre Eltern unter keinen Umständen ein Problem sein dürfen.»

Einmal schlich er sich zu jener Zeit in ein Luxushotel unten am Kopenhagener Hafen. «Ich übernachtete im Dachboden, stibitzte Croissants von den Servicewagen in den Fluren.» Als sein Bruder Cyril das erfuhr, schmuggelte er ihn heimlich in sein Zimmer, wo Thierry mehrere Wochen blieb. Cyril hatte rund 200 Franken gespart, die er seinem kleinen Bruder schliesslich für ein Zugbillett zurück in die Schweiz gab.

Thierry glaubte nach wie vor an die Lehren von Scientology – trotz allem. Dachte, er sei selber schuld am Rausschmiss. «Mir wurde in Scientology eingetrichtert, ich sei nie gut genug und an allem Schlechten, das einem passiert, selbst schuld. Dieses Gefühl ist übermächtig.» 

Doch nach und nach begann der junge Mann zu zweifeln. Er fing an, im Internet nach Informationen zu suchen, tauschte sich mit seinem Bruder aus, der kurze Zeit später ebenfalls aus Scientology austrat. Dennoch brauchte er über acht Jahre, bis er sich von den Indoktrinationen lösen konnte. «Ich war 26, als ich mich endlich befreit fühlte.» 

Die Brüder schaffen den Ausstieg, die Mutter nicht

Obwohl er während seiner Zeit in Scientology weder einen Schulabschluss, geschweige denn eine Berufsausbildung machen konnte, ist Thierry Chiquet heute selbständig mit einer kleinen Firma. «Es war ein steiniger Weg. Aber ich habe meinen Weg gefunden – trotz meiner Kindheit und Jugend in der Sekte.»

Seit 2022 habe seine Mutter weder mit ihm noch mit seinem Bruder geredet. Auch der ist unterdessen aus der Sekte ausgetreten. Die Mutter ist nach wie vor in der Sea Org. 

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