Darum gehts
- Eugen E. attackiert mehrfach Menschen, bleibt jedoch auf freiem Fuss
- Behörden zögern trotz Gewalt und psychischer Erkrankung des Täters
- Zu wenig spezialisierte Institutionen: Psychiatrische Betten seit 20 Jahren reduziert
Eugen E.* (40) versetzt eine ganze Nachbarschaft in Angst – seit Jahren. Was mit Drohungen beginnt, eskaliert im November 2025. Er greift eine Familie mit einer Eisenstange an und verletzt bei der anschliessenden Verhaftung zwei Polizisten. Dennoch ist er wenige Wochen später wieder auf freiem Fuss – nur damit er Mitte März 2026 wieder randalieren und drohen kann.
Erinnerungen an Roger K.** (†65) , der in Kerzers FR bei einem verheerenden Busbrand fünf weitere Menschen mit in den Tod riss, werden wach. Auch dort zögerten die Behörden – bis es am 10. März eskalierte. Weshalb wird E. nicht weggesperrt? Die Antwort darauf ist kompliziert und bürokratisch.
Menschen wie Eugen E.* entwickeln ihre Gefährlichkeit oft schleichend. «Es beginnt mit paranoiden Entwicklungen. Betroffene interpretieren Ereignisse als persönliche Angriffe. Das kann sich steigern bis zu einer psychotischen Störung, bei der der Realitätskontakt verloren geht», erklärt Thomas Knecht (67), ehemals leitender Arzt für forensische Psychiatrie im psychiatrischen Zentrum Herisau. «Die Person konstruiert eine Bedrohungslage. Sie fühlt sich angegriffen und reagiert entsprechend.» Dadurch könne sie selbst zur Gefahr werden.
«Wenn das Gehirn selbst krank ist, erkennt die betroffene Person das oft nicht. Hilfe wird abgelehnt. Eine normale menschliche Reaktion», ergänzt Marc Graf (63). Er ist Professor für forensische Psychiatrie an der Universität Basel.
Eingriffe sind schwierig. «Das ist primär eine juristische Frage», erklärt Knecht. «Entweder über das Strafrecht mit einer Anzeige oder über zivilrechtliche Massnahmen – wie die fürsorgerische Unterbringung.» Doch: «In der Psychiatrie wird die akute Phase behandelt. Danach muss entlassen werden, wenn die Voraussetzungen wegfallen.» Deshalb seien Betroffene oft schnell wieder auf freiem Fuss.
Je nach Kanton unterschiedlich
Hier setzt das Bedrohungsmanagement an. «Man muss mit Bewertungen zu einzelnen Fällen vorsichtig sein, da man bekanntlich im Nachhinein immer schlauer ist», sagt Jérôme Endrass (55), forensischer Psychologe und stellvertretender Leiter des Amtes für Justizvollzug und Wiedereingliederung des Kantons Zürich. Er findet: «Grundsätzlich greift das Bedrohungsmanagement früh und funktioniert sehr gut.»
Eines der Instrumente des Bedrohungsmanagements ist die direkte Ansprache. «Die mildeste Form des Bedrohungsmanagements», sagt Knecht. Die Fachperson spricht in diesem Fall Betroffene direkt an. Doch: «Dies funktioniert nur bei Personen mit Realitätsbezug.» Bei stark wahnhaften Personen könne die direkte Ansprache «das Gegenteil bewirken». Wenn Polizei oder Behörden eingreifen, werde das von Betroffenen oft als Beweis ihrer Angst interpretiert – eine Art selbsterfüllende Prophezeiung. Wahnhafte Befürchtungen entwickeln sich so zur handfesten Realität.
Strukturelle Probleme
Die strukturellen Probleme des Bedrohungsmanagements liegen aber tiefer. «Die grösste Schwierigkeit liegt an der Schnittstelle zur Psychiatrie», sagt Endrass. «Solche Menschen, die schwer psychisch krank und gleichzeitig gewaltbereit sind, sind extrem schwierig zu betreuen. Es gibt sehr wenige spezialisierte Institutionen.» Die Allgemeinpsychiatrie komme schnell an ihre Grenzen.
Auch die Entwicklung der vergangenen Jahre verschärft die Situation: «In den letzten 20 Jahren hat sich die Psychiatrie zunehmend aus der Betreuung dieser Personen zurückgezogen. Früher sah sie dies stärker als Teil ihres Versorgungsauftrags», sagt Endrass. «Heute fehlt es an Kapazitäten und Kompetenz.»
Hinzu kommt ein struktureller Effekt: «Wenn psychiatrische Betten abgebaut werden und stärker ambulant gearbeitet wird, landen mehr Menschen im Gefängnis», so Endrass.
Graf sieht ebenfalls Defizite: «Es geht auch um fehlende Anreize, Patienten länger zu betreuen, um Fachkräftemangel und vor allem um fehlende Nachbetreuung.» Entscheidend sei das Zusammenspiel: «Wenn ein Teil nicht funktioniert, fällt die betroffene Person durch das Netz.»
Vorsorge verhindert Gewalt
Für Endrass ist klar, wo angesetzt werden müsste: «Wir haben mit dem Bedrohungsmanagement ein hervorragendes Instrument, um die Probleme zu identifizieren. Jetzt brauchen wir im Gesundheitsbereich bessere Angebote zur Lösung dieser Probleme.»
Für Graf bleibt zentral: «Wir haben die Pflicht, diese Menschen zu unterstützen.» Denn: «Ein positiver Nebeneffekt ist, dass dadurch auch weniger Gewalt entsteht.»
* Name geändert
** Name bekannt