Darum gehts
- Verheerende Brandkatastrophe in Bar Le Constellation forderte 40 Todesopfer
- Bar-Betreiberpaar Jacques und Jessica Moretti befragt, Jacques Moretti kam in Polizeigewahrsam
- Feuer wurde durch Wunderkerzen an Champagnerflaschen ausgelöst
Eliteschule trauert um sieben Schüler
Von Georg Nopper, Redaktor am Newsdesk
Das Collège Champittet in Pully VD bei Lausanne trauert um sieben aktuelle und ehemalige Schüler, die bei der Brandkatastrophe von Crans-Montana VS ums Leben kamen. In einer Traueranzeige schreibt die Privatschule: «Wir werden diese Schüler in Erinnerung behalten und ihr Andenken ehren.»
Bei den Verstorbenen handelt es sich demnach um drei aktuelle Schüler – Arthur, Nathan und Diana – und vier Ehemalige namens Alicia, Guillaume, Trystan und Noa. Insgesamt kamen bei dem Unglück 40 Menschen ums Leben. 116 Personen wurden teils schwer verletzt.
«Das Blut von Trystan klebt an den Händen der Gemeinde von Crans-Montana»
von Qendresa Llugiqi, News-Reporterin
Als Mutter mag man es sich nicht vorstellen: Ich lasse meinen 17-jährigen Sohn in den Ausgang, er will mit Freunden ins neue Jahr feiern. Und dann sehe ich ihn nie mehr lebend – weil andere gepfuscht haben. Genau das ist Vinciane Stucky passiert. Ihr Sohn Trystan Pidoux (†17) starb beim Inferno von Crans-Montana VS. Erst Tage später hatte sie überhaupt Gewissheit über sein Verbleiben. Jetzt hat sie Blick zu sich nach Hause eingeladen, um über ihren Liebsten zu sprechen.
Ihre Trauer vermischt sich mit Wut – auf das Betreiberpaar und die Gemeinde. Vor allem die Konferenz von vor einer Woche macht ihr noch extrem zu schaffen. Stucky sagt über Gemeindepräsident Nicolas Féraud: «Mit seinen Worten hat uns Féraud ins Gesicht gespuckt. Das Blut von Trystan klebt an den Händen der Gemeinde von Crans-Montana. Und damit auch an den Händen von Nicolas Féraud.» Über das schmerzliche Schicksal der Familie erfährst du hier mehr.
Mindestens 48 Opfer haben schwere Verbrennungen erlitten
Von Mattia Jutzeler, Redaktor am Newsdesk
Es gibt Neuigkeiten zum Zustand der Opfer von Crans-Montana. So haben mindestens 48 Personen bei der Katastrophe derart schlimme Verbrennungen erlitten, dass sie nun in hochspezialisierten Verbrennungszentren im Ausland behandelt werden müssen. Das zeigen die neusten Zahlen des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz. Insgesamt 116 Personen wurden bei der Brandkatastrophe in der Silvesternacht verletzt.
Aktuell werden 19 Opfer in Frankreich, 12 in Italien, 10 in Deutschland und 7 in Belgien behandelt. Mehrheitlich handelt es sich bei den Patienten um ausländische Staatsangehörige, berichtet «24 Heures». Aber auch 18 Schweizer werden momentan ausserhalb ihrer Heimat behandelt.
Kurz nach der Katastrophe wurden viele der Opfer in Schweizer Spitäler eingeliefert. So hat sich etwa das Universitätsspital Lausanne nach der Silvesternacht um 22 Schwerverletzte gekümmert. 13 dieser Opfer wurden zum jetzigen Zeitpunkt entweder aus der Klinik entlassen oder ins Ausland verlegt. Die Verbrennungsstation in Lausanne sei mit 22 Patienten deutlich überlastet gewesen.
Wie schrecklich die Ereignisse in der Silvesternacht waren, lässt sich nur erahnen. Ein Ersthelfer berichtete, wie er die Katastrophe erlebte. Mehr erfährst du hier.
Strafanzeige auch gegen Karikaturisten von «Charlie Hebdo»
Von Georg Nopper, Redaktor am Newsdesk
Ein Anwalt aus Sitten und dessen Ehefrau haben Strafanzeige gegen den französischen Karikaturisten Eric Salch eingereicht. Der Grund: Eine Karikatur zum tödlichen Brandunglück in Crans-Montana VS im Satiremagazin «Charlie Hebdo».
Die am Freitag veröffentlichte Zeichnung zeigt zwei Skifahrer mit der Überschrift «Les brûlés font du ski» (deutsch: Die Verbrannten fahren Ski) und darunter den Schriftzug «La comédie de l'année» (Die Komödie des Jahres) in Anlehnung an den bekannten Komödienfilm «Les Bronzés font du ski» aus dem Jahr 1979.
Nach Meinung der Kläger fällt die Karikatur unter Artikel 135 des Strafgesetzbuches, der Formen der Darstellung von Gewalt definiert.
Insgesamt gingen bei der Walliser Generalstaatsanwältin Beatrice Pilloud zwei Strafanzeigen in dem Zusammenhang ein. Die andere Strafanzeige richtet sich gegen das Magazin.
Der Chefredaktor von «Charlie Hebdo», Gérard Biard, erklärte am Montagabend in der Sendung «Forum» des Westschweizer Radios und Fernsehens RTS, dass die Karikatur nicht auf die Opfer ziele, sondern auf «die Absurdität dieser Tragödie».
Biard gab zu, dass man «ziemlich weit gegangen» sei, um sich «über das höchste Tabu lustig zu machen», nämlich den Tod und die schweren Verletzungen dieser jungen Menschen. Er sagte, dass schwarzer Humor «nicht unbedingt angenehm» sein müsse und «schockieren» könne.
Zwei Brandopfer in die Schweiz und nach Frankreich verlegt
Von Alexander Terwey, Stv. Teamlead Newsdesk
Im Fall um die Katastrophe von Crans-Montana kommen immer neue erschütternde Details ans Licht. Es gibt aber auch kleine Hoffnungsschimmer. So wurden zwei Brandopfer, die in der BG Klinik in Tübingen (D) behandelt wurden, inzwischen verlegt. Das bestätigte der Direktor der Klinik für Verbrennungschirurgie, Adrien Daigeler, dem «Reutlinger General-Anzeiger». Beide Patienten seien demnach stabil genug gewesen, um in heimatnahe Kliniken nach Frankreich und in die Schweiz verlegt zu werden.
Laut Bericht wurden die beiden jungen Brandopfer per Flugzeug nach Stuttgart und anschliessend mit dem Rettungswagen nach Tübingen gebracht. Am 2. Januar vermeldete die BG Klinik bereits, dass sie die beiden Brandopfer behandelt.
Neben dem europäischen Mechanismus zur Verteilung von Brandopfern hätten auch private Kontakte geholfen, wie Daigeler der Zeitung sagt. «Kollegen aus der Schweiz haben uns von dem Brandunglück berichtet. Da wussten wir schon Bescheid, dass wir Betten bereithalten sollten.»
Brandopfern steht nicht selten ein langer Leidensweg bevor. Problematisch sind nicht nur die Verbrennungen, sondern auch Beeinträchtigungen der Lunge. Mein Kollege Marian Nadler hat mit Lungenfacharzt René Fiechter über die Schäden gesprochen, die toxische Gase beim Einatmen anrichten können. Mehr dazu und wie es um die Heilungschancen steht, erfährst du hier.
Keine U-Haft aber strenge Auflagen für Jessica Moretti
Von Angela Rosser, Redaktorin am Newsdesk
Während Jacques Moretti in U-Haft sitzt, ist seine Ehefrau Jessica weiterhin frei. Das Zwangsmassnahmegericht des Kanton Wallis hat jedoch Ersatzmassnahmen verfügt. Dies geschah auf Empfehlung der Staatsanwaltschaft, wie es in der Mitteilung heisst. Die Empfehlung wurde ausgesprochen, da Fluchtgefahr bestand, heisst es.
Wie das Gericht mitteilt, darf Moretti die Schweiz nicht verlassen und muss ihren Ausweis bei der Staatsanwaltschaft abgeben. Weiter muss sie sich täglich bei der Polizeistelle melden und es gilt die Pflicht «zur Hinterlegung einer Sicherheitsleistung». «Die Höhe der Kaution wird zu einem späteren Zeitpunkt festgelegt, da dies einer eingehenden Prüfung bedarf», schreibt das Gericht.
Die Anordnung von Untersuchungshaft sei bei Jessica Moretti nicht möglich, da von der Staatsanwaltschaft kein entsprechender Antrag gestellt worden sei. Das Zwangsmassnahmegericht schreibt auch, dass jeder Angeklagte und jede Angeklagte bis zu einem rechtskräftigen Urteil als unschuldig gilt.
Detaillierter über das Hin- und Her, warum erst auf eine U-Haft-Anordnung von Jacques Moretti verzichtet wurde und diese dann doch angeordnet wurde, hat Michael Sahli, Ressortleiter News, berichtet.
Auch darüber, dass für den Barbetreiber andere Massnahmen geprüft werden, hat Blick bereits geschrieben. Warum er wieder freigelassen werden könnte, liest du hier.
«Held von Crans-Montana» in Serbien beerdigt
Von Marian Nadler, Redaktor am News-Desk
Stefan I. (†31) arbeitete als Türsteher in der Todes-Bar «Le Constellation». In der verhängnisvollen Silvesternacht soll er nicht nur mehrere Gäste ins Freie geschoben haben, sondern anschliessend erneut in das Lokal gegangen sein, um weitere Menschen zu retten. Seinen Einsatz bezahlte er laut serbischen Medien, die ihn als «Helden von Crans-Montana» bezeichneten, mit seinem Leben.
Am vergangenen Freitag wurde der Serbe in seinem Heimatland beigesetzt. Mehrere Hundert Menschen begleiteten den Sicherheitsmann auf seiner letzten Reise, wie die «Serbian Times» berichtete. Auch über 100 in der Schweiz lebende Landsleute sollen angereist sein.
I.s Heimatgemeinde Ljig hatte einen offiziellen Trauertag ausgerufen. Die Flaggen an den Gemeindegebäuden wurden auf Halbmast gesetzt, Veranstaltungen abgesagt. Vor dem Haus der Familie versammelten sich laut «Blic» Trauernde, legten Blumen nieder und zündeten Kerzen an.
Am Freitag hatte der serbische Botschafter in der Schweiz, Ivan Trifunović, bei der offiziellen Gedenkfeier in Crans-Montana VS über den mutigen Muskelmann gesagt: «Ich möchte Stefan I. besonders würdigen, der sein Leben verlor, als er in heroischer Weise versuchte, andere zu retten. Seine Selbstlosigkeit und seine Menschlichkeit stehen für die höchsten Werte.»
I.s Leichnam war erst mehrere Tage nach dem Brand per DNA-Abgleich identifiziert worden. Im Dorfzentrum von Jajčić, wo seine Familie lebt, hängt nun ein Porträt des Verstorbenen und erinnert an seine Courage. Mehr über Stefan I. liest du hier. Zu vielen weiteren Opfern von Crans-Montana findest du ausserdem hier mehr Informationen.
Gastronom behauptet: Moretti wusste von Gefahr
Von Marian Nadler, Redaktor am News-Desk
Jacques Moretti sitzt weiterhin im Wallis in Untersuchungshaft. In diesen Tagen muss sich der Korse viel anhören. Am Montag sagte der Vorbesitzer der Bar Le Constellation zu RTS: «Ich weiss nicht, warum das Ehepaar Moretti die Treppe verengt hat.» 34 der 40 Todesopfer sollen auf der völlig verstopften Treppe gestorben sein.
Ein weiterer heikler Punkt: An Champagnerflaschen befestigte Wunderkerzen sollen den Schallschutz an der Decke entzündet haben, der daraufhin rasend schnell in Flammen aufgegangen sein soll. Videos in den sozialen Medien zeigten den brennenden Schaumstoff.
Nun sagt Jean-Daniel Clivaz, der selbst Gastronom in Crans-Montana ist, Jacques Moretti habe bereits zum Zeitpunkt der Renovierungsarbeiten im Le Constellation gewusst, dass von dem Schaumstoff eine Gefahr ausging.
«Ich sagte ihm: Sei vorsichtig, was du tust, sei vorsichtig, was du verwendest. Er antwortete gelassen: Keine Sorge. Ich treffe alle notwendigen Vorkehrungen», so Clivaz in der italienischen Fernsehsendung «Quarta Repubblica» am Montag.
Sollte Jacques Moretti sich der Gefahr bewusst gewesen sein, könnte ihm eine Verantwortung an der Brandkatastrophe nachgewiesen werden. Die Anklage könnte dann nicht mehr auf fahrlässige Tötung, sondern auf eventualvorsätzliche Tötung lauten. Das Strafmass könnte somit deutlich höher ausfallen. «Wer fahrlässig den Tod eines Menschen verursacht, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder Geldstrafe bestraft», heisst es im Gesetzestext. Bei der vorsätzlichen oder eventualvorsätzlichen Tötung kann die Gefängnisstrafe bis zu 20 Jahre betragen, jedoch nicht weniger als fünf.
«Was ich gesagt habe, würde ich auch vor Gericht genauso sagen», sagte Clivaz am Dienstag zu «24 Heures». Das Ehepaar Moretti habe die Arbeiten im Jahr 2015 «ganz allein erledigt». Und weiter: «Wir alle haben sie im Dorf dabei beobachtet. Sie haben den Schaumstoff eingebaut, obwohl sie wussten, dass es verboten war.»
Clivaz behauptete zudem, Jessica Moretti sei in der Silvesternacht mit der Kasse unter dem Arm aus dem brennenden Lokal geflüchtet. Er behauptete, ein Augenzeuge habe ihm die Flucht detailliert geschildert. Dieser Zeuge sei angeblich bereits von der Staatsanwaltschaft Wallis vernommen worden. Dies hatte die italienische Zeitung «La Repubblica» zuvor unter Berufung auf das angeblich existierende Video einer Überwachungskamera berichtet. Eine Anfrage von Blick zu dem Video liess die Staatsanwaltschaft unbeantwortet.
Rätselhaft bleibt weiterhin auch, wo das Geld herkam, mit dem die Morettis im Wallis mehrere Immobilien, darunter die spätere Todes-Bar, kauften. Meine Kollegen Dorothea Vollenweider und Beat Michel haben das zwielichtige Imperium der Inferno-Beizer hier aufgearbeitet.
Italien will als Nebenklägerin auftreten
Von Angela Rosser, Redaktorin am Newsdesk
Die furchtbare Tragödie der Silvesternacht wird noch lange beschäftigen. Nicht nur die Familien der Verstorbenen und der Verletzten, sondern auch Anwältinnen und Richter. In mehreren Ländern laufen derweil Ermittlungen im Kontext des Bar-Infernos.
Am Montag reichte die römische Staatsanwaltschaft ein Rechtshilfeersuchen ein und die Ermittler baten um die Vernehmungsdokumente und eine Liste der Verdächtigen. Wie Blick bereits berichtete, läuft in Rom ein Verfahren wegen Totschlags, fahrlässiger Körperverletzung und Brandstiftung gegen Unbekannt.
Italien fordert Klärung
Am Dienstag sprach Aussenminister Antonio Tajani im Senat. «Wir haben gefordert und werden weiterhin fordern, dass alle Verantwortlichkeiten geklärt und die Geschehnisse vollständig aufgeklärt werden. Dies gilt insbesondere angesichts des für alle offensichtlichen fahrlässigen Verhaltens», sagte Tajani.
Weiter verkündete er, dass sich Italien nicht nur mit den Ermittlungen beschäftige, sondern sich als Nebenklägerin am Verfahren beteiligen wolle. «Es ist richtig, dass Italien sich als Nebenklägerin an dem Verfahren beteiligt, denn dies ist eine Wunde, die dem ganzen Land zugefügt wurde.»
Walliser Gemeinde Klägerstatus verweigert
Der Gemeinde Crans-Montana, die sich ebenfalls als Klägerin hatte aufstellen lassen wollen, teilte die Walliser Staatsanwältin mit, dass sie ihr den Klägerstatus verweigern werde. Crans-Montana hat daraufhin seinen Antrag zurückgezogen, wie RTS am Montag berichtet.
Ziehsohn der Morettis spricht über Brandnacht
Von Jessica von Duehren, Teamlead Newsdesk
Unzählige Berichte von Zeugen und Angehörigen haben wir seit dem Inferno in der Silvesternacht gelesen – die Seite des Betreiber-Paars Moretti blieb dabei meistens aussen vor. Jetzt meldet sich allerdings ein junger Mann zu Wort, der Jacques und Jessica Moretti sehr nahe steht.
Jean-Marc, wie er sich nennt, bezeichnet sich als Ziehsohn des Paares und berichtet in einem Interview mit dem TV-Sender BFM von der Brandnacht. Er war im Le Constellation, als das Feuer ausbrach und beschreibt, wie er die Nacht erlebte.
Meine Kollegin Janine Enderli hat sich das französischsprachige Interview angehört und die wichtigsten Aussagen für dich in diesem Artikel zusammengefasst.