Eklat um WEF: Jetzt redet Klaus Schwab
«Man sieht, wer seine Freunde sind»

Der Gründer des Weltwirtschaftsforums redet erstmals öffentlich über seinen erzwungenen Abgang. Er schildert, wie ihn der Verrat seiner Weggefährten traf, was Donald Trump ihm gesagt hat – und er warnt davor, dass das Forum zu einem «Ritual ohne Bedeutung» verkommt.
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«Leute, denen man vertraut hat, wenden sich plötzlich ab»: Doyen Schwab.
Foto: Sebastian Magnani/13PHOTO
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Reza RafiChefredaktor SonntagsBlick

Ein warmer Oktobertag in Cologny, dem noblen Vorort von Genf. Unten glitzert der See in der Herbstsonne, oben durchdringt mondäne Ruhe das Villenquartier. Ab und zu rauscht ein Minivan einer privaten Sicherheitsfirma oder eines Handwerkers vorbei.

Klaus und Hilde Schwab empfangen uns zum Termin – der eine Premiere ist: Noch nie haben der Doyen und seine Frau Medienvertreter in ihr privates Anwesen eingeladen, das sich in der Nachbarschaft des WEF-Hauptquartiers befindet. Eigentlicher Anlass für den Besuch ist ein Doppelinterview mit den Schwabs für das Magazin «Interview by Ringier», das in diesen Tagen aufliegt.

Für das Gespräch bittet der 87-Jährige in den Pavillon, der ihm zugleich als Arbeitsraum und Rückzugsort dient. An der Wand hängen Auszeichnungen und Ehrentitel. Schwab ist nicht anzumerken, dass er soeben eine langwierige, kräftezehrende Auseinandersetzung hinter sich hat, die für ihn zwar gut geendet hat. Aber letzten Endes nur Verlierer und Verletzte hervorgebracht hat. Er sagt: «Es hinterlässt schon seine Spuren. Man sieht, wer seine Freunde sind.»

Der Homburger-Bericht entkräftete die Kritik

Mit «es» meint der Professor den Albtraum, der für ihn am 16. April dieses Jahres begonnen hat. In einem anonymen Mail – Absender «Rebecca» – wurden Vorwürfe gegen den Patron erhoben: Machtmissbrauch, Zweckentfremdung von WEF-Geldern und toxische Führung.

Die unbekannten Urheber forderten Schwabs Absetzung binnen einer Woche und drohten mit dem Gang an die Öffentlichkeit. Dann kam es zum Bruch: Die Verantwortlichen des WEF reagierten völlig anders, als es der Übervater erwartete – sie gingen nicht gegen die anonymen Heckenschützen vor, sondern gegen Schwab. Eine Gruppe von Stiftungsräten um Axa-Präsident Thomas Buberl (52), Ex-Nestlé-Kapitän Peter Brabeck (81) ordnete umgehend eine externe Untersuchung an und zwang diesen, abzutreten.

Übrig blieben viele Verlierer

Es folgte eine Serie von öffentlichen Leaks und medialen Vorverurteilungen. Im August dann die Wende: Die externen Untersucher der Zürcher Kanzlei Homburger entlasten Schwab in allen Punkten. Übrig blieben ein paar Peanuts, vor allem aber viele Verlierer. Brabeck trat zurück, Schwab kämpft seither um seine Reputation – und die Nation bibbert um die Zukunft ihrer Prestigekonferenz.

«Gar nicht. Gar nicht»: So antwortet der Gastgeber auf die Frage, wie gut er mit den Anschuldigungen gegen ihn und seine Frau umgehen konnte. Natürlich, betont Schwab, wolle er jetzt keine Abrechnung von sich lesen, er sei auch nicht beleidigt, darum gehe es ihm nicht.

Er verweist auf die Strategielehre: «Wenn Sie mit einem Problem konfrontiert werden, lösen Sie das Problem. Aber wenn Sie es mit anonymen Vorwürfen zu tun haben, die nicht über das normale Whistleblower-System gekommen sind – wir haben ja ein internes Whistleblower-System –, sondern einfach durch anonyme E-Mails, dann sind Sie mit einem bösen Geist konfrontiert. Sie können ihn nicht ignorieren, und dieser Geist verfolgt Sie.»

«Die menschliche Seite tut am meisten weh»

Es ist nicht nur der Inhalt der Kritik, die ihm zugesetzt hat, so viel wird aus dem Gespräch rasch klar. «Was besonders wehtut, ist, wenn die Vorwürfe so gestrickt sind, damit sie in der Öffentlichkeit möglichst Antipathie gegen einen bewirken. Es ist erstaunlich, wie selbst Spitzenleute solche primitiven Vorwürfe glauben.» Der WEF-Gründer berichtet aber auch von einer Welle der Solidarität, die er gespürt habe. «Es ist unglaublich, wie viele Zuschriften wir von Leuten erhalten. Leute aus dem Volk, die einfach das Gefühl haben, da geht etwas Ungerechtes vor.»

Die Kehrseite davon ist ein typisches Muster: Erfolgstypen scharen in ihrem Windschatten Karrieristen und Zöglinge um sich – die ihm dann, wenn der Mentor fällt, umso schneller den Rücken zukehren: «Auf der anderen Seite hat man Leute, denen man vertraut hat, die sich plötzlich abwenden, keine Stellung beziehen. Das tut wahrscheinlich am meisten weh, die menschliche Seite.»

«Interne Spannungen verlangen nach einem Bösewicht»

Es sind dies die Reflexionen eines Grandseigneurs, der im Herbst seines Wirkens sein ganzes Lebenswerk in Gefahr sieht, das mit seiner Wasserverdrängung über Jahrzehnte Kritiker und Bewunderer, Widersacher und Getreue hervorgerufen hat. Schwab sagt: «Wenn Sie eher am Abschluss einer Karriere stehen, trifft das einen natürlich mehr, als wenn Sie noch 20, 30 Jahre vor sich haben.»

Wie begründet er den verlustreichen Konflikt, den unerwartet grossen Gegendruck von einstigen Weggefährten? «Ich habe lange gebraucht, um irgendwie zu verstehen, wie eine solche Situation entstehen konnte.»

Die einzige Erklärung, die er habe, sei die des französischen Soziologen René Girard: «Er zeigt auf, wie in einer Übergangsperiode – zum Beispiel von einem Gründer auf seine Nachfolge – interne Spannungen entstehen, die nach einem Opfer oder Bösewicht verlangen. Mit einem solchen Opfer versucht die Organisation, die Aufmerksamkeit auf den Bösewicht zu lenken und damit wieder zu einer Geschlossenheit zurückzufinden. Falls sich dann herausstellt, dass der Bösewicht gar keiner ist, muss das Narrativ der Schuld unbedingt aufrechterhalten werden.»

Trump kündigte sich schon im April an

Längst arbeitet der Patriarch an neuen Projekten, und am nächsten WEF im Januar in Davos will er fernbleiben. Dass US-Präsident Donald Trump (79) kommen soll, überrascht ihn nicht wirklich. Zu ihm habe er «immer ein relativ gutes Verhältnis gepflegt». Bei seinem letzten Telefongespräch im April habe Trump ihm gesagt: «See you in Davos.»

Schwab aber bleibt der Erschaffer, der sich um die Zukunft seines Geschöpfs sorgt. «Jetzt steht das WEF am Scheideweg: Entweder entwickelt sich Davos zu einer konzeptionellen Kraft, die die Zukunft mitgestaltet – oder es wird zu einem Ritual ohne Bedeutung. Die Welt braucht keine weitere Konferenz. Sie braucht einen Kompass.» Ein anderes Szenario, das auch in Bundesbern befürchtet wird, ist der Wegzug des WEF ins Ausland.

Dass Saudi-Arabien, Katar, Singapur und weitere gerne das WEF übernehmen würden, ist ein offenes Geheimnis. «Oder die USA», ergänzt er. Er habe deswegen vor seinem Abgang Schritte eingeleitet, dass die 40’000 Quadratmeter Land in Cologny dem Staat überschrieben werden. «Das Forum hätte dann ein uneingeschränktes Nutzniesserrecht. Für das Forum hätte sich nichts geändert, aber die Eidgenossenschaft oder die Regierung von Genf hätten sich mehr als Mitbesitzer gefühlt.» Beides seien Versuche gewesen, das WEF noch stärker institutionell in der Schweiz zu verankern.

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Schwabs letzte Eröffnungsrede:«Die Welt steht vor kritischen Herausforderungen»

Im Januar bleibt er Davos fern

Zum Zeitpunkt des Führungswechsels sei das Weltwirtschaftsforum im April 2025 «finanziell solide, global anerkannt, konzeptionell führend, institutionell stabil und kulturell verwurzelt» gewesen, wie Schwab betont, «bereit für die Zukunft».

Der Gründer findet aber auch lobende Worte für die neue Führungscrew um Roche-Vize André Hoffmann (67) und Blackrock-Chairman Larry Fink (73). «Im Moment ist das WEF stabilisiert durch die beiden Interim-Chairs. Und ich glaube, man muss jetzt der neuen Equipe eine Chance geben.»

Gut möglich, dass 2027 EZB-Präsidentin Christine Lagarde (69) den Vorsitz übernehmen wird. So hatte sich Schwab das mal ausgedacht. Aber er möchte sich jetzt nicht einmischen. «Ich gehe mal für ein paar Jahre auf Distanz», sagt er – in seinem Anwesen in Cologny sitzend, das sich nur ein paar Dutzend Meter unterhalb des WEF-Hauptquartiers befindet. So schnell werden das WEF und sein Gründer einander nicht los.

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