«Ein bisschen Wut ist noch immer da»
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Alex Lombris zurück in Brienz:«Ein bisschen Wut ist noch immer da»

Nach Rückkehr: Brienzerinnen und Brienzer voller Freude – aber auch mit Kritik
«Ich kann den Behörden noch nicht verzeihen»

Nach über einem Jahr können die Bewohnerinnen und Bewohner von Brienz/Brinzauls GR endlich wieder in ihr Dorf zurückkehren. Die Felssturzgefahr ist vorerst gebannt. Ein «Freudentag» für die Bevölkerung und Behörden. Es gibt aber auch kritische Fragen.
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Alex Lombris (59) und sein Hund Hope sind zurück in Brienz und geniessen die Sonne auf ihrer Terrasse.
Foto: Karin Frautschi

Darum gehts

  • Nach 62 Wochen Evakuierung kehren Bewohner nach Brienz zurück.
  • Alex Lombris und andere zeigen Freude, aber auch Wut über Behörden.
  • 1,7 Millionen Kubikmeter Gestein lösten sich am Berg im Juni 2023
Die künstliche Intelligenz von Blick lernt noch und macht vielleicht Fehler.
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Karin FrautschiReporterin Blick

Das Bündner Bergdorf Brienz-Brinzauls zeigt sich am Montag von seiner schönsten Seite. Die Sonne strahlt in vollen Zügen. 

Dies passt zu den guten Neuigkeiten, welche die Gemeinde Albula am 22. Januar verkündet hatte. Ab Montag kann Brienz wieder normal bewohnt und betreten werden. Dorfbewohner durften bereits seit letztem Freitag zurück. Eine grosse Erleichterung für die rund 80 Bewohnerinnen und Bewohner des Dorfes, die ihre Häuser wegen Felssturzgefahr für 62 Wochen verlassen mussten. 

Freude und Wut

«Wir hatten Freudentränen, als wir das gehört haben», sagt Alex Lombris (59) am Montag zu Blick. Er und seine Frau hätten sofort ihre Sachen gepackt und seien am Freitagmorgen um 9.30 Uhr wieder in ihr Brienzer Eigenheim gezogen. Die letzten 62 Wochen hätten sie zusammen mit Hund Hope (14 Monate) in einem kleinen Studio verbracht. «Es war eine sehr anstrengende und nervenaufreibende Zeit. Wir sind froh, wieder zu Hause zu sein», so Lombris. 

Alex Lombris (59) vergoss Freudentränen, als er von der möglichen Rückkehr erfuhr.
Foto: Karin Frautschi

Doch neben der Freude schwinge auch die Wut mit: «Ich kann den Behörden noch nicht verzeihen, was sie uns 14 Monate lang angetan haben. Auch wenn es hiess, dass es zu unserer Sicherheit sei. Irgendwann wussten wir nicht mehr, auf was wir genau warten. Schliesslich kam nie ein Stein ins Dorf hinein.»

An eine erneute Evakuierung glaubt Lombris nicht: «Wir hatten hier noch nie Angst und schauen positiv in die Zukunft.» 

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«Jetzt kehrt der Alltag zurück»

Diese Meinung teilt auch Bauer Georgin Bonifazi (61): «Jetzt kehrt der Alltag zurück.» Die Evakuationsphase verbrachte Bonifazi mit seiner Familie in einer Wohnung in Landquart GR. «Wir sind mit je einem gepackten Koffer gegangen und nun wieder mit je einem gepackten Koffer gekommen. Das meiste haben wir hier gelassen», so der 61-Jährige. 

Seine Tiere, 60 Rinder, 30 Mutterkühe und 70 Schafe, seien aktuell noch in Landquart, ab Ostern kämen aber auch diese wieder zurück nach Brienz.

Neben Lombris und Bonifazi sind erst wenige Dorfbewohnende zurückgekehrt. Es ist noch ziemlich ruhig im Dorf. Die meisten Fensterläden sind zu, und auch das Dorfrestaurant Rezgia Viglia ist geschlossen. Nur die durchfahrenden Postautos bringen etwas Leben in die Brienzer Strassen. 

Sorgen und schlaflose Nächte

Auf einem Balkon vis-à-vis der Schuttablagerung, die beim Felssturz im Juni 2023 eine Dorfstrasse verschüttete, stehen Herbert (76) und Sissi Jäggi (70) aus Fislisbach AG. Sie haben seit 2004 eine Ferienwohnung in Brienz, die sie mit ihrer Familie teilen. 

Das Rentnerpaar ist direkt am Montagmorgen nach Brienz gefahren, um nach dem Rechten zu sehen. «Wir sind sehr glücklich, wieder hier zu sein», sagt Herbert Jäggi. Normalerweise würden er und seine Frau jeden Monat ein paar Tage in Brienz verbringen. «Das hat uns sehr gefehlt in diesem Jahr. Wir hatten richtig Angst, dass wir unsere Ferienwohnung verlieren», sagt die 70-Jährige. 

«Wir jammern auf hohem Niveau», betont das Aargauer Paar. Schliesslich handle es sich bei ihnen «nur um die Ferienwohnung». Trotzdem hätten auch sie einige schlaflose Nächte hinter sich. «Ich bin oft nachts aufgewacht und ins Grübeln geraten. So etwas beschäftigt einen», so Herbert Jäggi. 

Herbert (76) und Sissi (70) Jäggi sehen vom Balkon ihrer Ferienwohnung direkt auf die Schuttablagerung.
Foto: Karin Frautschi

Sie seien froh, dass alles unversehrt geblieben ist – abgesehen von der Heizung. Die sei kaputt. «Mit 7 Grad in der Wohnung ist es aktuell noch zu kalt für einen längeren Aufenthalt», so die Rentnerin, die mit ihrer Jacke auf dem Sofa sitzt. Sobald die Heizung repariert sei, freuen sie sich auf viele gemütliche Stunden dort. 

Gemeinde bleibt vorsichtig

Gemeindepräsident Daniel Albertin spricht von einem Freudentag. Die aktuell geltende «Phase Grün» biete Planungssicherheit über längere Zeit. Dennoch könne man eine erneute Evakuierung nicht ausschliessen, sagt er im Gespräch mit Blick. «Wir haben gelernt, dass sich der Berg auch mal anders verhält als gedacht. Wir müssen vorsichtig bleiben und die Beobachtungen weiter vorantreiben. Die Zeit wird uns zeigen, wie wir damit umgehen.» 

Die Aufgabe der Behörden sei es nun, Rahmenbedingungen zu schaffen für alle, die in Brienz bleiben möchten – oder auch jene zu unterstützen, die wegziehen wollen. Diese Entscheidung müsse jeder für sich selbst fällen, betont der Gemeindepräsident.

Wegzug aus Brienz

Marcellina Alig (48) und ihre Familie haben ihren Entscheid bereits gefällt: Sie werden nicht mehr nach Brienz zurückkehren. «Wir konnten anfangs 2026 einen neuen Hof in einer Nachbargemeinde übernehmen», sagt die 48-Jährige am Montag zu Blick.

Die ständige Unsicherheit sei ihnen zu viel geworden: «Man wusste nie, woran man ist.» Nach der ersten Evakuierung sei sie noch zuversichtlich gewesen. Damals lösten sich im Juni 2023 1,7 Millionen Kubikmeter Gestein am Berg und rollten bis zum Dorfrand. «Ich dachte, das sei eine einmalige Sache.»

Doch im November 2024 mussten die Einwohnerinnen und Einwohner das Bergdorf ein zweites Mal verlassen – eben ganze 62 Wochen lang. «In diesem Moment funktioniert man einfach und realisiert erst später, was das mit einem macht. Es ist sehr belastend», sagt sie.

Marcellina Alig (48) in ihrem neuen Familienheim in einer Nachbargemeinde von Brienz.
Foto: Karin Frautschi

Diese Zeit verbrachte die fünfköpfige Familie in einer 4½-Zimmer Wohnung in der nahe gelegenen Gemeinde Lantsch GR. Eine kleine Wohnfläche für eine Familie, die zuvor auf einem grossen Bauernhof wohnte.

Wegen der Dorfsperrung konnten sie auch ihren Hof nicht mehr weiter bewirtschaften und mussten ihre Tiere an unterschiedlichen Orten unterbringen. Geld brauchten sie trotzdem. Also begann Marcellina Alig, im Service eines Bistros in Tiefencastel GR zu arbeiten. Ihr Mann, Bauer Gian, wurde Postauto-Chauffeur. 

Dass sie jetzt einen neuen Hof haben – in einer sicheren Umgebung – mache sie glücklich. «Ich bin so dankbar, dass das geklappt hat. Jetzt müssen wir keine Angst mehr haben, plötzlich wieder gehen zu müssen.»

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