Darum gehts
- Roger K. (†65) sorgte in Kerzers für fünf Tote, Motiv unklar
- 2019 verschanzte er sich im SRF-Gebäude, drohte mit Selbstverletzung
- Experte: «Noch kein Hinweis auf eine akute Fremdgefährdung»
Er löschte innert weniger Minuten seines und fünf weitere Menschenleben in einem brennenden Postauto aus. Die Vorgeschichte des Täters von Kerzers FR, Roger K.* (†65), beschäftigt die Schweiz. Warum hat das niemand kommen sehen? Hätte man ihn stoppen müssen? Eine Vielzahl von Fragen tut sich auf.
Was sicher ist: Roger K. fiel schon in der Vergangenheit negativ auf. Er verschanzte sich 2019 im SRF-Gebäude in Bern und drohte, sich etwas anzutun. Reicht das, um auf dem Radar der Strafverfolgungsbehörden zu landen?
Das Verschanzen beim SRF war wohl keine Straftat
Auf Anfrage von Blick schreibt Ramona Mock, Kommunikationschefin der Kantonspolizei Bern: «Der Mann ist bei uns nur wegen Betäubungsmittelmissbrauch verzeichnet.» Für weitere Delikte sei Roger K. nicht aktenkundig.
Bei der Verschanzung im SRF-Gebäude handelte es sich gemäss Mock «meiner ersten Einschätzung nach nicht um eine Straftat». Deshalb verfüge die Polizei über keine Datengrundlage mehr. «Wir sind gesetzlich dazu verpflichtet, Einträge in unseren Systemen ohne Straftat nach spätestens fünf Jahren zu löschen.»
Über das, was sich damals im Innern des SRF-Gebäudes im Monbijou-Quartier in Bern zugetragen hat, ist nur wenig bekannt. Was man weiss: Der Mann hatte damit gedroht, sich etwas anzutun. Die Polizei konnte ihn damals überwältigen, niemand wurde verletzt.
Möglich, dass Roger K. überwacht wurde
Ob das reicht, um als gemeingefährlicher Mensch unter ständige Beobachtung gestellt zu werden, ist auch für Jérôme Endrass (55) mehr als fraglich. Er ist forensischer Psychologe an der Universität in Konstanz (D) und beschäftigt sich mit der Psyche von Straftätern.
Er kann zum Geschehnis im SRF-Haus nur in Hypothesen sprechen: «Der Vorfall ereignete sich vor sieben Jahren. Sollte man damals festgestellt haben, dass ein gewisses Risiko von ihm ausgeht, hätte man ihn möglicherweise über einen bestimmten Zeitraum im Monitoring des Bedrohungsmanagements geführt.»
Wenn jemand aber über «einen längeren Zeitraum weder mit Gewaltandrohung noch mit Gewalt auffällig geworden ist», sei es auch üblich, dass ein allfälliges Monitoring einer Person wieder aufgehoben wird.
Viele Querulanten wenden nie Gewalt an
Endrass stellt klar: «Diese neuen Informationen ergeben noch keinen Hinweis auf eine akute Fremdgefährdung. Es gibt viele, die querulatorisch in Erscheinung treten und nie Gewalt anwenden.»
Existenzielle und finanzielle Nöte, wie sie von Täter Roger K. in Zuschriften an die Medien geäussert wurden, seien gemäss Endrass «für sich genommen noch kein relevanter Prädikator für Gewalt». Speziell dann nicht, wenn in der Vorgeschichte eines Menschen keine Gewalt bekannt ist.
Aktuell sei aber vieles noch zu unklar, sagt Endrass: «Um den Vorfall besser einordnen zu können, braucht es aus forensischer Perspektive weitere Informationen. Das, was man aktuell weiss, reicht nicht aus, um eine Deliktdynamik beschreiben zu können.»
Was man aber jetzt schon sagen kann: Speziell im Fall Kerzers seien der Tathergang und das gewählte Werkzeug, so Endrass. «Selbstverbrennungen kommen extrem selten vor.»
* Name bekannt