Darum gehts
- Seniorin aus Disentis GR von Händler um wertvollen Goldschmuck betrogen
- Ankäufer zahlte nur 1800 Franken für Schmuck im Wert von 20'000
- Polizei wurde eingeschaltet, ähnliche Fälle in Laax bekannt
Rosmarie Gräser (95) öffnet die Holzschublade ihres Nachttischs. «Hier war mein ganzer Schmuck drin», sagt die Seniorin aus Disentis GR zu Blick und greift nach einer Schatulle – die jetzt leer ist. Dann nimmt Gräser eine blaue Schachtel hervor und öffnet auch diese. «Nun ist mir nur noch das da geblieben.» Darin liegen eine Goldkette mit Anhänger und passende Ohrringe.
Jene Kette hatte Gräser versteckt, als der Händler aus Zürich Mitte Juni ihren Nachttisch ausräumte – und alles mitnahm. 1800 Franken gab er ihr für ihren ganzen restlichen Schmuck. Bar auf die Hand. Für Ringe, Armbänder, Halsketten aus Gold, Anhänger mit Edelsteinen. Die 95-Jährige ist sich sicher: «Beim aktuellen Goldpreis wären die Stücke über 20'000 Franken wert.»
«Ich wollte entrümpeln»
Alles begann mit einem Inserat im lokalen Amtsblatt der Surselva im Kanton Graubünden. Dort hiess es: «Ankauf zum Bestpreis – seriöser Ankäufer sucht.» Gräser las die darauffolgenden Zeilen und blieb bei einem Wort hängen: Schallplatten.
«Mein Mann hatte eine grosse Plattensammlung», sagt sie und deutet auf ein leeres Möbel in ihrer Bibliothek. «Irgendwas zwischen 35 und 50 Alben.» Gräser überlegt, die Sammlung zu verkaufen. Ihr Ehemann ist seit zwei Jahren tot, die Platten lagen nur noch herum. «Ich dachte, ich könnte einmal ein bisschen entrümpeln», sagt sie.
Gräser wählte die Handynummer, die im Inserat angegeben war. «Der Mann sprach Hochdeutsch und hiess Salomon», erinnert sie sich. Er bot der 95-Jährigen an, vorbeizukommen.
«Alleine mit zwei Typen»
Kurz darauf fuhr der Ankäufer also die kurvige Strasse zum dreistöckigen Haus der Seniorin oberhalb von Disentis hinauf, wo sie alleine wohnt. Er hatte einen Kollegen mitgenommen. Gräser zeigte ihm die Schallplatten. Er bot ihr 500 Franken per Banküberweisung an. Sie willigte ein.
Dann fragte er nach Schmuck. «Und ich war so blöd, ihm zu antworten, dass ich welchen habe!», ärgert sie sich. Die Männer wollten den Schmuck sehen. Gräser befiel ein mulmiges Gefühl: «Ich war alleine mit diesen zwei Männern im Haus.»
Sie wollte ins Schlafzimmer gehen, um «etwas Kleines» zu holen. «Ich dachte, dann werde ich sie los», erklärt Gräser. Doch der Ankäufer folgte ihr die Treppe hinauf – und drängte sie, ihren ganzen Nachttisch auszuräumen.
«Es ging so schnell», erzählt Gräser. «Er legte das Bargeld auf den Tisch und verschwand.» Die Seniorin blieb allein zurück, überrumpelt, verwirrt.
Als sie später realisierte, was wirklich passiert war, rief sie den Ankäufer an. «Er drohte mir am Telefon sofort mit dem Anwalt.» Also wählte Gräser eine neue Nummer: die der Polizei.
«Das tut am meisten weh»
Sie erstattete Anzeige wegen Betrug. Die Beamten nahmen ihre Aussage auf. «Sie sagten, einer Frau in Laax sei das Gleiche passiert», erinnert sich Gräser. Deshalb wolle sie ihre Geschichte publik machen. «Ich möchte diesem Gauner das Handwerk legen!»
Der Ankäufer aus dem Inserat war für eine Stellungnahme gegenüber Blick nicht zu erreichen.
Zu Hause in Disentis kramt Rosmarie Gräser Quittungen und Echtheitszertifikate hervor und zeigt sie Blick: Ohrringe mit Diamanten und Saphiren von 1997, ein Goldarmband von 2001, eine Edelsteinhalskette aus demselben Jahr.
Vieles davon stammt aus der Bretagne, wo Gräser und ihr Mann ein Ferienhaus hatten und die Sommer verbrachten. Am Schmuck hängen Erinnerungen. Wiedersehen wird die Seniorin ihn vermutlich nie mehr. «Das tut mir am meisten weh», seufzt sie. «Die meisten Schmuckstücke hatte mir mein Mann geschenkt.»