«Schon die Meldung am Telefon liess Schlimmes erahnen»
1:24
Polizeisprecher zur Bluttat:«Schon die Meldung am Telefon liess Schlimmes erahnen»

Bluttat in Birr AG – Tochter wählte den Notruf
«Das ist ein tiefgreifender Einschnitt in die gesamte kindliche Lebenswelt»

Das Drama von Birr schockiert die Schweiz: Ein Ehemann tötet seine Frau. Mittendrin: die weinenden Kinder. Eines rief sogar den Notruf. Wie können Kinder solch ein Trauma überwinden?
Kommentieren
1/16
Santos R. (rechts) wurde gefasst. Er soll seine Ehefrau Maria R. getötet haben.
Foto: Facebook

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • In Birr AG tötet ein Mann (44) am 3. Juni seine Frau (36)
  • Die Kinder der Familie mussten die Tat mitansehen, Notruf von einem Kind
  • In der Schweiz wurden seit 2020 mehrere ähnliche Tötungsdelikte verzeichnet
RMS_Portrait_AUTOR_519.JPG
Johannes HilligRedaktor News

Grausame Szenen müssen sich am Mittwoch in einer Wohnung in Birr AG abgespielt haben. Während Santos R.* (44) auf seine Ehefrau Maria R.* (†36) losgeht und sie tötet, mussten offenbar mehrere Kinder die Horrortat mitansehen. «Sie haben wohl vieles der Tat mitgekriegt. Eine schlimme Situation», sagte Polizeisprecher Bernhard Graser am Mittwoch zu Blick. «Der Notruf kam von einem Kind.» Die traumatisierten Kinder werden nun psychologisch betreut.

Aber was bedeutet das genau? Wie können Kinder so einen Horror verarbeiten? Was macht das mit den Kleinen? «Das ist psychologisch nicht nur ein einzelnes Schockereignis, sondern ein tiefgreifender Einschnitt in die gesamte kindliche Lebenswelt», sagt Gregor Berger, Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie.

Schlafstörungen, Albträume oder Einnässen

«Manche Kinder wirken zunächst erstaunlich ruhig oder ‹funktionieren›, was nicht bedeutet, dass sie nicht belastet sind. Andere sind stark aufgewühlt, klammern, schreien, stellen immer wieder dieselben Fragen oder können kaum schlafen.» Bei kleineren Kindern kann man Einnässen, Daumenlutschen oder starkes Klammern bemerken. Jüngere Kinder können schwer verstehen, was der Tod der Mutter oder des Vaters bedeutet, und fragen dann immer wieder, wann Mami oder Papi wieder zurückkommt. 

Berger betont aber auch: «Nicht jede starke Reaktion in den ersten Tagen ist bereits eine psychische Störung. Viele Reaktionen sind zunächst verständliche Reaktionen auf ein abnormales Ereignis.» Deswegen ist es entscheidend, dass das sich das Kind wieder sicher fühlt. Das hängt von einer Vertrauensperson und einer richtigen Betreuung ab. «Wichtig ist, dass Kinder nicht gedrängt werden, über Details zu sprechen. Sie sollen wissen, dass sie sprechen dürfen, aber nicht müssen.»

«Wut, Kontrolle, Misstrauen»

Gerade für die emotionale Entwicklung kann es schwerwiegende Folgen haben, wenn Kinder eine solche Horrortat erleben. «Kinder können Schwierigkeiten entwickeln, anderen zu vertrauen, Nähe zuzulassen, Gefühle zu regulieren oder Konflikte als lösbar zu erleben. Manche werden überangepasst und versuchen, keine Belastung mehr zu sein; andere reagieren mit Wut, Kontrolle, Misstrauen oder Rückzug.»

Zum Schluss erklärt Berger: «Kinder brauchen nach einem solchen Ereignis nicht nur Schutz vor weiterer Gewalt, sondern auch ein ruhiges, verlässliches und möglichst wenig beschuldigendes Umfeld.»

Das Grauen von Birr reiht sich ein in eine Liste des Schreckens. Die Schweiz erlebte in den vergangenen Jahren immer wieder ähnliche Tötungsdelikte, bei denen Kinder Zeugen des Horrors werden mussten. 

Mutter vor vier Kindern erschlagen

In Oey BE kam es im März 2020 zu einer unfassbaren Grausamkeit. Qerim B.* erschlug die Mutter seiner vier Kinder. Die Geschwister mussten die brutale Tat im eigenen Zuhause mitansehen und flüchteten danach völlig verstört aus dem Haus.

Blutbad im Treppenhaus in Wohlen AG

Im August 2024 hallten Schüsse durch ein Mehrfamilienhaus. Ein Mann tötete im Treppenhaus einen polnischen Familienvater. Mittendrin: dessen siebenjährige Tochter. «Die Tochter musste aus nächster Nähe mitansehen, wie ihr Vater erschossen wurde», sagte damals Kapo-Sprecher Adrian Bieri. Das Mädchen erlitt bei der Schussabgabe eine Verletzung, überlebte aber.

Opa tötet Schwiegerenkelin

Ein Serbe reiste 2021 mit einer blutigen Mission in die Schweiz: seine Schwiegerenkelin zu töten. Sie hatte drei Monate zuvor die Scheidung eingereicht und wollte ihre Kinder in der Schweiz grossziehen. Das liess der ungelernte Landwirt nicht auf sich sitzen. Mit sechs Schüssen ermordete er Xenia K.* (†32) an ihrem Wohnsitz in Winterthur.

Zwei der drei Kinder der Schweizerin befanden sich zum Tatzeitpunkt in Serbien beim Vater. Das dritte – erst 19 Monate alt – musste die grausame Erschiessung seiner eigenen Mutter miterleben. Der Serben-Opa wurde 2024 wegen Mordes zu 20 Jahren Knast verurteilt. «Es war eine eiskalte Hinrichtung», sagte der vorsitzende Richter damals in der Urteilsbegründung.

* Namen geändert 


Was sagst du dazu?
Heiss diskutiert
    Meistgelesen