«Wir werden eine ausgeglichenere Nachfrage generieren»
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Tourismusdirektor Hauswirth:«Wir werden eine ausgeglichenere Nachfrage generieren»

Touristenmassen überrennen Grindelwald BE – die Bevölkerung hat die Schnauze voll
«Irgendwo gibt es eine Grenze!»

Grindelwalds Tourismusboom spaltet die Einheimischen – obwohl die Mehrheit davon lebt und profitiert. Der November war früher die Zeit der Ruhe am Fuss des Eigers. Doch das ist vorbei. Eine Reportage aus dem wohl hektischsten Bergdorf der Schweiz.
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«Wir wollen hier keinen Ballenberg!» Gemeindepräsident Beat Bucher im Zwiespalt: Tourismus bringt Geld, aber keine Ruhe.
Foto: Philippe Rossier

Darum gehts

  • Grindelwald erlebt Tourismusboom und stösst an eigene Grenzen
  • November-Nachfrage stark gestiegen, Ruhe schwindet, Einheimische im Zwiespalt
  • Logiernächte stiegen auf 1,6 Millionen, ein Drittel mehr als vor 10 Jahren
Die künstliche Intelligenz von Blick lernt noch und macht vielleicht Fehler.

Grindelwald kennt nur noch eine Jahreszeit: Hochsaison. Im vergangenen Jahr verbuchte das Dorf 1,6 Millionen Logiernächte – ein Drittel mehr als vor über zehn Jahren. Das Dorf erlebte einen Tourismusboom und stösst ans Limit. «Müssen wir es ausreizen?», fragt Gemeindepräsident Beat Bucher (70, parteilos) und antwortet: «Nein! Irgendwo gibt es eine Grenze!»

Die Gemeinde im Berner Oberland ist Opfer ihres eigenen Erfolgs: Die Auslastung der Hotelbetten ist in den vergangenen Jahren von 50 auf 70 Prozent gewachsen; ein Spitzenwert. Über eine Million Touristen pilgerte im vergangenen Jahr auf das Jungfraujoch, knapp eine Million reiste auf den Spass-Berg First. Ein US-Reiseführer setzte die Jungfrau-Region deshalb neu auf die «No List».

Die Touristen seien «belästigend» und «übergriffig». Sie laufen durch private Gärten, fotografieren und berühren einheimische Kinder, berichten Ortsansässige. Im Sommer sind die Strassen verstopft, im Winter die Einheimischen erschöpft. Und jetzt ist es auch mit dem letzten ruhigen Monat, dem November, vorbei.

Gäste das ganze Jahr

Grindelwalds Tourismusstrategie will das ganze Jahr Gäste; im Fachjargon: Desaisonalisierung. Und das klappt: Besucher wie das chinesische Paar Jian Ling (30) und Dacheng (30) nächtigen im November im Dorf. 

Planänderung: Statt auf die First fahren Jian Ling Li (l.) und Dacheng Li über die Station Eigergletscher auf das Jungfraujoch.
Foto: Philippe Rossier

Wenige Minuten vom Bahnhof Grindelwald entfernt steht das Hotel Belvedere. Ein Bentley fährt vor, der Portier steigt aus. Gäste checken ein.

«Das gab es früher nicht», sagt Carole Hauser (34), Hotelière in vierter Generation, zur hohen Auslastung im November. Bis vor zehn Jahren schlossen ihre Eltern die Hotelpforte mangels Nachfrage und für Renovationen.

Carole Hauser, Direktorin im Hotel Belvedere übernahm mit ihrem Bruder vor vier Jahren den Hotelbetrieb ihrer Eltern. Im laufenden Betrieb baut sie Zimmer und Suiten um.
Foto: Philippe Rossier

Heute wird ebenfalls gebaut. Eine Schliessung wäre aber ein Verlust, denn die November-Nachfrage ist gestiegen, erklärt sie. Sie steigt die Treppe hoch in den ersten Stock. Eine weisse Folie bedeckt den Boden des Ganges. Vor der Tür zum Zimmer 124 stehen Werkzeugkisten und Kübel.

Bau bei laufendem Betrieb

«Zwei Zimmer und eine Suite bauen wir hier im laufenden Hotelbetrieb um.» Trotz Baustelle ist die Hälfte aller Zimmer im «Belvedere» im früher ruhigsten Monat besetzt. Auch in anderen Hotels.

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Kein Monat wuchs in den vergangenen Jahren so stark wie dieser. Mit 21’000 Übernachtungen verbuchten die Hoteliers im November 2024 zwar weniger als in anderen Monaten, aber viermal mehr als im November 15 Jahre zuvor.

Für das Hotel Belvedere ist der 365-Tage-Betrieb ein Segen. «Wir können den Mitarbeitenden Ganzjahresverträge ausstellen», erklärt Direktorin Hauser. Auch sie weiss: Das Grindelwald von früher existiert nicht mehr. «Die Beliebtheit unseres Dorfs im In- und Ausland ist eine Bereicherung. Vieles ist aber komplexer, auch im November.»

Das beschäftigt nicht nur Tourismus und Politik, sondern auch die Kleinsten. «No picture!», sagt eine Kindergärtnerin neben ihrer Mutter auf dem Heimweg stolz. Es ist der erste Englisch-Satz, den sie lernte. An der Schule Graben diskutieren an diesem Nachmittag Achtklässler, ob der Tourismus Fluch oder Segen sei.

«Wir wollen hier keinen Ballenberg»

Mit dabei ist Gemeindepräsident Bucher. «Klar, die Kinder wären froh, wenn es mehr Ruhe gäbe», sagt er. «Das wäre auch mein Wunsch, aber das Wachstum ruft.» Seit 25 Jahren lebt der Stadtberner in Grindelwald. Die Entwicklung erlebte er mit. «Schneller und hektischer» sei der Alltag im Dorf. Kaum gesagt, braust ein litauischer Reisebus vorbei.

Trotz November-Loch brausen die ausländischen Reisebusse an Gemeindepräsident Beat Bucher vorbei.
Foto: Philippe Rossier

Der Politiker sieht sich nicht als Tourismus-Lobbyist, sondern als Vertreter einer Bevölkerung im Zwiespalt: Die Einheimischen sind unter Druck. Gleichzeitig sind die Steuereinnahmen gestiegen, der Steuerfuss sank.

Mitte November stoppte Beat Bucher ein neues grosses Hotelprojekt mit 200 Betten. «Die Bevölkerung hätte das nicht akzeptiert.» In einer Tourismusdestination eine Seltenheit.

Während die Touristiker aufs Gas treten, zieht er die Bremse. «Passt auf, dass Grindelwald nicht zum Ballenberg wird», mahnt er. «Manche Gäste denken, wir seien Teil der Show.»

Das sagt er im Wissen, dass die Ruhe nicht wieder einkehrt. Denn andere Projekte sind bereits aufgegleist: Aus dem geschlossenen Hotel Regina soll ein Hotelkomplex mit 700 Betten und Appartements werden – Einsprachen sind noch hängig.

Die First-Bahn soll erneuert und ausgebaut werden. Mit einem Viertelstundentakt zwischen Interlaken und Grindelwald soll in fünf Jahren die «erste S-Bahn der Alpen» ihren Betrieb aufnehmen.

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Käser und Trychler Michael Meyer lebt vom Tourismus und schätzt die ruhigere Zeit im November. Er hofft, dass dem so bleibt.
Foto: Philippe Rossier

«I gang mit minere Laterne»

Um Punkt 18 Uhr ertönt Glockengeläut. Im Schlepptau der Grindelwaldner Trychler um Michael Meyer (39) bummeln rund 30 Kinder über die gesperrte Strasse. Einheimische Kinder mit geschnitzten Räben und Kerzen verdrängen für einmal die Touristen von der Strasse – nicht umgekehrt.

Weil Jimmy (3) erst kommendes Jahr mitlaufen darf, verbringt er den Umzug auf den Schultern von Papi Rolf Feuz (41). «Die Zwischensaison wäre wichtig», meint der Berner Oberländer. «Aber sie existiert nicht mehr.»

Wie bei vielen hier ist auch sein Zimmermann-Lohn vom Tourismus abhängig. Er fragt sich: «Was haben wir davon, wenn noch mehr Gäste unsere Strassen und Bahnen verstopfen?»

Neuer Tag, neue Touristen: 34 Sri Lanker und ein Schweizer warten auf die Gondel im flughafenähnlichen «Terminal» der Jungfraubahn. Von Grindelwald fährt der Eiger-Express zum Eigergletscher hoch. In weniger als einer Stunde wird die Gruppe aus Sri Lanka um Reiseführer Hans Eimann (60) das Jungfraujoch erreichen.

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Hans Eimann aus Interlaken BE begleitet als Guide die Gruppe aus Sri Lanka aufs Jungfraujoch.
Foto: Philippe Rossier

Rolex, Rummel und Ruhe

Kaum verlässt die Gondel die Talstation, beginnt das Gewusel. Handys verlassen die Hosentaschen. Links ziehen wir an der Eiger-Nordwand vorbei. Samson Arun (42) zeigt seiner daheimgebliebenen Frau und den drei Kindern das Bergpanorama per Videocall.

Sein Ziel: «Rolex, Schokolade und Käse kaufen.» Arun und seine Landsleute verbringen weniger als zwölf Stunden im Dorf, bevor sie weiterziehen nach Zermatt VS und Montreux VD.

Grindelwald ist die Station zwischen Berg und Tal, Rummel und Rast. Im Schatten des Eigers schmilzt die Ruhe wie der Gletscher am Berg. Kalt lässt das die Einheimischen nicht mehr.

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