Darum gehts
- Tragödie in Crans-Montana schockiert Schweiz, Fokus liegt auf Verantwortlichen
- Ehepaar Moretti in U-Haft, angebliche Verbindung zur korsischen Mafia
- 40 Todesopfer, 15 aus Frankreich und Italien, internationale Reaktionen folgen
Die Tragödie in Crans-Montana hat die Schweiz schockiert. Seit zehn Tagen schaut das ganze Land aufs Wallis – und auf eine Handvoll Gesichter. Jene, die entscheiden, retten, trösten und jene, die sich erklären müssen. Blick stellt die Menschen vor, die seit der Silvesternacht im Rampenlicht stehen.
Als Jacques (49) und Jessica Moretti (40) sich 2015 in Crans-Montana niederliessen, war Ersterer bereits vorbestraft. In Frankreich rekrutierte er nach der Jahrtausendwende junge Frauen für Schweizer Erotiksalons. 2008 verurteilten die französischen Justizbehörden Moretti wegen Zuhälterei zu einer Haftstrafe. Seither darf er in der Grande Nation kein Unternehmen mehr führen. In der Schweiz, die Prostitution 1992 vollständig legalisierte, galt dies nicht.
In Crans-Montana bauten sich die Morettis ein Immobilien-Imperium auf: Neben der verhängnisvollen Inferno-Bar und weiteren Gastrobetrieben gehören dem Ehepaar auch mehrere Einfamilienhäuser. Woher das viele Geld stammt, ist nicht abschliessend geklärt – dem nun in U-Haft sitzenden Moretti werden Verbindungen zur korsischen Mafia nachgesagt.
Lange war Nicolas Féraud (55) der Dorfkönig, inzwischen ist er internationaler Sündenbock. Nach der Tragödie zeigte sich der Gemeindepräsident heillos überfordert. Endgültig in den Schilf stellte er sich bei seinem zweiten Auftritt. «Die Gemeinde ist als Geschädigte am meisten betroffen, vor allen anderen», sagte Féraud vor den Medien. Statt Verantwortung für versäumte und zu lasche Kontrollen zu übernehmen, melden sich er und seine Gemeinde bei einem möglichen Prozess lieber bereits als Nebenklägerin an.
David Vocat kommandiert die Feuerwehr in Crans-Montana – fünf Minuten nach dem Notruf in der Silvesternacht war er vor Ort. Man will sich nicht vorstellen, was er gesehen hat. «Wir haben sofort geholfen, wir wollten den jungen Menschen wirklich helfen», sagte er kurz danach zu Blick. Dann verstummt er, seine Lippen zittern nur.
Ein Video vom Trauermarsch in Crans-Montana kursiert in den sozialen Medien, Vocat ist zu sehen, wie er in Tränen ausbricht. Er wird damit zum Gesicht der Ersthelfer, die nach dem Einsatz unter Schock stehen.
Auf sie sind nun alle Augen gerichtet. Generalstaatsanwältin Beatrice Pilloud (50) verantwortet die Untersuchung der Brandkatastrophe. Sie muss ermitteln und hieb- und stichfeste Beweise liefern, während die Öffentlichkeit möglichst rasch Antworten will. Die Juristin zog die Wut der Betroffenen auf sich, als sie verlautete, dass die Walliser Staatsanwaltschaft das Besitzerpaar Moretti nicht in Untersuchungshaft nehmen wolle. Auch die Fallführung gab zu reden. Gleichzeitig kam die Frage auf: Kann man dem Kanton Wallis eine unabhängige Untersuchung zutrauen?
«Jemand hat einen Fehler gemacht», sagte der Walliser Sicherheitsdirektor Stéphane Ganzer (50) kurz nach dem Unglück bei SRF. Die Gemeinde hatte der FDP-Staatsrat damals noch eher weniger im Visier. Die Kontrollen seien gemacht worden, bekräftigte er gegenüber den Medien.
Wenige Tage später ist alles bereits anders. Nach der fatalen Medienkonferenz der Gemeinde liest Ganzer den Verantwortlichen die Leviten: Er sei «schockiert und verärgert» über die versäumten Kontrollen. Und auch zuvor hätte das in der Bar verbaute Dämmmaterial überprüft werden müssen. «Es gibt in der Verordnung sehr vollständige und klare Checklisten», so der Sicherheitsdirektor im Westschweizer Fernsehen. Er ist einer der verantwortlichen Politiker, die nun ständig in den Medien sind. Ganzer muss informieren, erklären, rechtfertigen.
Am Tag nach der Katastrophe zeigte sie überall das Foto ihres Sohnes Arthur, auf den sozialen Medien postete sie eine Vermisstenmeldung. Wenige Tage später muss Laetitia Brodard ihren Sohn bestatten. Arthur ist unter den 40 Todesopfern, welche die Tragödie forderte. Laetitia und Arthur gehörten zu den ersten Gesichtern, die um die Welt gingen. Nun macht die Mutter in verschiedenen Medien ihre Trauer öffentlich – als Stimme für die vielen andere Eltern, wie sie sagt. Sie will bewusst an das tragische Schicksal der Opfer erinnern.
Unter extremem Zeitdruck behandelt Kathrin Neuhaus derzeit die Opfer der Brandkatastrophe. Sie ist Chefärztin und Leiterin des Zentrums für Brandverletzte im Kinderspital Zürich (Kispi). Am Neujahrstag trafen die ersten Verletzten im Kispi ein, seither stehen Neuhaus und ihr Team von morgens bis abends im OP-Saal. Jetzt komme für Ärzte und Opfer die heikelste Phase, so Neuhaus zur «NZZ». Nach etwa sechs Tagen steige nämlich die Gefahr für eine lebensgefährliche Infektion markant an – das Immunsystem sei allmählich ausgelaugt.
Kaum hat Wirtschaftsminister Guy Parmelin (66) am 1. Januar das Amt als Bundespräsident übernommen, schon sitzt er in Sitten VS an einer Medienkonferenz. «Sie sind nicht allein», verspricht er der Walliser Bevölkerung. Die Fahnen beim Bundeshaus werden auf halbmast gesetzt, für den 9. Januar ruft Parmelin einen nationalen Trauertag aus. In einem offenen Brief wendet er sich an die Bevölkerung: Das Unglück habe «die ganze Schweiz zu einer geeinten Familie von Trauernden gemacht». Er musste die richtigen Worte finden, war im Kontakt mit ausländischen Staatschefs. Der schlimmstmögliche Start für das neue (Präsidial)-Jahr.
Nach dem Silvester-Inferno wird Crans-Montana zur Bühne für PR-Profis. Der Gemeindepräsident Nicolas Féraud zeigte sich überfordert mit der Flut an internationaler Aufmerksamkeit und holte sich professionelle Unterstützung von der Dynamics Group. Die Medienkonferenz am Dienstag wurde von einem «Senior Partner» des Kommunikationsbüros – dem Westschweizer Ex-Journalisten Thierry Meyer – geleitet. Auch die Betreiber der Bar, das Ehepaar Moretti, holten sich professionelle Hilfe. Drei Top-Juristen vertreten sie im Prozess.
Die Gemeinde Crans-Montana VS musste einräumen, dass die Bar «Le Constellation» seit Jahren nicht mehr kontrolliert wurde. Ein Ruck ging durch die Schweiz: Erste Politiker forderten Anpassungen beim Brandschutz, verschiedene Behörden wollen Kontrollen verschärfen.
«Wie dramatisch die Gemeinden damit überfordert sind, sehen wir jetzt leider auf tragische Weise am Beispiel von Crans-Montana», sagt der ehemalige SP-Präsident Peter Bodenmann (73) im Interview mit der «NZZ». Auch die SP Oberwallis fordert eine kantonale Gebäudeversicherung. Bodenmann steht für die kritischen Stimmen, die jetzt aufkommen – zum Wallis und angeblichem Filz, zu möglichen Versäumnissen beim Brandschutz.
15 der 40 Todesopfer stammen aus Frankreich und Italien. Im Umgang mit der Tragödie zeigen sich die beiden Nachbarländer jedoch unterschiedlich. Die französische Politik rief vorwiegend zu Mitgefühl auf – allen voran Staatschef Emmanuel Macron (48), der am Freitag auch für die Trauerzeremonie nach Martigny VS reiste. Und als die Walliser Staatsanwaltschaft eine Strafuntersuchung ankündigte, kam sogleich auch aus Paris die Meldung, eine sogenannte «Spiegeluntersuchung» einzuleiten.
Zwar drückten die italienische Ministerpräsidentin Giorgia Meloni (48) sowie Aussenminister Antonio Tajani (72) und Staatspräsident Sergio Mattarella (84), die beide wie Macron in die Schweiz reisten, ebenso ihre Anteilnahme aus. Aus ihrem Heimatland kamen jedoch auch harsche Worte: Vize-Ministerpräsident Matteo Salvini (52) nahm bereits kurz nach dem Inferno die Walliser Behörden ins Visier und forderte harte Konsequenzen. Auch Gian Lorenzo Cornado (66), der italienische Botschafter in der Schweiz, nahm kein Blatt vor den Mund: «In Italien wäre ein solches Lokal innerhalb von fünf Tagen geschlossen worden», sagte er.